Vor kurzem lobte Bundespräsident Horst Köhler ausdrücklich die Mitbestimmung von Arbeitnehmern. Nun besuchte er eine sächsische Firma, die ihre Mitarbeiter ausbeutet und einen Betriebsrat verhindert. Von Axel Hildebrand und Doris Schneyink

Bundespräsident Horst Köhler beim 60. Geburtstag des DGB: "Innovationsfaktor ersten Ranges"© Klaus-Dietmar Gabbert/DPA
Als Ulrike Dettmer* vor ein paar Tagen ihre Lokalzeitung aufschlägt, denkt sie an einen schlechten Scherz. Bundespräsident Horst Köhler wird ins sächsische Vogtland reisen und den Bass- und Gittarrenhersteller Warwick besuchen.
Ausgerechnet Warwick. Ausgerechnet Köhler. Erst am Montag hatte der Bundespräsident anlässlich des 60. Geburtstages des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Mitbestimmung als "Innovationsfaktor ersten Ranges" bezeichnet.
Dabei gibt es in der hippen Gitarrenschmiede weder einen Betriebsrat noch Mitbestimmung - und die Arbeitsbedingungen sind selbst für den ostdeutschen Musikinstrumentenbau, wo traditionell wenig gezahlt wird, hart.
Anfang September hatte sich Ulrike Dettmer auf eine Vollzeitstelle als kaufmännische Mitarbeiterin bei Warwick beworben. Gefragt nach ihren Gehaltsvorstellungen, gab die Diplom-Betriebswirtin 2100 Euro an - das ist bereits deutlich weniger, als für ihre Qualifikation üblich. Doch die Firma, die verschiedene Rock-, Pop-, und Jazzmusiker beliefert, darunter auch den U2-Bassisten Adam Clayton, hat für ihre Mitarbeiter andere Konditionen im Sinn: Für eine 47,5-Stunden-Woche -tägliche Arbeitszeit von 8.30 Uhr bis 19 Uhr plus zwei Samstage im Monate - sollte Dettmmer 1100 Euro verdienen. Brutto. "Dies stellt für Sie sicherlich kein Problem dar", schrieb die Personalerin.
Der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt hält dieses Job-Angebot nicht nur für ein Problem, sondern bezeichnet den vorgeschlagenen Lohn schlicht als "sittenwidrig". Ein Diplom-Betriebswirt, der in Vollzeit arbeitet, verdiene üblicherweise um die 2400 Euro, auch im Osten. Ein Angebot von 1100 Euro brutto "läge mehr als 30 Prozent unter dem üblichen Entgelt".
Die junge Betriebswirtin hatte in ihrem alten Job 2600 Euro brutto verdient. "Natürlich war ich bereit, Abstriche zu machen, aber 1100 Euro liegen jenseits meiner Schmerzgrenze", sagt Dettmer. "Wenn man Steuern, Miete, Versicherungen abzieht, dann würde ich bei Warwick ungefähr beim Hartz IV-Satz landen."
Aber nicht nur das Gehalt, auch die unternehmensüblichen Arbeitszeiten sieht Arbeitsrechtler Weigelt kritisch. "Wird zweimal im Monat samstags gearbeitet, handelt es sich um eine Sechs-Tage-Woche - die Mitarbeiter hätten Anspruch auf 24 Tage Urlaub." Bei Warwick, dem durch den Bundespräsidentenbesuch geadelten Gitarrenbauer, sind es 20.
stern.de konfrontierte das Unternehmen mit den Vorwürfen. Es wollte dazu jedoch keine Stellung beziehen. Auch das Bundespräsidialamt wollte sich zur Auswahl der Firma nicht äußern.
Die Gitarrenschmiede ist kein Unbekannter. In einem Internetforum wird über den Fall eines IT-Bachelors diskutiert, der sich ebenfalls bei Warwick beworben hatte. Auch ihm bot die Firma 20 Tage Urlaub an. Allerdings würden viele Mitarbeiter nicht alle Tage nehmen, sondern maximal 10 bis 15, so die Personalabteilung. Der Rest würde ausbezahlt - oder gleich dem Unternehmen überlassen. "Die sind doch bekloppt" kommentiert ein User. Ein anderer: "Wer dort zusagt ist selber schuld."
Auch die IG Metall in Zwickau hat unangenehme Erfahrungen gemacht: "Warwick hat verhindert, dass wir dort einen Betriebsrat gründen", berichtet der Erste Bevollmächtigte Stefan Kademann. "Das ging sogar so weit, dass die ihre Mitarbeiter nicht rausgelassen haben, als wir vor dem Werkstor Flugblätter verteilt haben." Kademann ist überzeugt: "Die wollten einfach nicht, dass ihre Mitarbeiter Kontakt zu Gewerkschaften bekommen." Die insgesamt schlechten Arbeitsbedingungen sind ihm bekannt. "Aus unserer Sicht grenzt das an Sklavenarbeit."
Dass Horst Köhler gerade solch ein Unternehmen besucht, steht im merkwürdigen Kontrast zu seinen jüngsten Lobeshymnen auf die Gewerkschaften: "Sie werden gebraucht", sagte Köhler beim DGB-Geburtstag. "Bleiben Sie stark, bleiben Sie streitbar."
Ulrike Dettmer blieb stark. Nun steht sie ohne Job da.
*Name von der Redaktion geändert