Die neue Klassengesellschaft

1. September 2007, 08:53 Uhr

Nichts wie weg. Die Mittelschicht flieht aus den Problemvierteln. Schuld ist nicht die Armut. Die intakten Familien halten Drogen, Dreck, Gewalt - und vor allem die schlechten Schulen nicht mehr aus. Eine Reportage aus der gespaltenen Stadt Berlin. Von Walter Wüllenweber

Aufwachsen in einer heilen Welt: Die Reihenhaussiedlung "Türkenpfuhl" am Berliner Stadtrand©

Der Gartenzaun ist kaum hüfthoch. Auf beiden Seiten stehen Frauen. Sie lachen und prosten sich mit Prosecco zu. Ihre Männer heizen den Grill an. Jungs in Badehosen jagen sich mit Wasserpistolen durch die kleine Reihenhaussiedlung. Vor dem Carport spielt ein Ehepaar Federball. Auf der Terrasse am Eckhaus schrauben drei Männer aus der Nachbarschaft eine Markise fest, die sich beim letzten Gewitter gelöst hatte. Klaviergeklimper von einem übenden Kind dringt aus dem Haus gegenüber. Dies ist nicht Bullerbü oder Waltons Mountain. Es ist so etwas wie ein Flüchtlingslager in Berlin. Hierher fliehen Mittelschichtsfamilien, die es in den Berliner Problemvierteln Neukölln, Kreuzberg oder Wedding nicht mehr ausgehalten haben. "Wir hatten eine tolle Wohnung in Kreuzberg. Aber jede Nacht der Lärm und Hupkonzerte. Klar, die Typen stehen ja alle erst am Nachmittag auf ", sagt Mehmet Gündüz. "Der ganze Dreck dort. Nee, da soll mein Sohn nicht aufwachsen, nicht unter diesen Leuten", sagt Serkan Özdal.

Die Gärtchen des Reihenhausidylls grenzen an einen Teich. Nach ihm wird die ganze Gegend im Süden Berlins benannt. Der Tümpel heißt Türkenpfuhl. Offiziell. Zuerst war der Name, dann kamen die Türken. Rund die Hälfte der Eigenheime gehört Berlinern türkischer Herkunft. Aber auch Familien aus Thailand, China und Liberia wohnen hier. Und Deutsche. Die Bewohner des Türkenpfuhls kommen aus allen Teilen der Welt, doch ihr Lebensstil passt zusammen, als wären sie gemeinsam aufgewachsen. Man spricht deutsch. Die Wege werden gefegt. Keiner trägt Kopftuch. Die Kinder grüßen. In allen Häusern ist Rauchen verboten, sodass die Raucher sich immer am Gartenzaun treffen. Da steht Tansel Özdal mit dem Prosecco in der einen und ein paar Löffeln in der anderen Hand. "Guck mal, Ute. Die Löffel hier hab ich schon seit ewig in der Schublade. Das sind aber nicht meine." Ein prüfender Blick der Nachbarin: "Die könnten Karl-Heinz von drüben gehören." Serkan Özdal ist stolz auf dieses Zusammenleben. "Wir vertrauen uns hier sogar unsere Kinder an. Die erlauben mir, ihre Kinder zu erziehen, und ich erlaube denen, mein Kind zu erziehen. Mehr geht nicht." Genau so hatte man sich die multikulturelle Gesellschaft immer vorgestellt. "Tja, hier funktioniert Multikulti", sagt Serkan Özdal. Aber nur in der Mittelschicht. Keine drei Kilometer stadteinwärts ist friedliches Zusammenleben eine naive Illusion. Da endet die Toleranz, wenn einer vom anderen glaubt: "Hey, guckst du?"

Heinz Buschkowky ist der Bürgermeister von Neukölln. Der SPD-Mann spricht ohne Filter, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit. "Die Bildungshungrigen, die Aufstiegswilligen, die was wollen und was können und deren Familien intakt sind -, die hauen ab, die verlassen solche Underdog- Quartiere. Das ist eine Abstimmung mit dem Möbelwagen."

