Obama gönnt sich keine Pause

20. Januar 2009, 23:41 Uhr

Er kam, redete und lächelte kaum: Vor zwei Millionen Menschen, die sich in Washington versammelt hatten, sprach Barack Obama zum ersten Mal als US-Präsident. Nicht so pathetisch wie sonst, dafür kämpferisch, ja fast dramatisch. Die Botschaft: Genug gefeiert - jetzt geht's an die Arbeit. Von Giuseppe Di Grazia, Washington

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Ein historischer Auftritt ohne viel zu lächeln: Obama spricht vor dem Capitol©

Er ist endlich Präsident. Gefühlt ist das Barack Obama ja schon länger, spätestens seit seiner Wahl am 4. November 2008. Man hatte ja schon die ganze Zeit über den Eindruck, dieser Mann kann es nicht abwarten, das Amt zu übernehmen. Die letzten Wochen hat er schon so viel auf den Weg gebracht, als führe er bereits das Land.

Obama hat sich ja auch viel vorgenommen: Der 44. Präsident der USA will nichts weniger als Amerika neu zu erschaffen. Er möchte, dass Amerika von vorne beginnt. Da ist nicht nur jeder Tag wichtig, für Obama zählen Minuten. Kurz nachdem er vor dem Capitol in Washington vereidigt worden war und seine Antrittsrede gehalten hatte, ließ er sich ins Oval Office, in sein neues Büro bringen, um wichtige Dokumente zu unterschreiben. Das tat er sogar noch vor der Parade zum Weißen Haus. So eilig hatte es vermutlich noch kein US-Präsident vor ihm.

Siegesfeiern sind nun endgültig vorbei

Das Signal des 47 Jahre alten Barack Obama an alle ist: Die Siegesfeiern sind nun endgültig vorbei: ab an die Arbeit. Das war schon bei seiner Rede sehr deutlich geworden. Sie war nicht so pathetisch wie sonst, dafür kämpferischer, energischer, fordernder, ja fast dramatisch. Die mehr als zwei Millionen Menschen, die sich bis hinunter zum Lincoln Memorial versammelt hatten, jubelten Obama zu, sie waren schon seit dem vergangenen Wochenende in Feierlaune, aber es brach keine Euphorie aus. Zu klar hatte Obama den Menschen die Lage seines Landes vorgeführt, zu düster war das Bild, das er von Amerika zeichnete. Er sagte: "Dass wir uns mitten in einer Krise befinden, weiß inzwischen jeder. Unsere Nation ist im Krieg gegen ein Netz der Gewalt und des Terrors. Unsere Wirtschaft ist geschwächt, als Konsequenz aus Gier und Unverantwortlichkeit bei einigen wenigen - aber auch weil wir es als Kollektiv versäumt haben, harte Entscheidungen zu treffen und diese Nation auf die neue Zeit vorzubereiten."

Viele hätten ihr Zuhause verloren, andere ihre Arbeitsplätze, Geschäfte seien bankrott. "Unser Gesundheitssystem ist zu teuer, unsere Schulen werden vielen nicht gerecht, und jeder weitere Tag zeigt uns deutlicher, dass die Art und Weise, wie wir Energie verwenden, unsere Gegner stark macht - und den Planeten in Gefahr bringt", rief Obama den Zuschauern mit fester Stimme zu. "Die Lage ist ernst, wir haben viele Probleme, die wir nicht auf die Schnelle werden lösen können. Aber lassen Sie mich dies sagen: Amerika wird sie lösen."

Dabei nahm Obama seine Landsleute in die Pflicht, er machte den Amerikanern bewusst, dass es nicht die Regierung alleine sei, die den Neuanfang leisten könne. Barack Obama möchte, dass jeder Amerikaner dazu beiträgt und auch dafür verantwortlich ist, dass es ihm und dem Land besser gehen wird. Er beschwor Amerikas Kraft und Werte, er erinnerte an den Wiederaufstieg der Nation aus tiefen Krisen. Obama rief dazu auf, den neuen Herausforderungen mit alten Werten zu begegnen, als da wären: "harte Arbeit und Ehrlichkeit, Mut und Fairplay, Toleranz und Neugier, Loyalität und Patriotismus". Diese Werte seien "die stille Kraft des Fortschritts in unserer gesamten Geschichte" gewesen. Er forderte die Menschen trotz der Unsicherheit auf, trotz der Ängste und Sorgen, nicht die Hoffnung zu verlieren. "Mit klarem Blick und Gottes Hilfe wird die USA den Stürmen der Zeit trotzen".

Es war eine von vielen Stellen in seiner Rede, an der das Publikum in lautem Jubel ausbrach, den neuen Präsidenten mit Sprechchören feierte, doch Obama lächelte nicht, wie er es sonst tut. Er hatte eine klare Botschaft, da passte kein strahlendes Gesicht dazu. "Wir haben uns an diesem Tag versammelt, weil wir die Hoffnung gewählt haben - und nicht die Furcht. Die Einheit und Entschlossenheit - und nicht die Zwietracht oder den Konflikt." Es sei an der Zeit, sich auf die amerikanischen Ideale zu besinnen, "diese großartige Idee weiterzutragen, die von Generation zu Generation weitergegeben worden ist: Das gottgegebene Versprechen, dass alle Menschen gleich sind, alle frei sind - und ein Recht darauf haben, ihr Glück zu versuchen". Heute könne jemand, dessen Vater vor 60 Jahren in einem Restaurant in Washington nicht bedient worden wäre, vor dem Capitol stehen und den Amtseid des Präsidenten der Vereinigten Staaten ablegen, sagte so Obama weiter. Er spielte damit an Erfahrungen seines Vaters an, der in Kenia zur Welt kam, in den USA studierte und wegen seiner Hautfarbe diskriminiert wurde.

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