Bei den US-Wahlen geht es auch um Barack Obama. Seine Bilanz ist nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Aber Amerika hat Angst vor dem Absturz. "On tour" mit einem angeschlagenen Präsidenten. Von Giuseppe Di Grazia, Chicago

Sie wollen ihn wieder kämpfen sehen: US-Präsident Barack Obama bei seinem Auftritt in Chicago© DPA
Wie oft haben sie sich gewünscht, er würde mal wütend werden. Mal schreien, ja wenigstens Gefühle zeigen, dieser Mr. Cool im Weißen Haus. Barack Obama hat sich immer geweigert. An diesem Abend aber im Hyde Park - in Laufnähe seines Hauses in Chicago - erleben mehr als 35.000 seiner Anhänger einen Präsidenten, der aus sich herausgeht und vielen von ihnen wieder den Glauben an diesen Mann zurückgibt: Barack Obama, der Kämpfer. Barack Obama, der verteidigt und angreift. Barack Obama, der weiter das neue Amerika erschaffen will. Auch wenn ihm bisher nicht alles gelungen ist. Auch wenn seine Demokraten die Kongresswahlen verlieren werden.
Er war nicht wütend dabei, nein, das nicht, aber manchmal schrie er seine Worte in den Nachthimmel von Chicago hinaus, manchmal überschlug sich seine Stimme sogar. Zum Beispiel, als er sagte: "Lasst euch nicht einreden, wir hätten versagt, lasst euch nicht einreden, wir hätten nichts erreicht." Und: "Chicago, ich brauche euch, ihr müsst weiter kämpfen. Ihr müsst weiter daran glauben". Es war der erste Auftritt von Obama in seiner Heimatstadt Chicago seit der Siegesfeier vor zwei Jahren. Die Zuschauer tobten wie damals. 2008, weil sie euphorisch waren; nun, weil sie trotzig sind.
Obama selbst scheint es nach all diesen langen, quälenden Monaten im Weißen Haus wieder zu genießen, da draußen zu sein - bei den Menschen, auf der Wahlkampfbühne. Er flirtet wieder mit dem Publikum, und die Menschen mit ihm. Lange hatte man das nicht mehr gesehen. Mit seinem Schlussspurt am vergangenen Wochenende in vier Staaten mobilisierte Obama viele Anhänger für seine Demokraten, die am Dienstag vor einer herben Niederlage stehen - und damit natürlich auch Obama.
Der Präsident will das Schlimmste verhindern: den Machtverlust im Repräsentantenhaus und im Senat. Alle rechnen damit, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus erringen, wo alle 435 Plätze neu zu besetzen sind. Wenn die Konservativen auch noch die Mehrheit im Senat (51 Sitze) erreichen sollten, wo 37 Sitze zur Wahl stehen, wäre das für Obama und die Demokraten ein Debakel. Laut den letzten Umfragen sieht es noch so aus, als könnten die Demokraten zumindest den Senat für sich entscheiden.
Obama setzte bei seinem kleinen Wahlkampf-Marathon wie schon 2008 vor allem auf die Jugend. In Philadelphia feuerte er etwa 1000 Wahlkampfhelfer in einer Sporthalle so an, als wäre er Trainer des lokalen Football-Teams. Nur sieben Minuten lang sprach er zu ihnen, aber mit einer klaren Botschaft: "Klopft an 20.000 Türen, beschafft uns die Stimmen. Jetzt. Geht raus! Ich brauche euch da draußen", rief er ihnen zu.
In Cleveland malte er im "Wolstein Center" auf dem Universitäts-Campus den etwa 4000 Zuhörern aus, was sie riskieren, wenn demokratische Wähler am Dienstag nicht in großer Zahl an die Urnen gehen: "Die Republikaner werden dann alles wieder rückgängig machen, wofür ihr und ich 2008 gekämpft haben. Sie wollen alle Fortschritte der vergangenen zwei Jahre zunichte machen."
Wenn man Obama in diesen letzten Tagen des Wahlkampfes begleitet, wird klar, dass er immer noch die Massen mobilisieren kann. Dass er bei seinen Anhängern immer noch das Feuer der Leidenschaft entzündet. Aber viel zu lange hatte er es auf zu kleiner Flamme gehalten. Christina Thomas, eine Krankenschwester in Cleveland, sagt: "Obama hätte mehr mit den Leuten sprechen müssen während der ersten zwei Jahre. Er hätte öfter so kämpfen sollen für das, was er möchte, für das, was wir alle möchten - und nicht den Republikanern mit ihren verklärenden und irreführenden Botschaften das Feld überlassen." In Chicago erzählt der Handwerker Lloyd Portman: "Vielleicht haben wir genau auf diesen Moment gewartet, dass er uns alle wieder braucht, dass er uns alle wieder motiviert. Aber vor allem, dass er uns zeigt: Ja, ich kann es noch. Und ihr auch."