Neukölln ist ein extremer Bezirk. Doch seine Probleme sind nicht untypisch für Deutschland. Hier geschieht alles nur etwas früher. Oft ist der Blick nach Neukölln der Blick in die Zukunft. Schon beobachten Sozialforscher mit Sorge in ganz Deutschland eine immer stärkere "Segregation" oder "Entmischung" der Gesellschaft. Die unterschiedlichen sozialen Schichten grenzen sich stärker voneinander ab. Der Graben wird breiter. Das ist die Spaltung der Gesellschaft. Wenn von dieser Spaltung die Rede ist, dann meist von denen ganz oben und denen ganz unten. Doch die lebten schon immer auf unterschiedlichen Planeten. Der Gesellschaftsgraben verläuft heute quer durch Neukölln. Er verläuft zwischen der Unterschicht und der Mittelschicht.

"Die Mitte grenzt sich massiv nach unten ab. Da gibt es inzwischen fast eine Kontaktsperre", sagt Carsten Wippermann vom Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus. Der Soziologieprofessor Hartmut Häußermann von der Berliner Humboldt- Universität spricht von "Statuspanik in der Mittelschicht". Die Stadtentwicklungsforscher registrieren in allen Ballungszentren eine Massenflucht aus den Problemvierteln.

In Städten wie Berlin zieht Jahr für Jahr jeder zehnte Haushalt um. Motor der Entwicklung ist die Sorge um die Kinder. Spätestens beim Nachwuchs hört die Toleranz auf. Die Menschen, die am häufigsten umziehen, sind darum Kinder unter sechs Jahren. Nichts wie weg, bevor das Kind in die Schule kommt. Mit den Kindern von "denen" soll mein Kind nicht aufwachsen. Annette Weber-Vinkeloe hat es länger in Neukölln ausgehalten als die meisten. "Wir hatten eine wirklich schöne, große, helle Altbauwohnung." Die Familie investierte Enthusiasmus und Engagement in das nachbarschaftliche Leben. Zusammen mit ihrem Mann gehörte sie zu den Gründern eines Kinderladens. "Aber nach und nach sind die anderen alle weggezogen." Der Supermarkt setzte einen Wachmann neben die Kasse. Die Nachbarn lärmten im Suff. Irgendwann musste der Buchladen aufgeben. Letzter Anlass war das blutig geschlagene Gesicht ihres Sohnes. "Es war das dritte Mal. Ich wollte nur noch weg."

Es ist eine ruhige Seitenstraße mit hohen Bäumen, in der Annette Weber- Vinkeloe nicht mehr leben wollte. Auf den Parkbänken sitzen Erwachsene und trinken Bier aus Plastikflaschen. Anwohner haben ihre kaputten Sofas und Kühlschränke auf dem Bürgersteig entsorgt. Daneben wachsen die blauen Berge aus Müllsäcken. Resigniert haben die Hauseigentümer das Erdgeschoss der gesamten Straße den Graffiti-Sprühern überlassen. Die Mauersockel der Häuser sind hüfthoch mit Urin vollgesogen. Aus Ekelerfahrung laufen die Fußgänger hier nur in gebückter Haltung, um die Hundehaufen rechtzeitig zu erkennen. In den Problemvierteln ist die Hundedichte stets am höchsten. Die Berliner Stadtreinigung versichert, in diesem Quartier häufiger zu kehren und den Müll abzuholen als im geleckten Türkenpfuhl. Doch gegen den Dreck in solchen Vierteln sei man einfach machtlos.

Am Fahrradständer vor dem Supermarkt parkt ein Dogo Argentino, der neueste Modehund in Deutschlands Underdog- Bezirken. Er ist weiß und ponygroß. In seiner Heimat Argentinien dient das Tier zur Jagd auf Pumas. Allgemein wird der Hund als "sehr durchsetzungsstark" beschrieben, einer, der einen ausgesprochen charakterfesten Halter benötigt. Sonst wird es gefährlich.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 35/2007

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KOMMENTARE (10 von 30)
 
