Nichts wie weg. Die Mittelschicht flieht aus den Problemvierteln. Schuld ist nicht die Armut. Die intakten Familien halten Drogen, Dreck, Gewalt - und vor allem die schlechten Schulen nicht mehr aus. Eine Reportage aus der gespaltenen Stadt Berlin. Von Walter Wüllenweber

Aufwachsen in einer heilen Welt: Die Reihenhaussiedlung "Türkenpfuhl" am Berliner Stadtrand© Anne Schönharting
Der Gartenzaun ist kaum hüfthoch. Auf beiden Seiten stehen Frauen. Sie lachen und prosten sich mit Prosecco zu. Ihre Männer heizen den Grill an. Jungs in Badehosen jagen sich mit Wasserpistolen durch die kleine Reihenhaussiedlung. Vor dem Carport spielt ein Ehepaar Federball. Auf der Terrasse am Eckhaus schrauben drei Männer aus der Nachbarschaft eine Markise fest, die sich beim letzten Gewitter gelöst hatte. Klaviergeklimper von einem übenden Kind dringt aus dem Haus gegenüber. Dies ist nicht Bullerbü oder Waltons Mountain. Es ist so etwas wie ein Flüchtlingslager in Berlin. Hierher fliehen Mittelschichtsfamilien, die es in den Berliner Problemvierteln Neukölln, Kreuzberg oder Wedding nicht mehr ausgehalten haben. "Wir hatten eine tolle Wohnung in Kreuzberg. Aber jede Nacht der Lärm und Hupkonzerte. Klar, die Typen stehen ja alle erst am Nachmittag auf ", sagt Mehmet Gündüz. "Der ganze Dreck dort. Nee, da soll mein Sohn nicht aufwachsen, nicht unter diesen Leuten", sagt Serkan Özdal.
Die Gärtchen des Reihenhausidylls grenzen an einen Teich. Nach ihm wird die ganze Gegend im Süden Berlins benannt. Der Tümpel heißt Türkenpfuhl. Offiziell. Zuerst war der Name, dann kamen die Türken. Rund die Hälfte der Eigenheime gehört Berlinern türkischer Herkunft. Aber auch Familien aus Thailand, China und Liberia wohnen hier. Und Deutsche. Die Bewohner des Türkenpfuhls kommen aus allen Teilen der Welt, doch ihr Lebensstil passt zusammen, als wären sie gemeinsam aufgewachsen. Man spricht deutsch. Die Wege werden gefegt. Keiner trägt Kopftuch. Die Kinder grüßen. In allen Häusern ist Rauchen verboten, sodass die Raucher sich immer am Gartenzaun treffen. Da steht Tansel Özdal mit dem Prosecco in der einen und ein paar Löffeln in der anderen Hand. "Guck mal, Ute. Die Löffel hier hab ich schon seit ewig in der Schublade. Das sind aber nicht meine." Ein prüfender Blick der Nachbarin: "Die könnten Karl-Heinz von drüben gehören." Serkan Özdal ist stolz auf dieses Zusammenleben. "Wir vertrauen uns hier sogar unsere Kinder an. Die erlauben mir, ihre Kinder zu erziehen, und ich erlaube denen, mein Kind zu erziehen. Mehr geht nicht." Genau so hatte man sich die multikulturelle Gesellschaft immer vorgestellt. "Tja, hier funktioniert Multikulti", sagt Serkan Özdal. Aber nur in der Mittelschicht. Keine drei Kilometer stadteinwärts ist friedliches Zusammenleben eine naive Illusion. Da endet die Toleranz, wenn einer vom anderen glaubt: "Hey, guckst du?"
Heinz Buschkowky ist der Bürgermeister von Neukölln. Der SPD-Mann spricht ohne Filter, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit. "Die Bildungshungrigen, die Aufstiegswilligen, die was wollen und was können und deren Familien intakt sind -, die hauen ab, die verlassen solche Underdog- Quartiere. Das ist eine Abstimmung mit dem Möbelwagen."
