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5. März 2010, 06:43 Uhr

Die Nacht der roten Zahlen

Der erste Etat der neuen Koalition steht - und er wartet gleich mit einem Schuldenrekord auf. Doch das ist nur das Vorspiel zu einem weit düstereren Finanzszenario.

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Ein Zehner ins Sparschwein wird nicht reichen: Der Bund steuert 2010 auf eine Rekordefizit zu© Oliver Berg/DPA

Gut 14 Stunden dauerte die Schlussrunde, dann war der erste Haushalt der schwarz-gelben Koalition unter Dach und Fach - und ein neuer Schuldenrekord amtlich. Bis zum frühen Freitagmorgen wurde um jeden Posten gerungen. Das bekam auch die Ministerriege zu spüren. Lange mussten die Ressortchefs von Union und FDP auf einen Auftritt vor dem Haushaltsausschuss des Bundestages warten, um ein letztes Mal für ihren Etat zu kämpfen. Immer wieder kam es zu Verzögerungen. Vor Sitzungssaal 2.400 schien zeitweise das halbe Kabinett versammelt, teils im Dunkeln bei ausgeschaltetem Licht.

Am Ende der ungewöhnlich langen "Bereinigungssitzung" klopften sich die Haushaltspolitiker der Koalition dann stolz auf die Schulter. Sie haben ihr Ziel erreicht und können die erhoffte Botschaft verkünden: Die Neuverschuldung wurde 2010 von 85,8 Milliarden im Entwurf auf 80,2 Milliarden gedrückt. Das ist zwar immer noch ein einsamer Rekordwert, aber die Schuldenexplosion fällt weniger schlimm aus als befürchtet.

Die geringere Schuldenaufnahme wurde vor allem dank der besseren Konjunktur möglich. So wird inzwischen von einem weniger starken Anstieg der Arbeitslosigkeit ausgegangen. Das führt unter anderem zu einem geringeren Bundeszuschuss an die Bundesagentur für Arbeit (BA). Auch bei den Zinsen zeichnen sich Entlastungen für den Bund ab.

Geringere Verschuldung ohne Sparanstrengungen

Die Gesamtausgaben des Bundes liegen nun bei 319,5 Milliarden Euro. In Schäubles Entwurf waren 325,4 Milliarden Euro vorgesehen. Als Investitionen sind jetzt 28,29 Milliarden geplant - 398 Millionen Euro weniger als zunächst veranschlagt.

Als Steuereinnahmen werden unverändert rund 211,9 Milliarden Euro prognostiziert. Als sonstige Einnahmen - das sind auch Privatisierungserlöse - sind nunmehr 27,41 Milliarden vorgesehen statt bisher 27,71 Milliarden Euro.

Die Opposition winkt - nicht nur wegen des Verhandlungsmarathons - müde ab: Die nun geringere Verschuldung sei fast ohne Sparanstrengungen möglich gewesen und nur Folge bloßer Anpassungen an neue Wachstumsprognosen. Vor allem aber schweige die Koalition weiter über den künftigen Sparkurs ab 2011.

Finanzminister Wolfgang Schäuble musste ausgerechnet die Schlussverhandlungen über seinen Etat vom Krankenbett aus verfolgen, da er nach einem Eingriff länger als erwartet im Krankenhaus bleiben muss. Im Finanzministerium hofft man, dass Schäuble bei der abschließenden Etat-Beratung des Bundestages Mitte März wieder an seinem Schreibtisch an der Wilhelmstraße sitzt.

Schäuble kündigt "Wendepunkt" für Zeit nach 2011 an

Dann kann er auch im Plenum auf Vorwürfe reagieren, er lasse die Bürger weiter im Unklaren über den drastischen Sparkurs. Zuletzt hatte Schäuble "schwerwiegende Entscheidungen" und Einschnitte auch bei gesetzlichen Leistungen für die Zeit ab 2011 angekündigt. Auch seine Ressortkollegen stimmte der Minister auf eines der größten Sparpakete der Nachkriegsgeschichte und einen "Wendepunkt" ein. Nur zu Details halten er und die zerstrittenen Koalitionäre sich bedeckt.

Das wird noch mindestens bis Mai der Fall sein. Dann steht die nächste Steuerschätzung an. Vor allem aber ist dann Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Die schwarz-gelbe Mehrheit in Düsseldorf wackelt und damit auch die Mehrheit von Union und FDP im Bundesrat. Experten sind sich einig, dass die Mai-Steuerschätzung wenig Überraschungen bringen wird. Für sie ist der ständige Verweis auf die neue Einnahmeprognose für die nächsten Jahre im Mai nur eine Ausrede.

