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"Ich habe mehr verloren als einen Vater"

Der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, ist mit 77 Jahren gestorben. Dinh Quang Nguyen wurde vor 34 Jahren von ihm aus dem Südchinesischen Meer gerettet und war in den letzten Jahren sein Arzt. Hier erinnert sich der 38-Jährige an sein großes Vorbild.

Rupert Neudeck mit seinem Arzt Dinh Quang Nguyen

Rupert Neudeck und Doktor Dinh Quang Nguyen: Der Arzt sagt: "Ohne Rupert wäre ich nicht mehr am Leben".

Er hat Tausenden das Leben gerettet, jetzt ist er tot. Rupert Neudeck, Journalist und Aktivist, Gründer des Hilfswerks Cap Anamur und der Grünhelme, starb heute im Alter von 77 Jahren in Siegburg nach einer Herzoperation. Der dreifache Vater und gläubige Katholik war ein rastloser Kämpfer für die Würde des Menschen. Der Kölner Arzt Dinh Quang Nguyen, 38, den Rupert Neudeck und seine Leute einst aus dem Meer retteten, erinnert sich an seinen "geistigen Vater" und "unser aller Vorbild":

"Ohne Rupert wäre ich nicht mehr am Leben. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich heute in Deutschland bin und auch Menschen helfen kann. 34 Jahre sind vergangen, seitdem meine Familie in einem kleinen Holzboot auf dem Südchinesischen Meer trieb, und für jeden nur noch ein Teelöffel Wasser übrig war, unter sengender Sonne. Wir waren verzweifelt, meine sechs Monate alte Schwester, meine Eltern und Großeltern und alle Verwandten, die es geschafft hatten, auf das Boot zu kommen.

Länger als zwei Tage noch würden wir es nicht aushalten, das war unsere Furcht. Aber wir wollten weg, wir mussten weg, auf der Flucht vor den Kommunisten. Und dann war da plötzlich ein schwarzer Punkt am Horizont, Umrisse eines Schiffs, und als es näher kam, winkte jemand an Bord und rief: 'Wir helfen euch, bleibt ruhig'. Es war Rupert Neudeck mit seiner 'Cap ', der da vor der Küste kreuzte. Wir waren so erschöpft, dass wir nicht glaubten, was wir da sahen. Menschen waren gekommen, aus dem fernen Europa, uns die Hand zu reichen.

Nicht lange überlegen, sondern handeln

Drei Monate hatte mein Großvater heimlich an einem Schiff für unsere große Familie gebaut, und ich hätte das Unternehmen fast zum Scheitern gebracht. Ich schrie unentwegt, ich hatte Angst, mir war schlecht, es war grausam. Meine Eltern wussten sich nur zu helfen, indem sie mir mit einem Stück Stoff den Mund stopften. Am vierten Tag auf See kaperten Piraten das Boot, sie nahmen die Frauen und vergewaltigten sie. Sie stahlen das wenige Hab und Gut und versenkten die Vorräte im Meer. Alle an Bord schienen dem geweiht, bis Rupert Neudeck auftauchte. Dieser Mann, der beim Radio arbeitete, wie ich später hörte. Der vom Meer keine Ahnung hatte, aber helfen wollte. Einfach machen, hat er immer gesagt, lasst uns nicht lange überlegen, sondern handeln.

Er hatte damals für diese Aktion sein Haus verpfändet, und einen Satz von Rupert werde ich nie vergessen: 'Ich möchte nie mehr feige sein'. Denn das Menschen feige sein können, hat Rupert Neudeck, 1939 in den Wirren des beginnenden Zweiten Weltkriegs geboren, selbst erlebt. Als Kind musste er mit seiner Mutter, den drei Brüdern und seiner Schwester aus Danzig fliehen. Sie wollten auf die 'Wilhelm Gustloff', die später bombardiert und zum Massengrab wurde. Das Schicksal wollte es wohl, dass die Familie den Hafen zu spät erreichte und das Schiff bereits abgelegt hatte.

Rupert Neudeck an Bord der Cap Anamur

Rupert Neudeck inmitten von Kindern an Bord der Cap Anamur (undatierte Aufnahme)

Neudeck studierte unter anderem Philosophie und Theologie und war stets der Meinung, das Leben habe nur dann einen Sinn, wenn man für andere da sei. Und so wurde die 'Cap Anamur' für ihn das 'schönste Ergebnis des deutschen Verlangens, niemals wieder feige, sondern immer mutig zu sein.'

Die Geschichte der 'Cap Anamur' ist so bewegend wie faszinierend: Ermutigt durch Gespräche mit den Philosophen André Glucksmann und Jean­ Paul Sartre hatte Neudeck dem Schriftsteller Heinrich Böll einen Brief geschrieben, dass er ihn bei seinem Vorhaben unterstützen möge. Nach einem Hilferuf in der 'Report'-­Sendung von Franz Alt kamen innerhalb von drei Tagen über 1,2 Millionen Mark zusammen. Rupert Neudeck, naiv, aber entschlossen, kaufte einen Stückgutfrachter und startete seine spektakuläre Aktion. Ich glaube, am Ende hat er fast 11.000 von uns ein neues Leben ermöglicht.

Vor wenigen Wochen noch haben wir Überlebenden Rupert Neudeck und seine Frau Christel zum vietnamesischen Neujahrsfest eingeladen und unsere abermalige Wiedergeburt gefeiert. Und auch da hat Rupert uns ermutigt, weiter zu machen, ohne viel Aufheben, einfach zu tun, was zu tun ist. In diesen Tagen, in dieser Welt, Zeichen zu setzen der Hoffnung und der Zuversicht.

Ich komme mir gerade ein wenig einsam vor

Rupert hat mich gelehrt, noch mehr auf mein Innerstes zu hören, noch mehr zu hoffen und nicht zu verzagen. Wir brauchen neue Schiffe, hat Rupert immer gesagt, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten. So wie zum Beispiel die 'Sea Watch' des Brandenburger Unternehmers Harald Höppner, so wie weitere Initiativen der Kirchen und vieler Privatpersonen. Viele Deutsche denken, noch mehr Flüchtlinge machen uns arm. Ich weiß aber, dass Flüchtlinge auch den Reichtum mehren können. Meine beiden Brüder sind Zahnärzte geworden, meine beiden Schwestern Apothekerinnen.

Ich komme mir gerade ein wenig einsam vor, ich habe mehr verloren als einen Vater. Rupert wird uns allen fehlen, seine Begeisterung, sein Langmut, seine Selbstlosigkeit. Er war ein richtig Großer und nicht klein zu kriegen. Und ich bin sicher, als Katholik darf ich das sagen, dass er uns jetzt vom Himmel aus weiter unterstützen wird. Obwohl ich auch glaube, dass Rupert in seinem unbändigen Lebenswillen nichts dagegen gehabt hätte, ein bisschen länger noch am Boden zu bleiben und uns alle noch ein wenig mehr aufzurütteln."

 

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