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Der Mord und der Mann vom Verfassungsschutz

Heute vor zehn Jahren wurde Halit Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Er ist das neunte Opfer des NSU. Noch immer sind viele Fragen offen. Klar ist dagegen: Ein Verfassungsschützer war auch im Cafe. Er will nichts mitbekommen haben. Seine Rolle ist bis heute rätselhaft.

Von Gerd Elendt und Kerstin Herrnkind

Halit Yozgat, geboren 1985 in Kassel, ermordet mit 21 Jahren in  seiner Heimatstadt

Halit Yozgat, geboren 1985 in Kassel, ermordet mit 21 Jahren in
seiner Heimatstadt

Halit Yozgat hat gleich Feierabend. Um 17 Uhr will sein Vater ihn ablösen, damit Halit, 21, pünktlich zur Abendschule gehen kann, wo er gerade die mittlere Reife nachholt. Er liest schnell noch einen Artikel auf Wikipedia über Halbleiter für die Physikklausur. An diesem Donnerstagnachmittag, es ist der 6. April 2006, sind nur vier Kunden im "Tele-Internet Café", das Halit Yozgat seit zwei Jahren in Kassel betreibt. Draußen ist es kühl und windig. Auf der vierspurigen Holländischen Straße rauscht der Feierabendverkehr.

Halit Yozgat sitzt hinten rechts am Schreibtisch, von dort hat er alle sechs Telefonzellen im Blick. Der kleine Laden hat nur zwei Räume. Vorn wird telefoniert, im Hinterzimmer stehen sieben Computer.

In Kabine 3, neben dem Eingang, telefoniert Faiz H., 35, mit potenziellen Käufern - er handelt mit Autos. In der Familienkabine, einer etwas größeren Telefonzelle am Mittelgang zwischen den Räumen, hat es sich Hediye C., 26, auf dem Sessel bequem gemacht. Sie ist schwanger und telefoniert mit ihrer Familie in der Türkei. Ihre dreijährige Tochter Ceren ist bei ihr. Im Hinterzimmer spielt Emre E., 14, am Computer "Call of Duty". Schräg gegenüber surft Ahmed A., 16, im Internet.

"Halit, mein Sohn! Holt einen Krankenwagen!"

Ein Mann kommt herein. Er ist, so wird sich Ahmed später erinnern, groß und blond. Typ Bodybuilder mit Brille, etwa 35 Jahre alt. Er trägt, so sagt es Ahmed aus, eine Plastiktüte, in der er einen dunklen, schweren Gegenstand transportiert. Der Mann setzt sich an Rechner 2. Nach ein paar Minuten verschwindet er wieder aus dem Hinterzimmer.

Plötzlich hören die Teenager ein dumpfes Geräusch. Sie schrecken hoch, sehen sich an, spielen dann aber weiter. "Es klang, als wenn etwas Schweres zu Boden gegangen war", wird Emre später aussagen. "Ich dachte, dass ein Ordner oder etwas Ähnliches zu Boden gefallen ist", sagt Ahmed. Auch Faiz H., der Autohändler, hört ein Knallen – "wie wenn ein Luftballon platzt". Er sieht aus dem Augenwinkel, wie ein großer Mann den Laden eilig verlässt. Dann telefoniert er weiter. Und auch Hediye C. hört Geräusche. Tack. Tack. Tack. Die junge Mutter glaubt, dass ein Stuhl gegen die Wand gekippt sei.

Halits Vater Ismail Yozgat findet keinen Parkplatz. Er ist spät dran. Als er kurz nach fünf das Internetcafé betritt, schimmern rote Spritzer auf dem Schreibtisch. Da muss wohl Farbe verschüttet worden sein, denkt er. Faiz H. beendet um 17.03 Uhr und 26 Sekunden sein Telefonat, wie die Kripo später anhand der Verbindungsdaten rekonstruiert. Er verlässt die Kabine. Im selben Moment schreit Ismail Yozgat: "Halit, mein Sohn! Was ist passiert? Holt einen Krankenwagen!" Halit Yozgat liegt hinter dem Schreibtisch auf dem Bauch, blutüberströmt. Faiz H. und Ahmed A. eilen dem Vater zu Hilfe, versuchen Halit Yozgat wiederzubeleben. Vergebens.