Auf die Vorlage einer neuen Finanzplanung bis 2013/14 hat die Koalition bisher verzichtet. Sie soll mit dem Etatentwurf für 2011 bis zur Sommerpause kommen. Spätestens dann muss Schäuble erklären, wie er die Schuldenbremse einhalten, das Maastricht-Defizit senken, weitere Milliarden-Steuersenkungen finanzieren und die angestrebte Einführung einer Kopfpauschale in der Gesetzlichen Krankenversicherung finanzieren will. Allein, um die Schuldenbremse zu erfüllen, muss der Bund jährlich zehn Milliarden Euro sparen.

Opposition rügt "finanzpolitisches Himmelfahrtskommado"

"2010 ist ein verschenktes Jahr, da die Regierung keinen einzigen Sparvorschlag gemacht hat", kritisierte SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider. Dass noch nichts auf dem Tisch liege, gleiche einem "finanzpolitischen Himmelfahrtskommando". Auch Grünen-Experte Alexander Bonde wirft Schäuble Versagen vor. Es spreche für wenig Autorität des Ministers, wenn 2010 nicht viel mehr passiere, als ein paar zu hoch angesetzte Ausgabenposten zu korrigieren. Und das nur, weil die Konjunktur besser läuft und weniger Zinsen fällig werden.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 59)
 
Sozimod (05.03.2010, 20:22 Uhr)
ganzbaf sieht es wie alle...
mit Verstand gesegneten Mitmenschen. Völlig frei von Lobbyismus. Überlegt doch einmal wieviel Überstunden trotz Wirtschaftskrise geleistet werden.

Aber die meisten Arbeitnehmer arbeiten nicht 37,5 Std oder 40, viel höher. 45-50 Std. sind keine seltenheit. Die im ländlichen Raum leben bis zu über 70 Stunden!!!

Während im Ausland der Arbeitgeber die Umzugskosten übernimmt, höhere Löhne zahlt, wird den Großunternehmen in Deutschland Milliarden Subventionen gezahlt. Nicht ohne Grund sind in den letzten 8 Jahren, über eine Million Menschen aus Deutschland ausgewandert. Oder arbeiten in den skandinavischen Länder. Ein Busfahrer wechselte den Arbeitsplatz Richung Norwegen. In Deutschland sollte er 7 Std/ mehr Arbeiten, für den gleichen Lohn, sowie Kürzung Urlaubs und Weihnachtsgeld. Ein sehr entspanntes Bewerbungsgespräch, mit Äußerung seines Wunschgehaltes. Umzug wurde vom Arbeitgeber übernommen. Die Anmeldung Schule ect. auch.

So kann es auch funktionieren.
Durch diemoderne Technologie werden weniger Arbeiter/Angestellte eingestellt.
Siehe Industrienationen.
Ein Umdenken muss erfolgen!
ganzbaf (05.03.2010, 18:37 Uhr)
@knuffi

Was glaubst du, warum wir heute ca. 40 Stunden/Woche arbeiten und nicht mehr 50 oder 60, wie früher mal ;-?

Na, weil Technologieschübe und Rationalisierungseffekte dies dringend nötig machten und von den Werktätigen u. Gewerkschaften mühevoll erkämpft wurden. Anders wäre man auch nicht von den seinerzeit ebenfalls sehr hohen Arbeitslosenzahlen heruntergekommen.

In US gibt es den 8 Stunden Arbeitstag bereits seit über 100 Jahren(!), in Deutschland verbindlich seit ca. 50 Jahren. Seither gab es aber gleich mehrere bedeutende Technologieschübe in allen Bereichen sowie sonstige technische Verbesserungen in der Arbeitswelt. (Stichwort Computer usw.)

Bezeichnend ist doch, dass die Unternehmen dicke Gewinne machen, diese aber nur unzureichend an die Werktätigen weitergereicht werden, z. B. in Form von Arbeitszeitverkürzungen und Mindestlöhnen.

Wir können,nein müssen, heute locker auf 30 Std./Woche gehen. Und einen Lohnausgleich muß es dabei nur für die unteren bis mittleren Einkommensgruppen geben. Obenrum wird oft eh zu viel verdient.

