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31. Mai 2007, 15:38 Uhr

Vorwärts Marsch!

Er ist der Chef über 100 Millionen Euro: Knut Abramowski leitet die Polizeitruppe "Kavalla", die für die Sicherheit beim G8-Gipfel sorgt. Der 54-Jährige wollte eigentlich Pastor werden. Nun ist er der "Büttel der Macht". Im Gespräch mit stern.de erklärt er, was das Grundgesetz mit den Zehn Geboten gemeinsam hat. Von Manuela Pfohl

Seit 1974 ist der 54-jährige Knut Abramowski bei der Polizei© Manuela Pfohl

Irgendwann mal ist es ihm rausgerutscht. Beim x-ten Pressetermin, nach einem langen Tag. Da hat er gesagt: "Ich wäre auch gern Pastor geworden." Die Runde hat skeptisch geguckt und einer hat gefragt: "Wieso sind Sie dann ausgerechnet bei der Polizei gelandet?" Das klang ein bisschen wie ein Vorwurf. Wie: Pastor, das wäre doch was Solides gewesen. Aber Bulle? Knut Abramowski hat sich trotzdem entschlossen, nicht beleidigt zu sein. "Ich habe bei der Polizei gejobbt, um mir das Geld fürs Theologie-Studium zu verdienen. Und dann bin ich hängen geblieben, wie das eben so ist." Seit 1974 ist er dabei und er hat Karriere gemacht. Erst im Westen, als stellvertretender Inspektionsleiter in Ratzeburg, nach der Wende im Osten als Stabschef des Landespolizeiamtes Mecklenburg-Vorpommern, als Direktor der Bereitschaftspolizei und zum Schluss als Direktor der Polizeidirektion Rostock. Jetzt, mit 54, hat der Innenminister des Landes ihn zum Chef von "Kavalla" ernannt, der Polizeitruppe, die für die Sicherheit des G8-Gipfels zuständig ist. Erst haben die Kollegen gratuliert. Dann, als klar wurde, was an dem Job alles dranhängt, haben sie gesagt, arme Sau. 16.000 Polizisten auf der einen, 100.000 Demonstranten auf der anderen Seite und Abramowski mittendrin. Die einen fordern von ihm eine "harte Gangart gegen die Chaoten", die anderen nennen ihn einen "Büttel der Macht".

Wie ein Hamster im Laufrad

Abramowski sagt: "Da muss ich durch. Das gehört dazu." Natürlich könnte er sich hinsetzen und den Leuten seine Meinung sagen. "Ich bin doch schließlich auch ein politisch denkender Mensch." Aber er hat keine Lust dazu. "Und es ist auch nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, die Veranstaltung abzusichern und das mache ich gern." Trotzdem. In Momenten, wie diesem, zwischen zwei Terminen und der Aussicht auf einen langen Tag, kommen ihm auch widerständlerische Gedanken. Ein schönes Glas Rotwein. Französischen oder südafrikanischen.

Draußen im Garten. Das wär's. Kein Gipfel, kein Stress, keine Interviews mehr. Knut Abramowski sitzt auf einer Bank, blinzelt in die Sonne, zieht an seiner Zigarette. Dann atmet er den Rauch ganz langsam aus. Lächelt für eine Millisekunde und sagt: "Aber nicht, dass Sie das jetzt schreiben." Er steht auf, wie Schatten folgen ihm zwei Polizisten und die persönliche Referentin. Er steigt in sein Auto, der Fahrer lässt den Motor an. Höchste Zeit für das nächste Gespräch. Gipfel, Stress, Interviews. Wie ein Hamster im Laufrad. Jeden Tag dasselbe.

Selten mehr als sechs Stunden Schlaf

Als die Bundesregierung zum Jahreswechsel 2004 verkündete, dass der G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm ausgetragen werden soll, saß Knut Abramowski in seinem Büro und ahnte, dass es demnächst viel Arbeit geben würde. Geschreckt hat ihn das nicht. "Ich arbeite gerne." Als Chef der Bereitschaftspolizei Mecklenburg-Vorpommerns hat er Nukleartransporte, NPD-Großdemos und den Bush-Besuch gemanagt und dabei unzählige Überstunden geschrubbt. "Feierabend ist, wenn alles erledigt ist", sagt Abramowski. "Manchmal geht einem das ganz schön auf den Zeiger", stöhnen Polizisten. "Aber der Chef ist eben so, der muss wohl auch so sein."

Jetzt hat er einen 14- bis 16-Stunden-Dienst. Täglich. Kurzbesprechung, Tagesplanung, Beratungen mit anderen Behörden, Bürgergespräche. Mehr als sechs Stunden Schlaf in seiner Rostocker Polizeiunterkunft sind da nicht drin und das eine oder andere knappe Telefonat mit seiner Familie, die drüben in Schleswig-Holstein wohnt. Da, wo Abramowski auch geboren wurde.