Schuss traf Halit über rechtem Ohr

Halit Yozgat ist erschossen worden. Ein Schuss traf ihn über dem rechten Ohr, der zweite am Hinterkopf. Die Gerichtsmediziner stellen zwei Projektile vom Kaliber 7,65 mm sicher. Die Projektile werden ins Bundeskriminalamt geschickt. Zwei Tage nach dem Mord steht fest: Sie wurden aus einer Česká Typ 83 abgefeuert – mit jener Waffe, mit der seit dem 9. September 2000 acht Migranten in fünf deutschen Städten erschossen worden sind. Halit Yozgat ist das neunte Opfer der unheimlichen Serie.

Die Ermittlungen in diesem Fall werden die Polizei vor viele Rätsel stellen. Und es wird sich herausstellen, dass der Verfassungsschutz - also die Institution, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung schützen soll – in einer gefährlichen Nähe zu der Bluttat steht. Und dass er, statt der Polizei bei der Aufklärung zu helfen, die Ermittlungen systematisch behindert - mit Rückendeckung aus der Politik.

Die Kasseler Polizei gründet damals die Mordkommission "Café". Die Ermittler vernehmen die vier Kunden, die sich zur Tatzeit im Laden befanden. Die Polizei veröffentlicht einen Zeugenaufruf, um den großen blonden Bodybuilder mit Brille zu finden, den die beiden Jungen gesehen haben wollen. Der Mann meldet sich nicht.

Täter trägt Waffe in einer Tüte

Die Kripo wertet Computer Nummer 2 aus, an dem der Unbekannte gesessen hat. Um 16.51 Uhr hat er sich eingeloggt und die Flirtseite ilove.de besucht, wo er als "wildman70" ein Profil angelegt hat. Eine "tanymany" aus Hamburg hat ihm zwei Mails geschickt. Um 17.01 Uhr und 40 Sekunden hat sich "wildman70" wieder ausgeloggt. Er war also unmittelbar vor oder sogar während der Tat im Internetcafé. Dass er eine Tüte getragen haben soll, macht ihn in den Augen der Polizei verdächtig: Bei den anderen Morden hatte der Täter die Waffe beim Schießen in eine Plastiktüte gesteckt, um die Patronenhülsen aufzufangen.

Die Mordkommission besorgt sich die Kundendaten von ilove.de. Unter "wildman70" ist ein Jörg Schneeberg aus Kassel angemeldet. Doch in Kassel gibt es keinen Mann dieses Namens. Die Handynummer, die er hinterlegt hat, existiert allerdings. Der Anschluss führt zu Andreas Temme aus einer kleinen Stadt rund 25 Kilometer von Kassel entfernt. Überrascht stellen die Kripoleute fest, wer sich hinter „wildman70“ versteckt: Temme ist Beamter des hessischen Verfassungsschutzes.

15 Tage nach dem Mord steht die Kripo bei ihm vor der Tür. Der Verfassungsschützer öffnet. Er ist groß und blond, trägt eine Brille, genau wie der 16-jährige Ahmed ihn beschrieben hat. Auch das Alter passt. Temme ist 39 Jahre alt.

Kripobeamte durchsuchen Haus von Temmes Eltern

Der Beamte lebt mit seiner hochschwangeren Frau und dem neunjährigen Stiefsohn in einer aufgeräumten Vierzimmerwohnung. Hier finden die Kripoleute nichts - außer einem beidseitig geschliffenen Überlebensmesser, das sie in Temmes Mercedes entdecken. Zur selben Zeit durchsuchen fünf Kripobeamte das Haus von Temmes Eltern. In der Dachgeschosswohnung hatte der Beamte bis zu seiner Heirat im Jahr zuvor gewohnt. Dort findet die Polizei in einem Tresor und in dem Hohlraum einer Dachschräge diverse Waffen: einen Revolver der Marke Smith & Wesson, eine Pistole von Heckler & Koch, eine Beretta, ein Gewehr und eine Gaspistole. Dazu 240 Schuss Munition und einen Waffenschein. Temme ist Sportschütze.

