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8. Oktober 2009, 21:45 Uhr
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Horst Köhler und die Ausbeuter

Vor kurzem lobte Bundespräsident Horst Köhler ausdrücklich die Mitbestimmung von Arbeitnehmern. Nun besuchte er eine sächsische Firma, die ihre Mitarbeiter ausbeutet und einen Betriebsrat verhindert. Von Axel Hildebrand und Doris Schneyink

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Bundespräsident Horst Köhler beim 60. Geburtstag des DGB: "Innovationsfaktor ersten Ranges"© Klaus-Dietmar Gabbert/DPA

Als Ulrike Dettmer* vor ein paar Tagen ihre Lokalzeitung aufschlägt, denkt sie an einen schlechten Scherz. Bundespräsident Horst Köhler wird ins sächsische Vogtland reisen und den Bass- und Gittarrenhersteller Warwick besuchen.

Ausgerechnet Warwick. Ausgerechnet Köhler. Erst am Montag hatte der Bundespräsident anlässlich des 60. Geburtstages des Deutschen Gewerkschaftsbundes die Mitbestimmung als "Innovationsfaktor ersten Ranges" bezeichnet.

Dabei gibt es in der hippen Gitarrenschmiede weder einen Betriebsrat noch Mitbestimmung - und die Arbeitsbedingungen sind selbst für den ostdeutschen Musikinstrumentenbau, wo traditionell wenig gezahlt wird, hart.

1100 Euro für eine Diplom-Betriebswirtin - brutto

Anfang September hatte sich Ulrike Dettmer auf eine Vollzeitstelle als kaufmännische Mitarbeiterin bei Warwick beworben. Gefragt nach ihren Gehaltsvorstellungen, gab die Diplom-Betriebswirtin 2100 Euro an - das ist bereits deutlich weniger, als für ihre Qualifikation üblich. Doch die Firma, die verschiedene Rock-, Pop-, und Jazzmusiker beliefert, darunter auch den U2-Bassisten Adam Clayton, hat für ihre Mitarbeiter andere Konditionen im Sinn: Für eine 47,5-Stunden-Woche -tägliche Arbeitszeit von 8.30 Uhr bis 19 Uhr plus zwei Samstage im Monate - sollte Dettmmer 1100 Euro verdienen. Brutto. "Dies stellt für Sie sicherlich kein Problem dar", schrieb die Personalerin.

Der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt hält dieses Job-Angebot nicht nur für ein Problem, sondern bezeichnet den vorgeschlagenen Lohn schlicht als "sittenwidrig". Ein Diplom-Betriebswirt, der in Vollzeit arbeitet, verdiene üblicherweise um die 2400 Euro, auch im Osten. Ein Angebot von 1100 Euro brutto "läge mehr als 30 Prozent unter dem üblichen Entgelt".

Die junge Betriebswirtin hatte in ihrem alten Job 2600 Euro brutto verdient. "Natürlich war ich bereit, Abstriche zu machen, aber 1100 Euro liegen jenseits meiner Schmerzgrenze", sagt Dettmer. "Wenn man Steuern, Miete, Versicherungen abzieht, dann würde ich bei Warwick ungefähr beim Hartz IV-Satz landen."

"Wer dort zusagt ist selber schuld."

Aber nicht nur das Gehalt, auch die unternehmensüblichen Arbeitszeiten sieht Arbeitsrechtler Weigelt kritisch. "Wird zweimal im Monat samstags gearbeitet, handelt es sich um eine Sechs-Tage-Woche - die Mitarbeiter hätten Anspruch auf 24 Tage Urlaub." Bei Warwick, dem durch den Bundespräsidentenbesuch geadelten Gitarrenbauer, sind es 20.

stern.de konfrontierte das Unternehmen mit den Vorwürfen. Es wollte dazu jedoch keine Stellung beziehen. Auch das Bundespräsidialamt wollte sich zur Auswahl der Firma nicht äußern.

Die Gitarrenschmiede ist kein Unbekannter. In einem Internetforum wird über den Fall eines IT-Bachelors diskutiert, der sich ebenfalls bei Warwick beworben hatte. Auch ihm bot die Firma 20 Tage Urlaub an. Allerdings würden viele Mitarbeiter nicht alle Tage nehmen, sondern maximal 10 bis 15, so die Personalabteilung. Der Rest würde ausbezahlt - oder gleich dem Unternehmen überlassen. "Die sind doch bekloppt" kommentiert ein User. Ein anderer: "Wer dort zusagt ist selber schuld."

