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Merkels Ansage an Trump ist ihr neues "Wir schaffen das!"

Deutschland und die EU müssen mit allem rechnen, nur nicht mit Donald Trumps Unterstützung. Das weiß man nun bereits seit Monaten. Angela Merkels Bierzelt-Botschaft an den US-Präsidenten ist die logische Konsequenz daraus.

Angela Merkel und Donald Trump (2.v.l.) mit den anderen Staatschefs der G7-Nationen

Angela Merkel und Donald Trump (2.v.l.) mit den anderen Staatschefs der G7-Nationen

Es ist neues "Wir schaffen das!" Ihre wohl bedachte Unabhängigkeitserklärung im Truderinger Bierzelt vor der Weltpresse und 2500 Zuhörern ("Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen") hat sich schockwellenartig in der westlichen Hemisphäre verbreitet. Es ist (noch) nicht überliefert, ob die wahlkämpfende CDU-Chefin ein derart heftiges öffentliches Echo kalkuliert hat, bevor sie sehr nüchtern diesen schnöden Satz in das Bierzelt-Mikro sprach: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei."

Es folgte fast ein mediales Weltbeben. "Die Kanzlerin hat die Nase voll", schrieb die belgische Zeitung "de Tijd". US-Medien machten an den Merkel-Worten gar eine Zeitenwende in den Beziehungen zu Europa fest. Dabei hatte sie lediglich in Kanzler-Worte gekleidet, was ohnehin auf der Hand liegt: Deutschland und die EU müssen mit allem rechnen, nur nicht mit Unterstützung. Ob als Wahlkämpfer, als President-elect oder als Amtsinhaber – zu keiner Zeit hat er sich Mühe gegeben, seine Abneigung gegen supranationale Organisationen aller Art zu verbergen. Insofern sind die Merkel-Sätze nichts weiter als eine erzwungene Reaktion auf die Umstände. Und es ist keinesfalls gesetzt, dass Merkel ab sofort Washington und London nur noch die kalte Schulter zeigt. Sie redet immer ­– mit allen, überall, über alles.

Botschaft nach Washington oder Wahlkampf?

Richtung Weißes Haus ist Merkels kühle Bierzelt-Botschaft also eher ein symbolischer Beifang. Es kann nicht schaden, wenn dem Novizen im Weißen Haus klar wird, dass seine Kraftmeierei allenfalls die heimischen Wähler beeindruckt, aber längst nicht die Profis auf dem alten Kontinent. Dringlicher ist es für die CDU-Parteivorsitzende, dass ihre Abnabelungs-Show bei den deutschen Wählern hängen bleibt. Das "Schicksal in die eigene Hand zu nehmen" soll im Subtext die Mission der Kanzlerin in den kommenden Jahren beschreiben: Ich bin es, die das Land gewohnt sicher durch die aufziehenden außenpolitischen Stürme steuern kann. Und dafür, darauf deuten die Umfragen hin, wird Merkel reichlich Zustimmung einstreichen.

In den Merkel-Sätzen schwingt auch ein Appell an das europäisches Wir-Gefühl mit, und niedrigschwellig auch an den heimischen Patriotismus. Aggressionen von außen befördern bekanntermaßen die Geschlossenheit im Land. Vielleicht sollte man der Kanzlerin nicht unterstellen, dass sie solche Effekte strategisch beabsichtigt. Aber in die politische Bilanz ihrer Aussagen fließt dieser Reflex in den Köpfen der Bürger ein.

Angela Merkel als Gastgeberin auf G20

Das nächste Kapitel der neuen "Wir-schaffen-das"-Geschichte öffnet sich Anfang Juli auf dem G20-Gipfel in Hamburg. Gastgeberin Angela Merkel wird dann zu besichtigen sein, wie sie deutsche und europäische Interessen zwischen Putin, Trump und Erdogan ausbalanciert, garniert mit wirkungsmächtigen Bildern. Der Rest der deutschen Innenpolitik ist dann zweite Reihe. Ganz ohne Häme muss man Mitleid mit Martin Schulz haben. Donald Trump kam für die Sozialdemokraten einfach zur falschen Zeit.

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