Heiner Geißler, 78, war ein rauhbeiniger CDU-Generalsekretär, jetzt engagiert er sich bei Attac. Im stern.de-Interview sagt er, wie Grüne und CDU in Hamburg zueinander finden, weshalb Ypsilanti hessische Ministerpräsidentin wird - und warum er sich über den Verfassungsschutz ärgert.

Heiner Geißler, 78, war zwischen 1977 und 1989 Generalsekretär der CDU. Geißler steht für eine christlich inspirierte Sozialpolitik, jüngst vermittelte er im Streit zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Bahn© Soeren Stache/DPA
Nun ja, [lacht]
Das ist wahr. Ich finde auch die Nordsee nicht schlecht. Aber mich zieht es mehr ins Gebirge.
Ich setze mich seit fünfzehn Jahren für solche Bündnisse ein! Ich habe schon als Generalsekretär gesagt, dass sich die CDU öffnen muss. Das ist eine Frage der politischen Intelligenz. Die SPD koaliert mit jedem, aber was machen wir, wenn die FDP ausfällt? Dann ist die CDU unfähig zu manövrieren.
Es gibt Betonköpfe in beiden Parteien. Leider.
Solche Fragen darf man nicht ideologisieren. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, könnte man keine Kompromisse finden. Es müssen eben alle nachgeben, auch die CDU.
Der Umgang mit der Linkspartei ist psychologisch belastet. Erstens durch die Person Oskar Lafontaine, zweitens, weil sie auch in Hamburg Kommunisten auf die Liste gesetzt hat. Aber was Oskar Lafontaine betrifft: Er wird schlecht behandelt, auch von der Presse. Lafontaine ist der klügste Mann gewesen, den die SPD in den vergangenen drei Jahrzehnten gehabt hat. Dann hat man ihn wegen Gerhard Schröder laufen lassen. Aber seine finanzpolitischen Vorschläge sind heute Allgemeingut.
Ich bin höchstens ein Fan von mir selber. Schröder hat die SPD fast zugrunde gerichtet mit seiner Agenda 2010. Und die Linkspartei ist nichts anderes als die Antwort auf die Agenda 2010.
Erstens ist das eine geheime Wahl, und zweitens ist es Unsinn, das als historische Wegmarke zu sehen. Ich halte es für eine Missachtung der Demokratie und des Parlamentarismus, wenn man den Abgeordneten vorschreiben wollte, wen sie zu wählen haben. Aber nach der Wahl das Gegenteil von dem zu tun, was man vor der Wahl gesagt hat, zerstört die Glaubwürdigkeit einer Partei, es sei denn, sie kann es glaubhaft begründen.
Kurt Beck nähme damit nur vorweg, was mittelfristig ohnehin passieren wird - ein Bündnis mit der Linkspartei.
Die CDU muss ihren sozialen Charakter bewahren, sie muss für alle wählbar sein, vom Ingenieur bis zum sogenannten "Prekariat". Dann wird sie auch wieder über die 40 Prozent kommen. Wenn sie das nicht tut, wird sie Stimmen an die SPD und die Linken verlieren.
Ich halte das für absolut richtig. Davon darf sie sich auch nicht abbringen lassen.
Es liegt jedenfalls nicht daran, dass die CDU das Soziale zu stark in den Vordergrund gerückt hätte. In Hessen war es die Bildungspolitik. Die relativ geringen Verluste in Niedersachsen und Hamburg bedeuten ein Einpendeln auf hohem Niveau.
Ja, und das bedauere ich, weil es gar nicht nötig wäre. Die Differenzen zwischen CDU und SPD sind inhaltlich zu überbrücken. Die CDU ist ja auch für den Mindestlohn, nicht für den gesetzlichen, aber für den tariflichen Mindestlohn. Nur müsste sie dies auch deutlicher sagen. Aber die CDU hat Angst, mit diesem Thema die Wirtschaftsverbände gegen sich aufzubringen.
Am Anfang gab es eine Abwehrreaktion. Aber nachdem ich darüber aufgeklärt habe, was Attac will, hat sich das gelegt. Wolfgang Schäuble hat übrigens als Erster erkannt, dass dieser Schritt richtig war. Inzwischen steht sogar im CDU-Programm, dass wir eine Humanisierung des Globalisierungsprozesses brauchen, Angela Merkel wird sich in Bälde dazu äußern. Außerdem bin ich Attac beigetreten, weil ich das Demonstrationsrecht stärken wollte.
Das Demonstrationsrecht ist eines der vornehmsten Rechte der Bürger, aber es wird in Deutschland immer mehr ausgehöhlt. Jeder, der demonstriert, macht sich bei irgendeiner Behörde verdächtig. Es gibt inzwischen keine Demonstration mehr, selbst wenn sie von der Caritas veranstaltet wird, bei denen die Leute nicht erkennungsdienstlich erfasst werden.
Nein. Der macht seinen Job. Die Verfassungsschützer sind das Problem.