"Grenzt an Sklavenarbeit"

Auch die IG Metall in Zwickau hat unangenehme Erfahrungen gemacht: "Warwick hat verhindert, dass wir dort einen Betriebsrat gründen", berichtet der Erste Bevollmächtigte Stefan Kademann. "Das ging sogar so weit, dass die ihre Mitarbeiter nicht rausgelassen haben, als wir vor dem Werkstor Flugblätter verteilt haben." Kademann ist überzeugt: "Die wollten einfach nicht, dass ihre Mitarbeiter Kontakt zu Gewerkschaften bekommen." Die insgesamt schlechten Arbeitsbedingungen sind ihm bekannt. "Aus unserer Sicht grenzt das an Sklavenarbeit."

Dass Horst Köhler gerade solch ein Unternehmen besucht, steht im merkwürdigen Kontrast zu seinen jüngsten Lobeshymnen auf die Gewerkschaften: "Sie werden gebraucht", sagte Köhler beim DGB-Geburtstag. "Bleiben Sie stark, bleiben Sie streitbar."

Ulrike Dettmer blieb stark. Nun steht sie ohne Job da.

*Name von der Redaktion geändert

Von Axel Hildebrand und Doris Schneyink
KOMMENTARE (10 von 48)
 
ChrissRea (10.10.2009, 13:01 Uhr)
@pelzmuehle
das wäre wünschenswert. Hat aber leider wenig Aussicht auf Umsetzung. das ist nun mal das Schicksal von paranoiden Choleriker das Sie in ihrer eigenen Welt leben und die Realität möglichst draussen lassen. Allerdings geht es bei dem Besuch eben nicht nur um Warwick, sondern um die Tatsache das damit die Unverfrorenheit, das billige Abzocken, das Mund verbieten, mit Angst regieren u.s.w. von Herrn Köhler als Modell der Zukunft gelobt wurde !
kelsos (09.10.2009, 19:54 Uhr)
stehol schrieb:
"Die Zustände waren miserabel und es hatte jeder Angst etwas zu kritisieren bis die ersten auf die Straße gegangen sind."

Das war die DDR. Das ist alles Geschichte! Wer dagegen heute was kritisiert, steht auch schnell auf der Straße.
pelzmuehle (09.10.2009, 18:35 Uhr)
@chrissRea
Ich kann mich noch an gewisse Zeiten erinnern, in denen unter mehreren Mitarbeiter der Fa. Warwick eine gewisse Solidarität und Grundeinigkeit herrschte. Als dies der Geschäftsführung auffiel wurde mit zwielichtigen Mittel versucht, diese kleine Einigkeit zu zersetzen, und das, trotz der Tatsache, dass sich damit ein Team herausgebildet hatte, welches auf dem Weltmarkt ganz oben mitmischen konnte. So nach dem Motto, hier bildet sich ein demokratischer Kreis, also sofort weg damit. Diese Art von Unternehmenspolitik ist eigentlich sehr schwer nachzuvollziehen...

Wünschenswert wäre, dass die Firma Warwick nach diesem Öffentlichkeitsspot gezwungen würde, den eigenen Mitarbeitern einen gerechten und gesetzlich geregelten Arbeitsplatz zu schaffen...
MMSterling (09.10.2009, 17:56 Uhr)
Warwick
ist der einzige nennenswerte deutsche Gitarrenbauer. Es gibt einige kleine Gitarrenbauer, aber eher auf Manufakturgröße.

Fender und Gibson, die großen US-Firmen, lassen heute unter ihrem oder unter anderen Firmennamen in Mexiko, China und Korea fertigen, um sich gegen die japanische Konkurrenz von Ibanez und Yamaha behaupten zu können, die mittlerweile auch dort bauen lassen. Der weltgrößte Gitarrenbauer ist Cort, eine koreanische Firma, die unter eigenem Namen oder im Auftrag von anderen Firmen Instrumente herstellt.

Übrigens hat auch Warwick seine Asien-Linie (Rockbass by Warwick oder so ähnlich), da sie von den Deutschen Instrumenten kaum leben kann. Ebenso, wie der größte Teil von Framus aus Fernost stammt.

Das ganze zeigt mal wieder das ganze Dilema der globlisierten Wirtschaft. Hält man arbeitsintensive Produktion in Deutschland (oder wie hier in den USA). geht man pleite, oder zahlt nur noch Hungerlöhne. Verlagert man die Produktion in Billiglohnländer und behält nur die Entwicklung in Deutschland, kann man überleben, aber die Volkswirtschaft verliert Arbeitsplätze. Und die selben Leute, die über den Arbeitsplatzverlust klagen, kaufen die koreanischen und chinesischen Instrumente, weil sie so suuuper billich sind.

