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30. Oktober 2011, 15:45 Uhr

Die 55-Milliarden-Drohung

Die Pleitebank HRE hat Milliarden gefunden. Der Bürger rätselt: Wenn Geld so plötzlich auftaucht, kann es dann auch plötzlich verschwinden? Von Nullen und Flaschen. Ein Kommentar von Frank Thomsen

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Eine Menge Geld: Die Bad Bank der HRE fand 55 Milliarden falsch verbuchte Euro in ihren Büchern© Colourbox

Das Schauspiel Finanz- und Euro-Krise, das seit Jahren auf der Weltbühne gespielt wird, bietet dem verängstigten Publikum nur selten Amüsantes. Seit Freitag allerdings steht ein echter Brüller auf dem Spielplan: An diesem Tag enthüllte stern.de, dass die Bad Bank der HRE 55 Milliarden Euro in ihren Büchern gefunden hat, die falsch verbucht waren. Das ist eine 55 und neun Nullen - unfassbar viel. Seitdem hat die Bundesrepublik Deutschland 55 Milliarden Euro weniger Staatsschulden. Das ist kurios, das ist im Ergebnis gut - doch vor allem ist es dies: unverständlich und Angst machend.

HRE? Bad Bank? Fehlbuchungen? Hä? Die HRE ist die deutsche Gruselbank. Sie handelte mit überwiegend undurchsichtigen Finanzprodukten, die in der Krise 2008 mehr oder weniger alle wertlos wurden. Weil sich in der global verflochtenen Wirtschaft keiner traute, die HRE einfach pleite gehen zu lassen, wurde sie verstaatlicht. Der gesamte Finanzschrott wurde in eine eigens dafür gegründete Bad Bank geschoben, einer Art Müllhalde des Kapitalismus. Auch diese Bad Bank befindet sich in Staatsbesitz, wir alle sind also die Betreiber der Müllhalde. Ruhen auf ihr 55 Milliarden weniger Schrott, so muss das Land auch 55 Milliarden weniger als Schulden buchen.

1000 Flaschen Bier

Nicht nur die Tatsache an sich ist skurril, sondern auch ihr Zustandekommen. Grob gesagt war es wohl so: Wenn Klein-Anton Klein-Fritzchen einen Euro leiht, und Fritz leiht Anton eine Woche später 70 Cent, dann hat Anton bei Fritzchen nicht mehr 1 Euro Schulden, sondern nur noch 30 Cent. Die HRE, in unserem Beispiel Klein-Anton, hat aber weiter 1 Euro Schulden aufgeführt. Sie hat die Kohle von Fritzchen schlicht übersehen. Warum, darüber kann man natürlich nur spekulieren. Man liegt aber sicher nicht ganz falsch, wenn man annimmt, dass die Finanzbranche längst den Überblick über ihre eigenen Produkte verloren hat.

Es gibt also für uns Bürger reichlich Anlass zur Häme. Über die Fehlbuchung als solche: immerhin ein Viertel des deutschen Anteils am Euro-Rettungsschirm. Über die verdatterte Reaktion der Politik. Auch die feine "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" feixt sich einen und listet genüsslich auf, was man mit 55 Milliarden so alles anstellen kann: Stuttgart 21 ließe sich auf 10 weitere Städte in Deutschland übertragen. Oder man könnte Adidas, Henkel, Infineon, Lufthansa, Merck, RWE und Thyssen-Krupp kaufen. Oder Freibier für alle: Jedem Bundesbürger könnten 1000 Flaschen Bier gratis geliefert werden.

Upps, die Pannenshow

Hat man aber eine Weile gegluckst über diese Posse, drängen doch wieder besorgte Fragen nach vorne. Die zentralste: Was wäre eigentlich geschehen, wenn nicht 55 Milliarden aufgetaucht wären, sondern zusätzlich hätten abgeschrieben werden müssen. Upps, die Pannenshow - wäre sie dann auch so glimpflich abgelaufen? Oder gäbe es schon die ersten Rücktrittsforderungen an Finanzminister Wolfgang Schäuble?

Hypothetische Frage? Wer sagt das? Es spricht vieles dafür, dass es so ist: Die Finanzbranche kennt ihre Monster, die sie einst gebar, nur noch teilweise; bändigen konnte sie sie schon lange nicht mehr. Die PR-Strategen der Finanzbranche streuen uns Bürgern und den Politikern Sand in die Augen und geben sich durch die Finanzkrise geläutert - zocken aber heimlich weiter. Und Politiker wie Angela Merkel müssen plötzlich die Welt retten auf Themengebieten, von denen sie bis vor kurzem genauso wenig Ahnung hatten wie Sie und ich.

Nein, beruhigend ist dieser 55-Milliarden-Fund nun wirklich nicht. Er wirkt eher wie eine Drohung.

Ein Kommentar von Frank Thomsen
 
 
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