Professor Dr. med. Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, über schizophrene Eltern und die Gefährdung ihrer Kinder.

Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel
Es zeigen sich Symptome, die beim Gesunden in der Regel nicht vorkommen. Das sind zum einen Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen. Menschen mit dieser Erkrankung hören häufig Stimmen. Manchmal geben diese ihnen den Befehl, sich etwas anzutun.
Im Einzelfall auch das, ja.
In den akutesten Krankheitsphasen ist es für Menschen mit einer Schizophrenie unmöglich, ihre Kinder zu versorgen. Und es ist auch dringend davon abzuraten. Andere sollten sich dann um die Kinder kümmern. Wenn es im näheren Umfeld niemanden gibt, der das übernehmen kann, wie zum Beispiel der andere Elternteil, muss das Jugendamt eingeschaltet werden.
Vor allem wahnhafte Erlebnisse. Typisches Beispiel ist der Verfolgungswahn. Der Betroffene fühlt sich bedroht, wähnt sich verfolgt von irdischen oder außerirdischen Mächten. Und ist vor Einsetzen der Behandlung durch nichts davon abzubringen. Häufig treten zudem Störungen im Denkablauf auf, die so massive Formen annehmen können, dass für andere nicht mehr verständlich ist, was der Erkrankte sagt. Und es kann zu Ich-Störungen kommen: Die Menschen haben das Gefühl, dass sie in ihrem Denken und Handeln von außen - wiederum von irgendwelchen Mächten - gesteuert werden.
Zwischen den akuten Episoden - oder Schüben, wie man früher gesagt hat - kommt es in der Regel zu einer weitgehenden Symptomverbesserung. Bei der Mutter in Darry ist zu vermuten, dass sich die Krankheit zum Zeitpunkt des Tötens in einer akuten Phase befand. Das Tragische ist, dass bereits Kontakt zum psychiatrischen Versorgungssystem bestanden hat, die Krankheit also bekannt war. Aber offenbar ist von allen Beteiligten nicht zeitnah erkannt worden, wie akut sie war und welches Gefährdungspotenzial bestand.
Es wäre fatal und vor allem auch falsch, jetzt zu sagen: Psychisch kranke Eltern dürfen sich nicht um ihre Kinder kümmern, wir nehmen ihnen jetzt mal präventiv die Kinder weg. Die Gewaltbereitschaft psychisch Kranker ist in der Regel nicht höher als die der Durchschnittsbevölkerung. Bei schizophren erkrankten Menschen stellt sich die Situation etwas anders da: Die Gewaltbereitschaft in dieser Gruppe kann gegeben sein, wenn Drogenkonsum oder der Konsum anderer Suchtmittel hinzukommen oder der Kranke unzureichend behandelt wird. Das ist nicht die Mehrzahl - aber es sind die Fälle, bei denen besonders genau hingeschaut werden muss. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Auch bei Patienten mit der Diagnose Schizophrenie wird heute so weit wie möglich eine ambulante Behandlung durchgeführt.
Wenn in der Akutphase die ambulante Behandlung nicht ausreicht und zum Beispiel die Gefahr eines Suizids besteht. 10 bis 15 Prozent der Patienten mit dieser Diagnose bringen sich im Verlauf dieser Erkrankung um: Diese Menschen fühlen sich ständig beobachtet, sehen überall Anzeichen dafür, dass etwas gegen sie im Busch ist. In diesem Wahn sind sie dann möglicherweise nicht mehr in der Lage, sich selbst zu steuern, und das kann zu Fehlhandlungen führen. Da wird in der Öffentlichkeit geschimpft, da werden Sachen aus dem Fenster geworfen, da läuft man unbekleidet auf die Straße. Seltener kommt es auch zu tätlichen Angriffen, vorwiegend im privaten Umfeld. Wenn ich dann als Psychiater sehe, dass der Patient in seiner akuten Psychose nicht mehr frei entscheiden und handeln kann, ist es unter Umständen notwendig, ihn gegen seinen Willen nach den länderspezifischen Gesetzen zur Unterbringung in die Klinik einzuweisen.
Das wird sich noch herausstellen.
Die Krankheit bricht meist zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr aus, bei Männern drei bis vier Jahre früher. Etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland erkrankt mindestens einmal im Leben an einer solchen Psychose. Bei etwa 20 Prozent der Patienten kommt es nach der ersten nicht zu weiteren psychotischen Episoden. Der Behandlungsplan umfasst neben der unverzichtbaren medikamentösen Behandlung ergänzende psychotherapeutische und rehabilitative Maßnahmen. Die Patienten haben ein hohes Rückfallrisiko, wenn sie ihre Medikamente nicht oder nur unregelmäßig einnehmen.
Ja. Häufig bricht die Krankheit nur dann aus, wenn psychologische und soziale Stressfaktoren hinzukommen. Die emotionale Empfindlichkeit dieser Menschen ist besonders hoch. Sie sind verwundbarer und haben Schwierigkeiten, emotionale Situationen und ihr Gegenüber richtig einzuschätzen.
Wenn Schuldunfähigkeit attestiert werden kann, wird es nicht zu einer strafrechtlichen Verurteilung kommen. Sie wird stattdessen in eine forensische psychiatrische Einrichtung für psychisch kranke Straftäter eingewiesen werden. Ziel der Behandlung dort wird sein, die Krankheit unter Kontrolle zu bringen und das Geschehene aufzuarbeiten. Möglicherweise wird sie erst zu einem späteren Zeitpunkt voll realisieren, dass sie ihre fünf Söhne getötet hat. Ein vordringliches Problem wird dann sein, sie davon abzuhalten, sich etwas anzutun. Suizidgefahr wird wahrscheinlich lange bestehen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass die Frau ihr Leben lang in einer forensischen Einrichtung bleiben muss.
Interview: Anette Lache
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2007