Jedes Wort kommt in die Waagschale

Vier Kinder hat er. Die beiden jüngsten sind gerade in der Pubertät. Schwieriges Alter. "Werden die bei den Gipfel-Demos dabei sein oder dürfen die nicht", ist Abramowski kürzlich gefragt worden. "Natürlich dürften sie", hat er geantwortet. "Ich finde die Proteste völlig in Ordnung, so lange sie friedlich sind. Aber die Kinder haben gar keine Zeit. Die sind sportlich eingebunden, haben Punktspiele in der Woche." Ihr Vater kann nicht dabei sein und sie anfeuern. Es tut ihm leid. Aber: "Pflichterfüllung hat Vorrang." Und wieder ist da dieses Millisekunden-Lächeln, von dem man nicht weiß, wie man es deuten soll. Als Versuch, blitzschnell ein Gefühl zu überspielen oder doch nur als ein Zeichen der Höflichkeit? Keep smiling, wenn es die Lage erfordert?

Die Leute achten auf alles. Jedes Wort und jede Geste. Abramowski muss höllisch aufpassen, wie er rüberkommt und womit. Als alle Welt plötzlich wissen wollte, wer der Kavalla-Chef eigentlich ist, hat die Pressestelle der Polizei lange gegrübelt und schließlich ein Kurzporträt verfasst. Vier Zeilen lang. Da steht drin, dass sich der Polizeiführer in seiner knappen Freizeit gern in der Sauna erholt und das Buch, das ihn in der letzten Zeit sehr beeindruckt hat, Frank McCourts "Asche meiner Mutter" ist. Dann haben sie den Chef gefragt, was man noch schreiben könnte und Abramowski hat gesagt: "Das reicht."

Nun ein Teil der internationalen Sicherheitsmaschinerie

"Diese permanente Öffentlichkeit ist vielleicht das, was ihn am meisten nervt an seinem jetzigen Job", vermuten seine Kollegen. Was soll er denn sagen, wenn Menschen ihn fragen, ob es wirklich nötig ist, einen 100-Millionen-Euro teuren Sicherheitsaufwand für den Gipfel zu betreiben, wo doch das Land kein Geld hat. Wenn sie wissen wollen, wer die Amerikaner und ihren Zerstörer bestellt hat, mit dem sie vor der Küste Heiligendamms liegen. Und warum die Kindertagesstätte in der Gipfelwoche keinen Spätdienst macht?

Soll er sagen, dass er nur ein Teil ist im großen Getriebe der internationalen Sicherheitsmaschinerie. Dass er manches vielleicht anders machen würde, aber selbstverständlich keine Internas ausplaudern darf und dass er keine Zeit hat, Diskussionen mit Leuten zu führen über Dinge, von denen sie sowieso keine Ahnung haben? Er sagt: "Die Komplexität des Einsatzes und das erhöhte Gefährdungspotenzial machen komplexe Sicherheitsmaßnahmen erforderlich. Punkt." Es ist einer dieser knappen, deutlich artikulierten Sätze, die wie aus der Pistole geschossen kommen. Widerstand zwecklos. Abramowski ist berüchtigt dafür. Zarte Seelen stehen regelmäßig stramm, wenn der Polizeiführer seine Grundsatz-Schüsse abgibt. Disziplin, Pflichtbewusstsein, Vorwärts Marsch! Von wegen Pastor.

"Na, da irren Sie sich aber", wendet Abramowski ein und wenn er könnte, wie er wollte, würde er jetzt seine Ärmel hochkrempeln, die Krawatte ablegen und mal über das reden, was ihn wirklich interessiert: Die Frage Recht und Gerechtigkeit, christliche Verantwortung und Ethik in der modernen Gesellschaft. Aber der nächste Termin drängt schon und deshalb sagt er nur: "Die Zehn Gebote haben eine Menge mit dem Grundgesetz gemeinsam. Als Polizist ist es genau wie als Pastor meine Aufgabe, darauf zu achten, das sie eingehalten werden, die Gesetze und die moralischen Werte." Dann steht er auf. Zündet sich eine Zigarette an und geht.

Von Manuela Pfohl
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
weda_kong (01.06.2007, 06:37 Uhr)
Demo-Verbot endgültig
Na da haben es die Politiker doch wenigstens geschafft. Mann/Frau ist unter sich. Das hat aber auch sein Gutes. So wird wenigstens offen und deutlich (auch dem letzten Deppen der es bisher noch nicht wahrhaben wollte) gezeigt, dass sich Politiker und Volk nichts mehr zu Sagen haben. Ich jedenfalls danke für dieses anschauliche Beispiel, ich werde es gewiß nicht vergessen. Ein spezieller Dank Frau Merkel und ihren Anhang - es wäre vielleicht besser Sie und ihre Truppe würden sich gleich neue Völker suchen!
hevosenkuva (31.05.2007, 22:07 Uhr)
kavalla oder kavala?
offiziell wohl "Kavala", aber warum eigentlich? eine relativ unbedeutende Stadt (wie Heiligendamm?) im griechischen Mazdonien (nicht wie Heiligendamm).
wollen wir mal hoffen, dass ein starker Raucher mit einem 14-16 Stunden Tag in jeder Situation die richtige Entscheidung treffen wird. und seinen Kindern noch lange erhalten bleibt, vielleicht sollte er sich das mit dem Rauchen nochmal überlegen. Disziplin, Pflichtbewusstsein, Vorwärts Marsch!
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