H.P. (04.09.2007, 09:16 Uhr)
es öffentlich zeigen.
Kalox (2.9.2007, 9:39 Uhr)
auf den dieses Gesindel stolz ist.
Eine Gesellschaft formt diese Menschen, es ist also auch ein Gesellschaftsproblem, wie gesagt, wer Menschen bewusst aus grenzt, sie als Gesindel bezeichnet, ihnen kaum eine Chance gibt, kann nichts anderes erwarten. Wie viele Menschen die in der Oberschicht leben sind schlimmer als die, die sich auf der Straße schlecht benehmen und es öffentlich zeigen.
Filapensill (04.09.2007, 01:47 Uhr)
Wegziehen...
...als langjähriger Einwohner Kreuzbergs kann ich bestätigen, dass einige alte Bekannte hier weggezogen sind, zb. ein gut verdienender Freund in die Schweiz, weil er dort viel weniger Steuern zahlen müsse oder andere, ehemalige Hausbesetzer, denen nun doch mehr die Gemütlichkeit eines bürgerlichen Viertels gefällt, inklusive strenger Hausordnung und engem Kontakt zu den Nachbarn. Keiner dieser Menschen sagte aber, ich will hier weg, weil ich jetzt ein Spießer bin oder sein möchte oder weil ich inzwischen soviel verdiene, dass mir hier unwohl ist. Dabei wäre das meiner Ansicht nach durchaus legitim. Ein Kreuzberger Galerist sagte vor Jahren in der Presse: "Ich ziehe hier weg wegen den Drogensüchtigen." Nun lungerten diese weder vor seiner Galerie herum, noch brachen sie jeh bei ihm ein. Er wollte sich in der Galerienmeile Berlin-Mitte nur ein bißchen bei en anderen einschleimen. Ich glaube deshalb, dass die Gründe des Wegzugs oft viel banaler sind. Kreuzberg ist tatsächlich für viele, die anderswo nicht reinpassen, eine echte Wohltat. Die Menschen, die hier verächtlich von "Gutmenschen" sprechen, möchte ich jedenfalls in ihrer oft rassistischen, aggressiven, intoleranten Gesinnung nicht als Nachbarn haben. Sie leben tatsächlich in einer Parallelkultur -zu meiner. Vor diesen Menschen bin ich vor 30 Jahren aus der Provinz geflüchtet.
Garnet (03.09.2007, 10:49 Uhr)
Was soll das?
Eine Klassengesellschaft gab es in Deutschland schon immer. Das hat nichts mit der Globalisierung oder Hartz 4 zu tun. Schade das die Diskussionen immer so entgleisen. Ewig am Thema vorbei. Es hilft nicht zu versuchen die Schuld fuer das versagen einer Bevoelkerungsgruppe bei anderen zu suchen ausser der Politik. Das Sozialgewimmere geht wirklich auf den Nerv. Es gibt diese Randgruppen ueberall, in jedem Land. Kalox sagt das richtige. Die Erziehungsfehler, Eltern welche keine sind, antiautoritaere Erziehung, Leistungsverweigerung, Faulheit, das Sozilae Netz ab Absicherung und ein versagen des Schulsystems haben die Situation weiter verschaerft. Ich setze dem ganzen noch einen drauf und habe meinen Sohn in Kanada zur High School geschickt und in Australien zur Universitaet. Mir ist nur ein Wohnortwechsel nicht genug.
sternHERZ (03.09.2007, 04:58 Uhr)
RE: german by nature
nur weil Sie aus Ihrem braunen Dorf in Meck-Pomm oder sonst wo noch nicht rausgekommen sind, setzen Sie bitte nicht Ihre Umgebung mit Gesamt Deutschland gleich. Wahrscheinlich schieben Sie nur Frust weil Ihr Nachbar einen grösseren Heckspoiler als Ihr VW Jetta hat und sich zwei Bier mehr an der Tanke leisten kann.
German_by_nature (02.09.2007, 20:36 Uhr)
http://www.no-go-fuer-deutsche.de
Die Zustände in Berlin sind schon überall Realität ... aber schön das der Herr Gutmensch mir verbieten möchte dieses anzusprechen. Ein Zeichen ihrer Toleranz? Wohl eher kaum. Eher ein Zeichen ihrer verbissenen realitätsfernen Liberalität ...
