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10. August 2010, 19:40 Uhr

So bedroht sind Russlands Reaktoren

In Russland bedrohen Waldbrände die Sicherheit von Atomanlagen. Was genau richten die Flammen an und droht den deutschen Kraftwerken ähnliche Gefahren? Von Niels Kruse

Russland, Brand, Brände, Waldbrände, Torfbrände, Wald- und Torfbrände, Atomkraftwerk, Kernkraftwerk, AKW, Reaktor Kraftwerk, Nuklear, Nuklearanlage, Atomanlage, Gefahr, Kühlung, GAU, Majak, Tschernobyl, Kernspaltung

Mit dem Kübelwagen gegen das Inferno - verzweifelt versuchen die Russen die Brände zu bekämpfen© Maxim Shipenkov/EPA/DPA

Seit 50 Jahren setzt sich die Radioaktivität im Boden ab, in den Pflanzen, in den Bäumen. Im örtlichen Karatschai-See strahlen Atomabfälle um die Wette: Wer eine Stunde ungeschützt an seinem zubetonierten Ufer steht, fängt sich eine tödliche Dosis Strahlung ein. Hier, in der Gegend rund um die Ural-Stadt Osjorsk, flog 1957 ein Tank mit nuklearem Abfall in die Luft - ein GAU vergleichbar mit dem von Tschernobyl. Und es war nicht der einzige schwere Unfall in der Atomanlage Majak. Nun wird sie wieder bedroht: durch die Flammen der Wald- und Torfbrände.

Angesichts der drohenden Gefahr für die Aufbereitungs- und Lagerstätten wurde der Ausnahmezustand über die Ural-Stadt ausgerufen. Zu groß ist die Gefahr, dass die Flammen Böden und Pflanzen verbrennen, und so die dort gebundenen radioaktiven Partikel freisetzen. Die könnten, so Greenpeace-Atomexperte Christoph von Lieven, auf diese Weise wieder in die Atmosphäre gelangen oder beim Löschen ins Grundwasser gespült werden.

Vorerst Entwarnung gegeben

Vorerst haben die dortigen Behörden Entwarnung gegeben: Die Brände in der Nähe der Atomanlage seien gelöscht, sagte eine Sprecherin des Zivilschutzministeriums. Doch der Ausnahmezustand bleibt bis auf Weiteres bestehen, die Gefahr, dass die Feuer wiederaufflammen groß, ein Ende der "Jahrtausendhitze" ist nicht in Sicht.

Auf den rund 1700 Quadratkilometern, die derzeit in Flammen stehen, befinden sich zudem weitere Nuklearanlagen: Sarow, etwa 500 Kilometer östlich von Moskau und Sneschinsk, unweit von Osjorsk. Hier stehen rund sieben Hektar Land rund um die Einrichtung in Flammen, das Katastrophenschutzministerium soll die Rettungskräfte aufgefordert haben, dort rund um die Uhr präsent zu sein. Das Feuer bedroht dabei weniger den Reaktor an sich als vielmehr die ihn umgebende Schutzvorrichtung. "Ein Atomkraftwerk muss gekühlt werden", sagt von Lieven, dazu brauche es unter anderem Wasser, Pumpen und vor allem Strom. "Wenn diese Infrastruktur durch Feuer zerstört wird, kann ein Kraftwerk überhitzen - und Radioaktivität austreten." Im allerschlimmsten Fall droht sogar die Kernschmelze.

Zu wenige Löschfahrzeuge

Dass die Brände auf die Nuklearanlagen übergreifen könnten, beschäftigt die russischen Behörden trotz erster Löscherfolge. In Krisensitzung suchen sie mögliche Lösungen, um die Feuer nachhaltig von den Komplexen fernzuhalten. "Die Frage ist nur: Sind sie dazu in der Lage?", sagt der Greenpeace-Experte. Einige Kraftwerke liegen in der Nähe von Sumpfgebieten, die nicht oder nur schlecht mit Fahrzeugen erreichbar sind. Zudem wurden in den vergangenen Jahren viele Gebiete trockengelegt, der Brandschutz aber völlig vernachlässigt. Von Lieven fordert deshalb die europäischen Staaten dazu auf, weitere Helfer und Löschflugzeuge ins Land zu schicken. "Auf diese Art von Bedrohung hat kein Notfallplan eine Antwort." Im Übrigen wohl auch kein deutscher.

Grundsätzlich bedroht dieses Schreckensszenario auch hiesige Kernkraftwerke. Denn die "neuralgischen Punkte, Kühlung und Stromversorgung, sind bei allen Anlagen die gleichen", so von Lieven. Der deutsche Katastrophenschutz verweist auf Notfallpläne, ohne auf Details einzugehen. Greenpeace geht davon aus, dass die Sicherheitsstandards in Deutschland wohl höher seien als in Russland. Auch sei die Infrastruktur moderner und die Feuerwehr und andere Helfer besser ausgestattet.

In Deutschland drohen Erdbeben, Blitze und Hochwasser

Allerdings sind es weniger großflächige Brände, die die 17 deutschen Atomkraftwerke gefährden als vielmehr Gewitter, Hochwasser und Erdbeben. Wegen Unwetterschäden werden immer wieder AKW vom Netz genommen. Spektakulär war etwa ein Zwischenfall im schwedischen Forsmark, als 2006 ein Blitz den dortigen Meiler lahmlegte, und zudem die Notstromversorgung ausfiel. Später räumte das Unternehmen ein, dass eine Kernschmelze nur knapp verhindert worden sei und beim ebenfalls zu Vattenfall gehördenden AKW Brunsbüttel ähnliche Probleme auftauchen könnten.

Das hessische Kraftwerk Biblis wird dagegen durch Erdbeben bedroht - es liegt am Oberrheingraben, einem seismisch aktiven Gebiet. Schon 1988 wurde das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz stillgelegt, weil das Bundesverwaltungsgericht die Stromerzeugung wegen Erdbebengefahr gestoppt hatte. Zudem droht Biblis Hochwasser. Das AKW ist bislang gegen eine Flut geschützt, die statistisch nur alle 10.000 Jahre auftritt - was von Wetterwahrscheinlichkeiten zu halten ist, zeigt nicht nur die derzeit grassierende "Jahrtausendhitze" in Russland.

Von Niels Kruse
 
 
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