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Wer war der Mann, dessen Hinrichtung den Mittleren Osten erschüttert?

Die Exekution des schiitischen Klerikers Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien hat im Iran zu schweren Protesten geführt. Die Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien wachsen. Warum war Nimr al-Nimr so wichtig?

Nimr al-Nimr

Irakische Männer halten in Basra ein Banner mit dem Konterfei von Scheich Nimr al-Nimr: Der schiitische Kleriker wurde in Saudi-Arabien exekutiert.

Wegen seiner feurigen Reden gegen die Unterdrückung der Schiiten wurde Scheich Nimr al-Nimr unter der religiösen Minderheit Saudi-Arabiens in den 90er-Jahren schnell bekannt. Dem sunnitischen Königshaus in Riad war der Mittfünfziger ein Dorn im Auge. Am vergangenen Samstag richtete ihn die Wüstenmonarchie unter dem Vorwurf des Terrorismus hin - zusammen mit 46 weiteren Menschen.

Fast zehn Jahre lebte der Geistliche in den 80er-Jahren im Iran - dem schiitisch geprägten heutigen Rivalen der Saudis. Dort betrieb er Islamstudien. Nach seiner Rückkehr wandte er sich in seinen Predigten immer wieder gegen die Politik Riads und forderte mehr Rechte für Schiiten, die bis zu 15 Prozent der mehr als 27 Millionen Saudis ausmachen. Dabei sprach er sich stets für einen friedlichen Protest aus.


Treibende Kraft im Arabischen Frühling

Nimr al-Nimr galt als treibende Kraft hinter den Demonstrationen gegen die Regierung, die zu Beginn des Arabischen Frühlings 2011 im Osten Saudi-Arabiens aufflammten. Dort, am Persischern Golf, liegen die größten Ölvorkommen des Landes. Mehrmals wurde der religiöse Aktivist verhaftet. Die letzte Festnahme 2012 führte zu tagelangen Unruhen in seiner Heimatstadt Katif.

Trotzdem wurde der Scheich 2014 wegen Schürens religiöser Konflikte und "Ungehorsams gegenüber dem Herrscher" zum Tode verurteilt - das Urteil wurde im Oktober bestätigt. Menschenrechtsorganisationen kritisierten das Verfahren als "zutiefst fehlerhaft". Vor seiner Festnahme 2012 warnte al-Nimr in einer Predigt: "Ich bin sicher, dass meine Verhaftung oder mein Tod Auslöser von Handlungen sein werden."

Das sunnitische Saudi-Arabien und der schiitische Iran ringen um die Vormachtstellung in der Golf-Region. Ein Schauplatz ist der Krieg im Jemen, wo Saudi-Arabien eine Allianz sunnitischer Staaten anführt, die die Regierung im Kampf gegen die schiitischen Huthi-Rebellen unterstützt. Auch im Syrien-Konflikt vertreten die beiden Regionalmächte unterschiedliche Interessen.

"Saudi-Arabien wird ernten, was es gesät hat"

Der höchste schiitische Geistliche im Irak, Ajatollah Ali al-Sistani, hat die Hinrichtung des Regime-Kritikers Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien als "ungerecht" verurteilt. "Wir haben mit extremer Trauer und Kummer die Nachricht des Martyriums unserer gläubigen Brüder, darunter Scheich Nimr al-Nimr, erhalten", sagte al-Sistani am Sonntag nach Angaben der Nachrichtenseite Alsumaria.
In der zentralirakischen Provinz Al-Wasit protestierten Hunderte Schiiten auf den Straßen gegen die Hinrichtung. Sie forderten die irakische Regierung auf, die erst im Dezember nach 25 Jahren wiedereröffnete saudische Botschaft in Bagdad erneut zu schließen.

Im indischen Teil Kaschmirs demonstrierten Tausende Schiiten an mehreren Orten gegen die Hinrichtung von al-Nimr. Sie hielten Poster mit seinem Bild in die Höhe oder trugen schwarze Fahnen. "Sie (die Saudis) haben mit der Ermordung von Ajatollah Nimr einen schweren Fehler gemacht, und sie werden ernten, was sie gesät haben", sagte Scheich Hussain Lutfi, einer der Anführer der Proteste.

Auch  im Golfstaat Bahrain ist es zu Protesten gekommen. Dabei feuerte die Polizei in dem Ort Abu-Saiba westlich der Hauptstadt Manama Augenzeugen zufolge am Samstag Tränengas auf Dutzende Demonstranten ab. Die aufgebrachte Menge hielt Bilder des getöteten Geistlichen Nimr al-Nimr in die Höhe.

Bundesregierung besorgt über Spannungen am Golf

Zuvor hatte Irans geistliches Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei Saudi-Arabien wegen der Hinrichtung al-Nimrs erneut scharf angegriffen. "Die Rache Gottes" werde saudiarabische Politiker treffen, sagte Chamenei laut dem iranischen Staatsfernsehen am Sonntag. Der getötete Geistliche Nimr al-Nimr habe weder zu einem bewaffneten Vorgehen ermutigt, noch habe er sich an geheimen Verschwörungen beteiligt. Er habe lediglich aus religiösem Eifer öffentlich Kritik in dem sunnitisch dominierten Königreich geäußert.

Die USA haben Saudi-Arabien aufgerufen, "die Menschenrechte zu respektieren und zu schützen". Faire und transparente gerichtliche Verfahren müssten in allen Fällen sichergestellt und die friedliche Äußerung abweichender Meinungen zugelassen werden, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung des US-Außenministeriums weiter. Das Ministerium appellierte zugleich an die Führung in Riad, mit allen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzuarbeiten, um Spannungen infolge der Hinrichtungen abzubauen. Die USA seien insbesondere besorgt, dass die Exekution des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr religiös motivierte Spannungen zu einem Zeitpunkt zu verschärfen könnte, "an dem sie dringend verringert werden müssen".

Auch die Bundesregierung hat die Hinrichtungen in Saudi-Arabien kritisiert und sich besorgt über die dadurch wachsenden Spannungen in der Region gezeigt. "Entsetzt durch Berichte über die jüngsten Exekutionen in Saudi-Arabien", erklärte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer, am Samstag über den Kurznachrichtendienst Twitter. Im Auswärtigen Amt hieß es dazu, die Hinrichtung Nimrs "verstärkt unsere bestehenden Sorgen über zunehmende Spannungen und sich vertiefende Gräben in der Region".

amt/DPA/Reuters
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