Btw...für das Modell, das der BuPräs da festhält, warb Warwick vor 3 Jahren noch in Fachzeitschriften als "a Weapon of Massdestruction". Allerdings ohne Bundeslackierung...
Aquarius2 (09.10.2009, 17:22 Uhr)
Man lernt auch als Bundespräsident für die Zukunft
Vielleicht wollte der Bundespräsident in der Praxis studieren, welche Gehaltsstrukturen künftig auch über die Betriebsgrenzen dieser Firma hinaus zur Anwendung kommen können. Handlungsbedarf besteht ja. Es kann ja nicht so bleiben, dass jeder kleine Popel (Facharbeiter, Uni-Absolvent) ein Auto besitzt, regelmäßig in Urlaub fährt und dazu noch übergewichtig ist. Hier sind konkrete Ansatzpunkte zur Reduzierung der Lohnnebenkosten, staatlicher Sozialleistungen und zur stärkeren Umverteilung hin zu den Leistungsträgern (angestellte Manager, Banker, Politiker) vorhanden. Es soll keiner sagen, es geht nicht. Der Bundespräsident hat es in der Praxis erlebt !!!
stehol (09.10.2009, 17:07 Uhr)
Einigkeit und Recht und Freiheit
Über das Thema Arbeitsbedingungen bei Warwick wurde immer viel gemunkelt, jedoch das Problem nie so öffentlich dargestellt. Diese Informationen sind wichtig und ich freue mich über das Interesse der Öffentlichkeit.

Der Kommentar von Freigeist5 Aus Sicht des Unternehmers.... ist schon sehr zynisch und zeugt von wenig Nächstenliebe.

Ein Teil des Ansehens eines Unternehmens besteht auch darin, wie mit den Menschen umgegangen wird, die dessen Werte schaffen.

Nachhaltigkeit in einem Unternehmen bezieht sich auf ökologischer und sozialer Verantwortung.

Die Entscheidung der Käufer für ein Produkt wird in Zukunft dahin gehen, dass man sich überlegt ist es ökologisch hergestellt und wie sind da die Arbeitsbedingungen.

Deshalb sind diese Infos dazu für die Kunden weltweit wichtig.

Eigentlich war der Grund des Besuches Horst Köhler in Plauen, den Mut der Menschen zu würdigen, die für Freiheit auf die Straße gegangen sind.
Das steht doch sehr im Gegensatz zum Besuch und die damit verbundene Würdigung der Firma Warwick.

Wir hoffen, dass auch jetzt der Mut da ist wie vor 20 Jahren: Die Zustände waren miserabel und es hatte jeder Angst etwas zu kritisieren bis die ersten auf die Straße gegangen sind.
Doch der Freiheit der Meinungsäußerung sind heute harte Grenzen gesetzt, diese sind finanzieller Art.

Ob sich Horst Köhler darüber Gedanken macht? Wenn, dann wäre es gut diese öffentlich zu äußern und gleichzeitig die Unternehmen hevorzuheben, die ihrer moralisch, sozialen Verantwortung gerecht werden.
ChrissRea (09.10.2009, 14:31 Uhr)
@pelzmuehle
das Thema ist die steigende Akzeptanz, politisch wie gesellschaftliche, solcher Arbeitsbedingungen bzw. Umgangsformen und die Hoffähigmachung durch das Amt des Bundespräsidenten !!!
Schauen wir doch mal was die Vogtländer dazu sagen: http://www.vogtland-anzeiger.de/Vogtland_Anzeiger/index.php?menuid=29&reporeid=1629 bzw.: http://www.vogtland-anzeiger.de/Vogtland_Anzeiger/index.php?menuid=23&reporeid=1638
jonas50 (09.10.2009, 12:16 Uhr)
alles nur eine Frage des Vortrag-Honorars
er ist der Präsident, den das Volk verdient, das die neue Regierung gewählt hat
pelzmuehle (09.10.2009, 10:54 Uhr)
Um mal wieder zum Thema zu kommen. Die Fa. Warwick ist doch einer der krassesten Fälle. Es gibt aber genügend Unternehmen, in denen der Mitabeiter eine andere Stellung einnimmt. Dies sollte als Beispiel, dass es doch auch anders geht, herangezogen werden. Die extreme Mitarbeiterfluktation bei Warwick beweist doch zudem für sich, dass da vieles im Argen liegt... Und doch scheint das Unternehmen irgendwie zu funktionieren. Im übrigen ist keiner dazu genötigt, zu solch zweifelhaften Konditionen in zu arbeiten.
ChrissRea (08.10.2009, 22:13 Uhr)
@Freigeist5
ok ... d. H. erst wenn die Inder (bzw. alle Schwellenländer) begriffen haben das Sie ausgenommen werden,hat die Welt eine Chance das Alle ein erträgliches Auskommen haben ? Nein .. das Problem ist ein Urmenschliches. Despoten regieren immer nur mit der Angst der Anderen !!! Es wird Zeit das auch hier Zivilcourage gezeigt wird !!!
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