In seinem Arbeitszimmer, das er noch bei den Eltern hat, stehen die Bücher des Verfassungsschützers. Darunter: "Immer wieder töten – Serienmörder und das Erstellen von Täterprofilen". Außerdem besitzt er sehr spezielle Literatur über den Nationalsozialismus, etwa den "Lehrplan für die weltanschauliche Erziehung in der SS". Auch "Wille und Weg des Nationalsozialismus" und "das wirtschaftliche Sofortprogramm der NSDAP 1932" gehören zu Temmes Bestand. Daneben Zeichenhefte, in die sorgfältig die Orden des Dritten Reichs gemalt sind. Außerdem stellt die Kripo einige Ausgaben der Zeitschrift "Das III. Reich" sicher. Und Auszüge von Hitlers "Mein Kampf".

Temme wird vorläufig festgenommen und verhört. Er wirkt ruhig, zeigt sich kooperativ, erzählt, wie er Verfassungsschützer wurde. Nach der mittleren Reife lernte er Postbeamter, war Briefträger und stand dann ein paar Jahre am Schalter. Als er außer Briefmarken auch noch Stofftiere verkaufen sollte, bewarb sich Temme 1993 beim Verfassungsschutz und wurde genommen. Seit 2003 ist er, nach einer Ausbildung zum gehobenen Dienst, Quellenführer und betreut V-Leute aus der islamistischen und rechtsradikalen Szene.

Moschee vom Verfassungsschutz beobachtet

Er sei politisch "konservativ ausgerichtet", sagt Temme. Als Jugendlicher habe er sich sehr für den Nationalsozialismus interessiert. Rein historisch natürlich. Darauf, wie er mit 13 oder 14 an die Nazi-Spezialliteratur gekommen ist, geht Temme nicht ein, sagt nur: „Ich denke, wenn ich damals die falschen Leute kennengelernt hätte, wäre es durchaus möglich gewesen, dass ich mit dem rechten Spektrum sympathisiert hätte.“ Dass er als Jugendlicher im Dorf als „Klein Adolf“ verschrien war, in Springerstiefeln und langen Mänteln herumlief, erfahren die Kripoleute erst später von einem Polizeibeamten, der damals in Temmes Nachbarschaft wohnte.

Warum er sich nicht als Zeuge gemeldet habe, wollen die Ermittler wissen. Den Zeugenaufruf habe er zwar gelesen, doch in der Personenbeschreibung sei von einer "hellgrünen Jacke" die Rede gewesen. Und er trage nun mal keine grüne Jacke. Er habe zudem geglaubt, in der Tatwoche am Mittwoch und nicht am Donnerstag im Internetcafé gewesen zu sein, gibt Temme zu Protokoll.

Außerdem habe er ein schlechtes Gewissen gehabt. Als Verfassungsschützer hätte er gar nicht in Yozgats Laden gehen dürfen. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt eine Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Und Agenten müssen privat einen großen Bogen um Objekte machen, die observiert werden. Er sei trotzdem in das Café gegangen, weil er seine Flirtversuche im Netz vor seiner schwangeren Frau geheim halten wollte, erklärt Temme den Dienstverstoß.

"Ich habe ihn nicht erschossen"

Ob er Halit Yozgat erschossen habe, fragen die Kripoleute ihn nun direkt. "Ich habe ihn nicht erschossen", beteuert Temme. Yozgat habe nicht an seinem Schreibtisch gesessen, als er bezahlen wollte. Er habe draußen vor der Tür nach ihm gesucht, sei dann wieder in den Computerraum gegangen, auch dort kein Yozgat. Schließlich habe er 50 Cent auf den Tisch gelegt und sei gegangen.

