Italiens Premier Silvio Berlusconi stellt seinen Reichtum schamlos zur Schau. Die Macht liebt er mehr als die Wahrheit. Seine Selbstüberschätzung ist grenzenlos.

Kleiner Cäsar Silvio Berlusconi: Dem Cavaliere gehören die drei größten TV-Privatsender Italiens, und als Regierungschef hat er direkten Zugriff auf die Programme des Staatsfernsehens RAI© AP
Er ist größer als Napoleon. Vier Zentimeter. Doch das reicht Silvio Berlusconi nicht. Also hilft er mit einem Kissen nach, wenn er sitzend für die Medien posiert. Trifft er sich mit Staatsmännern, dann schnellt der sportliche Silvio flugs auf die Zehenspitzen, sobald die Kameras surren, um auf seine 1,64 Meter noch ein bisschen Größe draufzupacken.
Sollte Italiens Ministerpräsident etwa eitel sein? Das wäre eine böse Untertreibung. "Was denken Sie, wie viele Frauen auf dieser Welt mit mir ins Bett gehen wollten, und ich weiß leider nichts davon?", fragte er eine Reporterin mit dem Bedauern des großen Verführers. Das ewige Lächeln in seinem ewig sonnengebräunten Gesicht hält er für genauso umwerfend wie seine Maßanzüge und das, was in ihnen steckt. "Mein Arzt hat mir gesagt, ich habe die Physis eines Vierzigjährigen", prahlt der 66-Jährige. Wenn nur dieser verdammte Haarausfall nicht wäre! Früher klapperten seine Emissäre Redaktionsstuben ab und boten an, kostenlos unvorteilhafte Konterfeis mit Halbglatze gegen schmeichelhaftere Fotos auszutauschen, auf denen er mit wallendem Haupthaar zu sehen war. Später, als die lichten Stellen auf dem Kopf immer größer wurden und die Falten im Gesicht immer tiefer, ließ sich Berlusconi auf Wahlplakaten retuschieren, präsentierte sich mit einem Haarschopf wie zu Tanzstundenzeiten. "Bald sind wir bei der Erstkommunion angelangt", spottete sein linker Konkurrent Francesco Rutelli, der 2001 die Wahl gegen ihn verlor.
Berlusconis drei Fernsehsender haben Order, ihren Chef bei Interviews mit einer hauchdünnen Strumpfhose vor der Linse aufzunehmen. Das soll die Falten dämpfen und ihn in ein verführerisches Licht setzen. Als sein Fußballclub AC Milan 90 wurde, ließ er nicht einen der Großen aus der Vergangenheit des ruhmreichen Vereins auf die Jubiläumsmedaillen prägen, sondern das eigene edle Antlitz.
So ein Mann entschuldigt sich doch nicht. Niemals. Und schon gar nicht, wenn es um einen Europa-Abgeordneten der SPD geht. Womöglich einen von diesen "einförmigen, supernationalistischen Blonden", von denen Berlusconis Staatssekretär Stefano Stefani klagt, sie würden "lärmend" und "besoffen vor arroganter Selbstsicherheit" italienische Strände bevölkern. Typisch, dass dieser Schulz zu stupide war, seinen feinsinnigen KZ-Witz zu goutieren! Man wird doch noch was Ironisches, meisterhaft Ironisches natürlich, sagen dürfen! Den Sturm der Entrüstung über seinen Auftritt in Straßburg, wo er den Parlamentarier als Idealbesetzung eines Lager-Kapos in einem KZ-Film titulierte, kann der Ministerpräsident nicht verstehen. Unbeirrt bleibt er bei seinem Credo: "In Europa gibt es im Augenblick nichts Besseres als mich."
Nicht nur von seinem umwerfenden Äußeren sowie seinen unternehmerischen und politischen Erfolgen ist er überzeugt - allenfalls böswillige Menschen, im Zweifel Kommunisten, ziehen die wegen einiger, natürlich völlig unbedeutender, Unregelmäßigkeiten in Zweifel. Fast stolzer noch ist er auf seinen Intellekt. Hat er doch etwa zu einer von ihm finanzierten Prachtausgabe von Thomas Morus? "Utopia" das Vorwort verfasst. Die Tiefe seines Denkens ließ einen italienischen Kritiker überschäumen: "Wäre er zur Zeit der Renaissance geboren, vielleicht wäre er ein Colleoni oder Sforza geworden. Was er erreichen will, wissen allein Gott und er, Silvio Berlusconi." (Dass der orgiastische Journalist auf Berlusconis Gehaltsliste stand, ist reiner Zufall.)
Doch wie Niedrigwuchs und Haarausfall seiner körperlichen Anmut die Vollkommenheit verwehren, so trübt ein geringer Makel den Glanz seines Verstandes: Silvio kann kein richtiges Englisch. Da stottert er ganz böse rum. Aber natürlich überkompensiert Europas Bester dieses Manko.
Französisch beherrscht er, oh la la, dazu Latein und Griechisch. "Ich bin richtig gut in Griechisch", vertraute er Journalisten an. "Ich habe früher griechische Verse aus der hohlen Hand heraus verfasst." Und das lateinische Erbe? Auf dem Nato-Gipfel bei Neapel im vergangenen Jahre überraschte er seine Amtskollegen mit der Erkenntnis, "Romulus und Remulus" hätten Rom gegründet. Dass Remulus eigentlich Remus hieß, tut der Brillanz des Gedankens keinen Abbruch.