Schrdro (02.09.2007, 19:25 Uhr)
Rücksichtlosigkeit und Schicht
Zum Hundedreckproblem kann ich allerdings aus leidvoller Erfahrung nur sagen, dass es keineswegs immer die Unterschichtsangehörigen sind, sondern durchaus auch gutsituierte Leute, die ihre Köter fortgesetzt vor anderer Leute Tür sch...en lassen. Ähnliches gilt für das Rasen vor Kindergärten und Schulen usw. Rücksichtslosigkeit ist nicht unbedingt der Frage der sozialen Schicht, da hätte der Artikel m.E. deutlicher machen müssen.
Robert-Ludwig (02.09.2007, 14:09 Uhr)
Nazis
an German_by_nature,
Ihr Intellekt lässt auch auf etwas niedrigen geistigen Bildungsstand schließen, ich hoffe, dass von der Redaktion ihr link 1.Sep 12:14 gelöscht wird, so eine braune Brühe gehört in den Ausguss.
GordonBleu (02.09.2007, 12:40 Uhr)
@german_by_nature
wen genau meinen sie mit "deutschem bodensatz"? mir fallen zu "deutschem bodensatz" spontan die stockbesoffenen, gröhlenden rechten kahlschädel ein, die deutsche tugenden wie mut und tapferkeit immer dann zelebrieren, wenn sie andersdenkenden zahlenmäßig mindestens 10:1 überlegen sind meinen sie die auch?
Diver277 (02.09.2007, 12:40 Uhr)
Solange wir...
Politiker haben und hatten wie RAF-Anwälte Schilly und Ströbele die für alles und jeden Veständniss haben, nur nicht für dei eigene Bevölkerung, braucht man sich über solche Zustände nicht zu wundern. Den Ausländern geht es doch gut bei uns, diw wären doch dumm so ein sorgenfreies Land wie Deutschland den Rücken zu kehren.
German_by_nature (02.09.2007, 11:38 Uhr)
Die Früchte der unkontrollierten Einwanderung
Natürlich gibt es integrierte und angepasste Ausländer, welche ihre Kinder in die richtigen Bahnen bringen und sich selbst in die deutsche Gesellschaft einbringen.
Der Großteil der Ausländer die wir hier "dulden" dürfen sind aber entwurzelt, ungebildet und niemals gewillt oder in der Lage gewesen sich integrieren zu wollen.
Und Ausländer wie die "afrikanischen Dealer" ... warum sagt man eigentlich dealende Neger ... gibt es mittlerweile überall in Deutschland und unsere Gutmenschen tolerieren dieses seit Ende der 80er bzw. frühen 90er . Wir sehen hier die Ergebnisse unserer falschen Politik bzgl Asylanten und Abschiebung.
Das Gleichgewicht kippt, die Gesellschaft verarmt und die deutsche Unterschicht vermischt sich mit den Ausländern, welche auch in ihrer angestammten Heimat nur zum Bodensatz gehören würden.
Die Lösung kann nur eine radikale Abschiebung von kriminellen Ausländern sein Gleiches gilt für langfristig arbeitslose Ausländer bzw. Sozialschmarotzer.
Und auch um den deutschen Bodensatz muss man sich kümmern. Die Kinder sind noch nicht verloren. Hier bedarf es Projekte um den Kindern wieder Werte und Tugenden zu vermitteln. Ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen und damit Perspektiven zu zeigen.
Deutschland leidet an einem gesellschaftlichen Wertverfall und die Zeichen sind überall zu erkennen. Die etablierten Parteien haben dunkel-rosafarbene Gutmenschenbrillen angezogen. Predigen immer noch Multikulti und verraten so das deutsche Volk.
Deutschland wach endlich auf aus deiner linksliberalen Lethargie.
Und an die integrierten Ausländer - Respekt - aber wäre es nicht ehrenhafter wenn ihr euer Potential euren Heimatländern geben würdet um diese nach vorne zu bringen.
Alle Nationen und Völker spüren die Globalisierung durch das vaterlandslose Finanzkapital.