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Was ein Arzt in einem Flüchtlingslager erlebte

Jeder hat seine Meinung zum Thema Flüchtlinge - egal, ob man schon einmal mit ihnen zu tun hatte oder nicht. Der Mediziner Raphaele Lindemann weiß um das Elend der Ankommenden - und beschreibt auf Facebook, was er in einem Flüchtlingslager erlebt hat.

Wie ist es wirklich in einem Flüchtlingslager? Ein Arzt veröffentlichte jetzt einen bewegenden Facebook-Post

Wie ist es wirklich in einem Flüchtlingslager? Ein Arzt veröffentlichte jetzt einen bewegenden Facebook-Post.

Beim Thema Flüchtlinge scheint es in diesen Tagen nur noch Schwarz und Weiß zu geben - und wenige verlässliche Informationen. Es ist leicht, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, im Internet nach zur eigenen Meinung passenden Informationen zu suchen und sich dann gegenseitig die Weltbilder um die Ohren zu hauen. Und während sich in Europa und innerhalb Deutschlands die Fronten verhärten, während die Übergriffe in Köln noch immer im Hinterkopf festsitzen, während Ängste geschürt und deutsche Fahnen geschwungen werden, kommen noch immer tagtäglich Tausende Flüchtlinge im kalten deutschen Winter an.

Zwischen all den gegenseitigen Anschuldigungen und Gerüchten gibt es nur wenige Stimmen, die über Erfahrung aus erster Hand verfügen. So wie die von Raphaele Lindemann, einem Mainzer Mediziner. Vier Wochen lang, schreibt er auf Facebook, habe er in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Neuankömmlinge gearbeitet. Seine Eindrücke schildert er in einem langen und eindringlichen Appell.

In dem Bericht beschreibt er den erschütternden Zustand, in dem sich viele bei ihrer Ankunft befinden. Er schreibt von Menschen, die den Weg mit komplett verbrannten Beinen hinter sich gebracht haben. Von einer schwangeren Mutter, die zwei Kinder bei der Überfahrt verloren hat und das dritte nun nicht mehr unter ihrem Herzen spürt.  Vor allem aber beschreibt er eine komplexe Realität, der einfache Meinungen nicht gerecht werden können.

Hier können Sie den ganzen Beitrag auf Facebook lesen.

"Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500 km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine 'naive rosarote Gutmenschbrille' zu schauen", schreibt er. "Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an."

"Menschen leiden und sterben. Jetzt."

Nach und nach räumt er mit inzwischen gängigen Vorurteilen auf - mindestens 40 Prozent der bei ihm Ankommenden, schreibt er, seien Kinder; "und ja, es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht?" - und rechnet mit denen ab, die in jedem Flüchtling einen Sozialschmarotzer erkennen wollen. "Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf facebook das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will - und wenn es nur durch Unterlassung ist." Zugleich beschönigt er nichts. Dass Kriminalität und sexuelle Übergriffe konsequent geahndet werden müssen, dass sich auch der Islam bewegen muss, dass nicht alle, die kommen, gute Menschen und dass unter ihnen "auch Arschlöcher" sind - keine Frage.

Vor allem aber ist es ein sehr persönlicher Bericht, in dem abstrakte Konzepte und Worte wie Schengen, Obergrenze, sogar Europa komplett fehlen. Der Text legt den Fokus wieder auf den Einzelnen und auf den unmittelbaren Moment. Er macht schmerzlich klar, vor welcher Entscheidung wir dort draußen selbst stehen könnten: Was tun wir, wenn Menschen zu uns kommen, die nicht zurückkönnen, weil ihnen woanders der Tod droht? Was tun wir, wenn Menschen Hilfe brauchen, direkt und jetzt? Und wenn man doch selbst helfen kann.

Es ist ein sehr langer, sehr wichtiger Beitrag geworden, der in all seiner Länge lesenswert ist - für jeden, egal welcher Seite man angehört. Er schließt mit einem Appell: "Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das."


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