"Nach unserer Rekonstruktion müssten Sie zweimal am Mordopfer vorbeigelaufen sein", halten die Kripobeamten Temme vor. "Wenn ich das Opfer gesehen hätte, hätte ich sofort mein Telefon genommen und die Polizei gerufen", sagt der Verfassungsschützer. Ob er eine Plastiktüte bei sich gehabt habe, will die Kripo wissen. "Ich hatte nichts dabei."

Die Mordermittler glauben ihm nicht. Sie rekonstruieren, dass Temme das Internetcafé mutmaßlich um 17.02 Uhr und 45 Sekunden verlassen hat. 41 Sekunden, bevor Ismail Yozgat seinen toten Sohn findet. Kann es sein, dass Halit Yozgat in dieser kurzen Zeitspanne erschossen wurde? Wenn ja, wo war Yozgat dann, als Temme ihn suchte? Und wenn er schon tot war: Warum hat der Verfassungsschützer nichts von der Tat mitbekommen? Er ist fast 1,90 Meter groß, er hätte die Leiche am Boden oder wenigstens das Blut auf dem Schreibtisch sehen müssen. Alle Zeugen haben Geräusche gehört. Nur er nicht.

Merkwürdiges Verhalten vor dem Mord

Schnell finden die Ermittler heraus, dass sich Temme auch in den Tagen nach dem Mord merkwürdig verhalten hat. Als eine Kollegin ihn vier Tage nach Yozgats Tod fragt, ob der Mord für den Verfassungsschutz relevant sei, verneint Andreas Temme. Doch woher wollte er das so genau wissen? Dass er das Internetcafé kennt, behält er für sich. Und es scheint fraglich, dass Temme zu Yozgat gegangen war, um seine Flirtbekanntschaften vor seiner Frau geheim zu halten. Die Auswertung seines privaten Computers ergibt, dass Temme auch von zu Hause im Netz auf Frauensuche ging.

Der Staatsdiener pflegte privat lose Kontakte zu den Hells Angels, ging auf Rockerpartys. Und er ist ein Waffennarr, liebt Combatschießen, eine Art Kriegsspiel, bei dem auf menschliche Silhouetten geschossen wird.

Die Mordkommission versucht, die Tätigkeit des Verfassungsschützers genauer auszuleuchten. Ist er durch seine Frauenbekanntschaft im Netz erpressbar geworden? Wurde er über einen seiner V-Leute von einer rechtsradikalen Organisation als Werkzeug benutzt? Doch als die Kripo mit Temme über seine V-Leute reden will, lässt er die Beamten auflaufen. Er habe keine Genehmigung von seinem Dienstherrn, darüber zu sprechen. Der Verfassungsschutz steht von nun an bei der Aufklärung immer wieder im Weg.

Temme als "bester Mann" gelobt

Obwohl Andreas Temme zu dieser Zeit unter Mordverdacht steht, kümmert sich sein Arbeitgeber auffallend rührend um ihn. Seine Vorgesetzte ruft ihn zu Hause an, will sich mit ihm an einer Autobahnraststätte treffen - die Polizei soll offenbar nicht mithören. Was will die Chefin von ihrem Untergebenen? Vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages wird Temme später sagen, dass es bei diesem Treffen nur "um Menschliches" gegangen sei. Seine Vorgesetzte bestätigt das. Die Frage, warum sie "Menschliches" mit Temme, den sie als ihren "besten Mann" lobt, nicht am Telefon oder im Büro besprechen kann, bleibt unbeantwortet.

Und noch mehr erscheint seltsam: Etwa zwei Wochen vor dem Mord an Halit Yozgat hatte die Chefin ihren Mitarbeitern detaillierte Informationen über die Česká- Morde zugeschickt. Doch Temme wird in Vernehmungen immer wieder beteuern, er habe vor Yozgats Tod nichts von der unheimlichen Mordserie gewusst.