Neukölln ist ein extremer Bezirk. Doch seine Probleme sind nicht untypisch für Deutschland. Hier geschieht alles nur etwas früher. Oft ist der Blick nach Neukölln der Blick in die Zukunft. Schon beobachten Sozialforscher mit Sorge in ganz Deutschland eine immer stärkere "Segregation" oder "Entmischung" der Gesellschaft. Die unterschiedlichen sozialen Schichten grenzen sich stärker voneinander ab. Der Graben wird breiter. Das ist die Spaltung der Gesellschaft. Wenn von dieser Spaltung die Rede ist, dann meist von denen ganz oben und denen ganz unten. Doch die lebten schon immer auf unterschiedlichen Planeten. Der Gesellschaftsgraben verläuft heute quer durch Neukölln. Er verläuft zwischen der Unterschicht und der Mittelschicht.
"Die Mitte grenzt sich massiv nach unten ab. Da gibt es inzwischen fast eine Kontaktsperre", sagt Carsten Wippermann vom Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus. Der Soziologieprofessor Hartmut Häußermann von der Berliner Humboldt- Universität spricht von "Statuspanik in der Mittelschicht". Die Stadtentwicklungsforscher registrieren in allen Ballungszentren eine Massenflucht aus den Problemvierteln.
In Städten wie Berlin zieht Jahr für Jahr jeder zehnte Haushalt um. Motor der Entwicklung ist die Sorge um die Kinder. Spätestens beim Nachwuchs hört die Toleranz auf. Die Menschen, die am häufigsten umziehen, sind darum Kinder unter sechs Jahren. Nichts wie weg, bevor das Kind in die Schule kommt. Mit den Kindern von "denen" soll mein Kind nicht aufwachsen. Annette Weber-Vinkeloe hat es länger in Neukölln ausgehalten als die meisten. "Wir hatten eine wirklich schöne, große, helle Altbauwohnung." Die Familie investierte Enthusiasmus und Engagement in das nachbarschaftliche Leben. Zusammen mit ihrem Mann gehörte sie zu den Gründern eines Kinderladens. "Aber nach und nach sind die anderen alle weggezogen." Der Supermarkt setzte einen Wachmann neben die Kasse. Die Nachbarn lärmten im Suff. Irgendwann musste der Buchladen aufgeben. Letzter Anlass war das blutig geschlagene Gesicht ihres Sohnes. "Es war das dritte Mal. Ich wollte nur noch weg."
Es ist eine ruhige Seitenstraße mit hohen Bäumen, in der Annette Weber- Vinkeloe nicht mehr leben wollte. Auf den Parkbänken sitzen Erwachsene und trinken Bier aus Plastikflaschen. Anwohner haben ihre kaputten Sofas und Kühlschränke auf dem Bürgersteig entsorgt. Daneben wachsen die blauen Berge aus Müllsäcken. Resigniert haben die Hauseigentümer das Erdgeschoss der gesamten Straße den Graffiti-Sprühern überlassen. Die Mauersockel der Häuser sind hüfthoch mit Urin vollgesogen. Aus Ekelerfahrung laufen die Fußgänger hier nur in gebückter Haltung, um die Hundehaufen rechtzeitig zu erkennen. In den Problemvierteln ist die Hundedichte stets am höchsten. Die Berliner Stadtreinigung versichert, in diesem Quartier häufiger zu kehren und den Müll abzuholen als im geleckten Türkenpfuhl. Doch gegen den Dreck in solchen Vierteln sei man einfach machtlos.
Am Fahrradständer vor dem Supermarkt parkt ein Dogo Argentino, der neueste Modehund in Deutschlands Underdog- Bezirken. Er ist weiß und ponygroß. In seiner Heimat Argentinien dient das Tier zur Jagd auf Pumas. Allgemein wird der Hund als "sehr durchsetzungsstark" beschrieben, einer, der einen ausgesprochen charakterfesten Halter benötigt. Sonst wird es gefährlich.
Übernommen aus ...
Ausgabe 35/2007