Wie sie wohnen, wie sie denken, wie sie wählen. Früher gab es oben und unten, links und rechts und die Mitte. Heute zerfällt Deutschland in zehn Milieus. Der stern hat typische Vertreter besucht und sie fotografiert. Enträtselung eines kunterbunten Volkes. Von Jan Rosenkranz

Etablierte: Anja Fastenrath, 37, gehört nach Sinus Sociovision zur gesellschaftlichen Elite, die vorwiegend die CDU wählt© Antonina Gern
Auf den ersten Blick stimmt noch alles. Die braune Eckcouch, die abgeschliffenen Dielen. Vor den Fenstern sattes Grün und die Ruhe eines Hamburger Vorortnachmittages. Hier also wohnt sie, die bürgerliche Mitte, das Schlachtfeld, auf dem Wahlen gewonnen oder verloren werden. Der Mainstream. Das deutscheste Deutschland. Vernünftig, vorsichtig, zielstrebig. Hier lebt Erwin Mustermann, der im Zweifel eher schwarz wählt. Der findet, dass Menschen, die mehr leisten, auch mehr verdienen sollen; dafür müsse die Politik mal sorgen. Und lieber nicht ganz so viel für Ausländer tun. Hier also wohnt der typische Vertreter der deutschen Mitte.
Er heißt … Tja, und da fängt es schon an, kompliziert zu werden. Der typische Vertreter der bürgerlichen Mitte heißt nämlich Alexander Stojimirovic. Ist 34 Jahre alt, Jurist, verheiratet, angestellt bei der Bundesagentur für Arbeit. Geboren und aufgewachsen in Deutschland. Seine Eltern sind in den 60er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien eingewandert. Ach ja, CDU wählt er auch nicht. Er wählt SPD. Schon immer. Auch im September will er es wieder tun. Er hängt einfach an der Partei und seinen Vorstellungen von einer gerechten Welt.
Typisch deutsch? Typisch Mitte? Ja. Ausgerechnet Alexander Stojimirovic steht in all dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit stellvertretend für fast zehn Millionen Deutsche, die das Heidelberger Sinus-Institut der bürgerlichen Mitte zurechnet. Verrückt? Nein, ganz normal im Deutschland des Jahres 2009.
Rätselhaftes Land. So bunt. Und so unberechenbar. Irgendwie ganz - undeutsch. So ganz anders als früher.
Früher war alles geordneter. Oben, unten. Rechts, links. Mitte. Die meisten Menschen wussten, wo sie hingehörten. Sie wussten, was sie zu wählen hatten. Die Arbeiter wählten mehrheitlich SPD, Landwirte die CDU, und wer als Rechtsanwalt oder Zahnarzt sein Geld verdiente, machte das Kreuzchen bei der FDP. Und heute? Arbeiter wählen mehrheitlich CDU. Auch arme Schlucker sympathisieren mit der FDP. Und selbst konservative Katholiken schrecken nicht mehr vor den Grünen zurück.
Der stern hat versucht, mithilfe der Sozial- und Marketingforscher vom Heidelberger Sinus-Institut ein wenig Ordnung in dieses Chaos zu bringen, das Land und seine Menschen im Wahljahr 2009 zu enträtseln: Wie sind sie? Was denken sie? Wie wohnen, wem vertrauen und was wählen sie? Es gibt dabei erstaunliche Zusammenhänge.
Die Sinus-Forscher haben unter den Deutschen zehn Milieus ausgemacht. Sie heißen "Konservative" oder "Hedonisten", "Traditionsverwurzelte" oder "Moderne Performer". Wie Soziologen eben so reden. Ein Volk? Nein, viele Völkchen. Gruppen Gleichgesinnter, individuell verschieden und doch ähnlich. Sie teilen ähnliche Grundwerte, haben ähnliche Vorstellungen von Alltag, Arbeit, Familie, Freizeit oder Konsum - und oft auch ganz typische Wohnzimmer. Zugespitzt könnte man sagen: Zeig mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Und wen du wählst, theoretisch jedenfalls. Aber die Theorie ist bekanntlich grau - und die Realität ihr größter Feind.
Nehmen wir zum Beispiel Hermann Woesthaus. 56 Jahre alt, verheiratet, keine Kinder, Doppelhaushälfte am Stadtrand, Gesellschafter einer Firma für Konzerttechnik und auf dem Weg in den Ruhestand. Er macht jetzt lieber fünf-, sechsmal Urlaub im Jahr. Er kann es sich leisten. Woesthaus thront in einem blauen Ledersessel - mit kleinem Klapptisch, auf dem der Laptop liegt samt Headset, damit er bequem surfen kann oder den Fernseher fernbedienen, der versteckt in einem großen antiken Schrank steht. So sieht sie also aus, die Hochburg der Union, die Stütze von CDU und CSU, ein waschechter Konservativer.
Woesthaus sagt: "Ich habe früher nur CDU gewählt." Früher? "Inzwischen tendiere ich leicht zu Westerwelle und der FDP." Leicht? "Langsam frage ich mich, ob ich überhaupt noch zur Wahl gehe. Ich kann mein Kreuz machen, wo ich will - die machen ja sowieso, was sie wollen." Also gar nicht zur Wahl? "Na ja, vielleicht schon. Aber die Merkel, das kann man doch nicht wählen."
Verrückt? Nein, auch die Wankelmütigkeit ist längst normal, zum Leidwesen aller Wahlkampfmanager. Menschen wie Herr Woesthaus haben ihre Welt in den vergangenen Jahren gründlich durcheinandergewirbelt. Einfach war früher. Heute müssen sie sich immer häufiger fragen: Wer ist das eigentlich, unser Wähler? Und was, verdammt noch mal, will er denn jetzt schon wieder?
Schuld daran ist das Schrumpfen traditioneller Milieus seit Mitte der 70er Jahre. Aus der industriellen wurde die postindustrielle Gesellschaft, aus der grauen Masse wurden Individuen und aus Wählern scheue Rehe. Sie entscheiden sich immer spontaner und immer mal anders. Je nachdem, was ihnen gerade wichtiger ist: Niedrige Steuersätze? Gute Schulen? Hohe Renten?
Knapp 70 Tage vor der Bundestagswahl weiß etwa jeder Dritte noch nicht, ob er überhaupt wählen geht, und wenn ja - wen. "Die alten Bindungen werden lockerer", sagt Wolfgang Plöger vom Sinus-Institut, "das gilt für Parteien wie für Automarken."
Die Woesthausens dieser Welt machen auch die Demoskopen kirre. Wenn sie Menschen wie ihn anrufen und fragen, wen er wählen würde, sagt Herr Woesthaus ihnen mal FDP, mal CDU, mal: gar nicht. Obwohl er sich eigentlich noch nicht sicher ist. 2005 erlebten die Meinungsforscher deshalb erstmals ein Desaster. Noch nie hatten sie so kurz vor einer Wahl so danebengelegen. Zwei Tage vor Stimmabgabe hatten sie die Union bei Werten um 42 Prozent gesehen - 35,2 wurden es am Ende.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009