Auch der Geheimschutzbeauftragte des hessischen Verfassungsschutzes - eine Art Wächter über die Geheimnisse des Amtes - ruft Temme an. Er rät ihm, bei seiner Aussage vor der Polizei "so nahe wie möglich an der Wahrheit" zu bleiben. Er sagt ihm nicht, er möge die Wahrheit sagen. Und sogar hohe Vorgesetzte des Verfassungsschutzes in Wiesbaden treffen sich mit Temme. Die Polizei protestiert dagegen, dass Temme so viel Unterstützung erfährt.

"Der und seine Familie, die sind fertig"

Doch die Verfassungsschützer lassen die Mordermittler abblitzen. Man habe es "doch nur mit einem Tötungsdelikt zu tun". Wenn schon "ein Toter" reiche, "um die Geheimhaltung auszuhebeln", müsse "ja nur ein ausländischer Dienst eine Leiche neben einen Informanten oder einen Mitarbeiter legen, um den gesamten Dienst zu blockieren". Die Verfassungsschützer bemühen sogar das Argument der Nächstenliebe: "Stellen Sie sich vor, was ein Vertrauensentzug für den Menschen bedeutet."

Die Geheimen schweigen mit Billigung von ganz oben. Temmes oberster Dienstherr, der damalige Innenminister Volker Bouffier (CDU), heute hessischer Ministerpräsident, will in einer Sondersitzung des Innenausschusses zu dem Fall nichts sagen. Bouffier geißelt die Presse und zeigt Mitgefühl für den damals unter Mordverdacht stehenden Verfassungsschützer: Die Berichterstattung sei eine "Katastrophe". "Der und seine Familie, die sind fertig."

Anfang Oktober 2006 unterschreibt Bouffier einen Brief an die Staatsanwaltschaft Kassel und verbietet Temme, Näheres über seine V-Leute auszusagen. Aus Geheimhaltungsgründen. "Die erbetenen Aussagegenehmigungen" hätten "nicht erteilt werden können, ohne dass dem Wohl des Landes Hessen Nachteile bereitet und die Erfüllung öffentlicher Aufgaben erheblich erschwert worden wären", verteidigt ein Sprecher die Entscheidung.

"Blood & Honour"

Inzwischen scheint klar, warum Temme nicht reden darf: Der V-Mann aus dem rechten Milieu, den er führte, heißt Benjamin G. - ein Mann mit hervorragenden Kontakten in die Kasseler Neonaziszene. Sein Stiefbruder Christian W. ist einer der führenden Köpfe in der "Kameradschaft Kassel" und soll beim rechten Netzwerk "Blood & Honour" aktiv sein. Benjamin G. steht auf Platz 104 einer Liste von 129 Personen, von denen Bundeskriminalamt und Bundesamt für Verfassungsschutz glauben, dass sie Kontakt zum NSU gehabt haben könnten. Schließt sich hier der Kreis zwischen Temme, seinem V-Mann und dem Mordtrio? Oder, größer gedacht, gar der Kreis zwischen dem Verfassungsschutz, seinen vielen V-Leuten aus der rechtsextremen Szene und dem NSU?

Mit Benjamin G., den Temme "Benny" nennt, hat der Verfassungsschützer am Mordtag zweimal telefoniert. Das erste Gespräch um 13.06 Uhr dauerte nur 17 Sekunden. Das zweite Telefonat beginnt um 16.11 Uhr - keine Stunde vor dem Mord an Halit Yozgat - und dauerte elf Minuten. Temme behauptet später, dabei sei es um die Zahlung des Honorars für G. gegangen. Nachprüfen konnten die Ermittler das nicht. Denn auch Benjamin G. ist dem hessischen Verfassungsschutz offenbar so wichtig, dass alle ihn betreffenden Passagen in den Akten, die den Ermittlern überlassen wurden, geschwärzt wurden.