20% der Bevölkerung besitzen 80% aller Güter und Finanzmittel, da gibt es ein massives Verteilungsproblem.
Das ist alles.
johnniedeamonic (05.03.2010, 17:35 Uhr)
Sie....
...haben die bundesbahn versteigert,
post und telekom dazu,
ganz einfach weil Sie Pleite sind der nächste das bist du!!!
Knuffiman (05.03.2010, 16:15 Uhr)
ganzbaf
genau 30 stunden woche bei vollem gehalt. dann steigt die al zahl aber sprunghaft an.
bessere idee - kündigungsschutz weg, so wie z.b norwegen, lohnnebenkosten runter, krankenkassensystem like kanada und lobbyismus versuchen abzuschalten. und ganz wichtig den euro weg die mark wieder ins land. dann hört das geschrei nach umverteilung und neidverhalten auch wieder mal auf
Sozimod (05.03.2010, 15:13 Uhr)
Lieber mats123,
die offiziellen arbeitslosenzahlen sind buchhalterisch geschönt. Die englische Presse hat die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht für Deutschland:
7,9 Mio. Menschen ohne Arbeit!
Man rechnet gerne die ab, die bei privaten Jobanbietern als Kunden gemeldet sind, sowie die de in Maßnahmen gesteckt werden. Sowie auch die 1,50 Jobber.
Dieses System lebt von Täuschung!
Ein anderes finanzierbares System ist möglich.
Das Bedingungslose Grundeinkommen würde dazu führen, dass wir keine Rentner mehr hätten (egal ob EU oder Rentner mit 65, 67). Keine Arbeitslosen. Jeder könnte sich gesellschaftlich neu orintieren. Einige könnten sich selbständig machen, Gemeinnützlich tätig werden. Den Druck von den Menschen nehmen (was zur Folge hätte, dass weniger Menschen schwer erkranken, physisch wie psychisch. Das würde allein schon Kosten senken. Kommen sie mir bitte aber nichtmit dem argument, in Deutschland lassen Arbeitnehmer immer weniger krank schreiben. Das liegt vor allem daran, das kranke (aufgrund von drohender Arbeitslosigkeit) auch krank zur Arbeit fahren. Die Kosten kommen dann in 10-15 Jahren auf uns zu. Jetzt gibt es ein stetiges Hoch. Immer mehr Menschen in Deutschland erkranken psychisch!
Diese Zahlen sind alamierend hoch. Wird leider totgeschwiegen.
endbenutzer (05.03.2010, 15:06 Uhr)
@mats123:
Ich würde an deiner Stelle den Kommentar von "Corazito3333" ganz durchlesen. Ich habe nur dessen Eingangssatz zitiert.
Bitte-sachlich (05.03.2010, 15:00 Uhr)
Der Titel verdeckt ein wenig ...
... dass das aktuelle Zahlenwerk im Rahmen des üblichen ist, wenn man auf die Haushalts-Geschichte der Bundesrepublik zurückschaut.

Spannend wird es doch erst nach der Wahl in NRW, wenn es für Schwarz-Gelb keinen Grund mehr gibt, die Spar-Grausamkeiten zu verbergen. Dann freilich, mit Blick auf die neue Gesetzliche Schuldenbremse und darauf, dass dann seit Jahrzehnten das erste Mal so richtig zusammengestrichen werden muss, dann rechne ich ehrlich gesagt schon ein wenig mit "griechischen" Verhältnissen.
Sozimod (05.03.2010, 14:54 Uhr)
Lieber Knilch59:
wer hat sich denn bereichert? Waren es nicht die Jahrgänge ab 1935? Unter Helmut Kohl stieg die Verschuldung um das Mehrfache. Industrie und Medien begrüßten dies.
Wir haben in den 80iger Jahren die Kooperation mit den USA hergestellt. Wir haben unser System verändert. Wir haben unsere Werte verscherbelt. An der Politik von Altbundeskanzler Schröder ist auch gar nichts zu loben. Die Agenda 2010, 2020 ist unausgegorenes kastriertes System. Gehen sie mal auf nachdenkeseiten.de. Lesen sie mal das komplette Werk des Herrn Hartz!
Ich stimme Ihnen zu, dass die älteren Jahrgänge sehr gut von diesem System gelebt haben. Aber meine Generation (BJ.63) und danach sind die Verlierer dieses Systems. Die Wirtschafts und Soziapolitik von SPD und den Grünen von 1998-2005 sind verlorene Jahre. Auch die Umstellung auf erneuerbare Energie wurde nicht wirklich vorangetrieben. Unter KOHL stieg die Schuldenlast, unter Schröder wurde diese Politik noch verschärft. Sprechen Sie malmit Kranken und Armen, unteren Mittelständlern, mit Rechtsanwälten für Sozialrecht, mit den Verbraucherverbänden, mit den Sozialverbänden, mit den Verlierern dieses Systems. Eine Kinderfreundliche, Famielienfreundliche Politik ist immer noch möglich. Aber nur wenn das System verändert wird, dass zu dieser Finanzkrise führte. Es muss mal Tacheles geredet werden!
ganzbaf (05.03.2010, 14:52 Uhr)
Aber rund 1 Millionen...

sind in den letzten 8 Jahren auch ausgewandert.
Was die Lage tatsächlich minimal entschärft hat. Heureka...;-S
ganzbaf (05.03.2010, 14:49 Uhr)
Hi ho ha

Real haben wir nach diversen Schätzungen zwischen 6 und 8 Millionen Arbeitslose.

Es geht ´NUR mit Arbeitszeitverkürzung und Mindestlöhnen.
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