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Die Facebook-Hetzerin

In der jüngsten Sendung von Anne Will ist die AfD-Politikerin Beatrix von Storch mit absurden Theorien aufgefallen. Ein Blick auf ihre Facebook-Seite verrät: Das entspricht dem ganzen Wesen ihrer Politik.

Von Ruben Rehage

  Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch fällt nicht nur im Fernsehen mit kruden Aussagen auf

Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch fällt nicht nur im Fernsehen mit kruden Aussagen auf

Reuters

Glaubt man Beatrix von Storch, ist die Kanzlerin ernsthaft in Gefahr. In ihrem eigenen Land - körperlich in Gefahr, nicht nur politisch. Der AfD-Politikerin zufolge muss Frau Merkel bald abhauen, nach Chile zum Beispiel, fliehen vor dem wütenden Mob, der nur darauf wartet, mit Mistgabeln und Fackeln in den geballten Fäusten die herrschende Kaste aus dem Land zu scheuchen. "Ich nehme Wetten an: Wenn sie bald zurücktritt, wird sie das Land verlassen. Aus Sicherheitsgründen", schrieb von Storch vor knapp zwei Wochen auf ihrer Facebook-Seite.

Das ist keine Satire. Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Vorsitzende und Abgeordnete der Rechtspopulisten im Europaparlament, meint das ernst. Von Anne Will in ihrer Talkrunde am Sonntagabend gefragt, wie sie darauf komme, antwortet von Storch nach einigem Stammeln: "Damit meine ich, dass das Gerücht war, dass sie nach Chile oder Südamerika geht." Ein Gerücht also, so so. Woher es kommt, sagt sie nicht, glauben will sie es aber offenbar sehr gern, verbreiten tut sie es noch lieber. Wie so manch anderen mindestens grenzwertigen Inhalt, den man auf ihrer Facebook-Seite findet.

Steiler Aufstieg einer Erzkonservativen

Die 44-jährige geborene Herzogin von Oldenburg ist vor ihrer Zeit bei der AfD lange Mitglied der FDP gewesen. Gleich im Gründungsjahr der AfD stieß sie zu den Rechtspopulisten. Dort fand sie mit ihrer erzkonservativen und stramm rechten Haltung ungebremst den Weg nach oben. Gegen den Euro, gegen Gender-Politik, gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, gegen Abtreibungen, gegen die Sterbehilfe, für sexuelle Enthaltsamkeit – mit diesen Positionen schaffte es von Storch erst zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden und 2014 für die AfD als Abgeordnete in das Europaparlament.

Will man Beatrix von Storch verstehen, will man wissen, wer sie ist, lohnt ein Blick auf die Einträge der letzten Tage auf ihrer Facebook-Seite. Anne Will hätte beinahe jeden beliebigen Eintrag nehmen können, sie funktionieren fast alle nach dem gleichen Muster: Halbwissen und Gerüchte zu einer vermeintlichen Wahrheit hochstilisieren, diese mit einiger Empörung rausschicken an den wütenden Mob – und sich selbst als die einzige Lösung aller Probleme darstellen.

Nach der Sendung mit Anne Will etwa postete sie ein Bild von sich und der Moderatorin, beide ein Bier in der Hand, dazu der Hinweis: "Und eins der beiden Biere auf dem Bild ist alkoholfrei." Was genau das heißen soll, schreibt von Storch nicht, aber es wirkt, als wollte sie suggerieren, dass die Journalistenkaste - noch schlimmer als die herrschende - ein versoffener Haufen ist. Dagegen sie, Beatrix von Storch, als einzige stets einen klaren Kopf behält, das Alkoholfreie dabei in der Hand wie eine Trophäe über die "Lügenpresse".

Die Union ist zerstritten. Für Herrn Laschet ist Erdogan die Lösung unserer Probleme. Und ich- denke, wenn er da mal...

Posted by Beatrix von Storch on Sonntag, 24. Januar 2016


Von Storch nennt die Bundeskanzlerin "hirntot"

Allerdings könnten bei der weiteren Lektüre ihrer Facebook-Seite Zweifel aufkommen an von Storchs klarem Kopf. Allerlei Wut über leere Stühle im EU-Plenum findet man da oder Hinweise auf (und kaum verheimlichte Freude über) die sich angeblich massenhaft bewaffnende Bevölkerung. In einem Beitrag zitiert von Storch die Bundeskanzlerin zu der Unmöglichkeit von Grenzschließungen – und kommentiert das mit den Worten: "Ich gebe meinen Organspendeausweis ab. Man kann offenbar quicklebendig sein. Trotz Hirntod." Die Kanzlerin auf der eigenen Facebook-Seite als hirntot zu bezeichnen – das ist wahrlich starker Tobak für eine gewählte Abgeordnete des Europa-Parlaments.

Es findet sich allerdings nicht ausschließlich Polemisches auf von Storchs Facebook-Seite. Einen politischen Vorschlag präsentiert die 44-Jährige dann doch: Den Wunsch nach einer "persönlichen Haftung von Politikern". Doch wofür eigentlich? Für "den Schaden" eben – was genau das sein soll, "der Schaden", sagt sie zwar nicht, aber die persönliche Haftung würde auf jeden Fall "der Abschreckung" dienen. Politiker zu werden? Gilt das dann auch für Frau von Storch? Das sagt sie nicht.

Zweifelhafte Quellenlage - starke Umfragewerte

Interessant und beispielhaft auch, was von Storch aus einem Interview des Entwicklungsministers Gerd Müller (CSU) macht. "'Eine Million Tote' sind offenbar in der Sahara entdeckt worden. Die waren scheinbar schon auf dem Weg hierher", schreibt von Storch, das habe der Entwicklungsminister so in der "Bild am Sonntag" gesagt. Die Kollegen von der "Bild" fragen an der Stelle in ihrem Interview nicht weiter nach, Müller selbst gibt aber offenbar auch nur die Behauptung von irgendwem wieder, die er irgendwo gefunden hat, und präzisiert das dann nicht weiter (O-Ton: "In der Sahara sollen bis zu einer Million Menschen auf der Flucht gestorben sein").

Beatrix von Storch tut so, als wäre das ein Fakt, nicht eine Vermutung, ausgesprochen vom CSU-Minister persönlich, das wird dann schon stimmen, irgendwie. Ironischerweise endet der Beitrag mit dem Aufruf, gegen ebenjene Regierung zu kämpfen, der Müller angehört, "ACT! NOW!", schreibt von Storch da, und man wünschte sich, sie würde die Kollegen von der "Bild" dazu aufrufen, beim Minister mal nachzufragen, woher er die Zahl eigentlich hat.

All' diese Facebook-Einträge sind weniger als drei Wochen alt. Drei Wochen, in denen die AfD in allen Sonntagsfragen zur Bundestagswahl bei über zehn Prozent steht und in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, wo jeweils im März gewählt wird, konstant in den Umfragen klettert - auf aktuell neun, elf beziehungsweise gar 15 Prozent. Irgendwo gibt es also offensichtlich Menschen, die Beatrix von Storch glauben, was sie so schreibt und erzählt. Vielleicht wäre es für sie erhellend gewesen, hätten diese Leute von Storchs Auftritt bei Anne Will gesehen.

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