Der ermittelnde Staatsanwalt in Kassel stellt das Verfahren gegen Temme 2007 ein. Er sieht keinen hinreichenden Tatverdacht. Im Fernsehen zeigt sich Temme wenig später zur besten Sendezeit beim Kirschenpflücken und im Kreis seiner Familie. Die Botschaft: Hier hat einer nichts zu verbergen. Beruflich kommt er mit einem blauen Auge davon. Für den Verfassungsschutz ist Temme zwar verbrannt, er arbeitet aber weiter im Staatsdienst: beim Regierungspräsidenten in Kassel, Dezernat Beamtenversorgung.

Temme heute nicht mehr verdächtig

Temme ist heute des Mordes nicht mehr verdächtig. Nicht nur die Česká spricht dafür, dass Yozgat ein Opfer des NSU wurde. Am Tatort selbst fanden sich zwar keine Spuren von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, aber in der Zwickauer Wohnung des Terrortrios wurde ein Zettel mit der Adresse und einer vagen Skizze des Kasseler Internetcafés entdeckt. Trotzdem verfolgt der Mord den Ex-Agenten noch immer.Denn manches bleibt mysteriös.

Als Temme in diesem Jahr im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht als Zeuge aussagt, gibt ihm der Richter Manfred Götzl deutlich zu verstehen, dass er nicht glaubt, dass Temme nichts gesehen oder gehört hat: "Sie waren Observationsbeamter. Also müssen Sie doch darin geschult sein, Dinge zu beobachten."

Zwei Polizisten sagen aus, Temme habe schon am Montagmorgen nach dem Mord von der Česká als Tatwaffe gesprochen. Er will davon in der Zeitung gelesen haben. Doch zu diesem Zeitpunkt war noch nichts über die Tatwaffe bekannt gegeben worden. In der Wohnung der NSU-Mörder fanden die Ermittler im Brandschutt einen Stadtplan, auf dem neun Orte in Kassel markiert sind: Imbisse, Moscheen, Bäckereien, Restaurants – alle von Migranten betrieben. Anschlagsziele? Bis auf einen Ort liegen angeblich alle auf Temmes Arbeitsweg. Zufall? Auf der Karte ist auch die Untere Königsstraße 81 markiert. Das Haus Nummer 80 diente Temme als Tarnadresse, die er unter dem falschen Namen Alexander Thomsen führte. Auch nur Zufall?

Dass der mysteriöse Kartenfund öffentlich wurde, ist den Hamburger Strafverteidigern Thomas Bliwier, Doris Dierbach und Alexander Kienzle zu verdanken. Sie vertreten Familie Yozgat als Nebenkläger in München vor Gericht. "Staatsanwaltschaft und Polizei sind durch den Verfassungsschutz massiv behindert worden", sagt Bliwier. "Das Landesamt hat Einfluss auf das Aussageverhalten von Temme genommen, Akten sind und bleiben geschwärzt, Unterlagen über Informationen von V-Leuten werden nicht herausgegeben."

Bliwier glaubt: "Herr Temme hat den Mord an Halit Yozgat beobachtet. Er ist entweder verstrickt, oder er deckt die Täter." Der Anwalt fordert: "Das Verfahren muss wieder aufgenommen werden." Andreas Temme ist freundlich, als der stern bei ihm an der Tür klingelt. Über Details will er nicht reden, sagt nur: "Ich habe mit der Sache nichts zu tun." Das Ganze sei eine "aufgeblasene Medienkampagne". Er habe die Polizei "nach Kräften unterstützt".

Ein Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags soll den Mord an Halit Yozgat aufarbeiten. SPD und Linke haben ihn durchgesetzt, gegen den Willen der schwarz-grünen Koalition. Monatelang warteten die Parlamentarier darauf, dass sie die nötigen Akten bekamen. In Kassel gibt es inzwischen einen Halit- Platz. Vater Ismail Yozgat hatte einen Tag nach dem Mord an seinem Sohn Geburtstag. Er sagt: "Bis zu meinem Tod werde ich diesen Tag nicht mehr feiern."

Dieser Text erschien zuerst im stern 49/2014.

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