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7. Juli 2009, 09:35 Uhr

Müssen wir die Kernenergie aufgeben?

Nach dem Zwischenfall im AKW Krümmel entflammt erneut die Debatte um den Atomausstieg. Sollte Deutschland aus Sicherheitsgründen komplett verzichten? "Ja", meint Hans Peter Schütz, "Atomkraft ist grundsätzlich lebengefährdend." Christoph Koch widerspricht: "Wer kein Atom mag, muss sagen, wohin er mit dem CO2 will."

Atomenergie, Kernkraftwerk, Atomausstieg, Krümmel, AKW

Auslöser der neu entflammten Debatte: Im KKW Krümmel gab es am Wochenende mal wieder einen Zwischenfall© Roland Magunia/DDP

CONTRA: "In den nächsten Jahrzehnten muss weiter Atomstrom fließen."

Von Christoph Koch

Es gibt ein unscheinbares Wort, das in der Atom-Debatte der vergangenen Tage auffällig wenig vorkommt: Kohlendioxid. Denn unübersehbar herrscht bei Sigmar Gabriel und seinen Freunden eitel Freude über das unfassbar törichte Verhalten des KKW-Krümmel-Betreibers Vattenfall - aber man möchte das (sicherheitstechnisch eher wenig aufregende) Geschehen lieber mit Assoziationen vom finsteren Atom-Sensenmann, vom zynischen, verantwortungslosen Strommanager, vom strahlenden Schrotthaufen verbunden sehen als mit kritischen Fragen: Was willst Du nun eigentlich tatsächlich abschalten, Genosse Gabriel, und vor allem: Wie?

Denn kurz vor Krümmel hat die große Koalition, deren Umweltminister Sigmar Gabriel ist, ihr Versprechen gebrochen, das CCS-Gesetz - es regelt die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid aus Verbrennungskraftwerken - durchs Parlament zu bringen. Das für den deutschen Klimaschutz-Beitrag entscheidende und zukunftsträchtige Projekt scheiterte an Lokalegoismen, und vielleicht waren auch CDU-Politiker ein bisschen mehr schuld. Aber wie auch immer: Just vor dem Wiederanfahren des KKW Krümmel haben die Herrschenden versagt.

Woher kommt die Grundlast?

Der Weg zu einer der eigenen Klimapolitik entsprechenden Ersatztechnologie für die Grundlast-Sicherung ohne Atom ist einstweilen versperrt. Denn die hängt von der Kohle ab: Wer Kernkraftwerke stilllegen will, muss Kohlekraftwerke bauen, und genau das tut die Bundesrepublik im großen Stil. Sie müsste sich nur irgendwann, und zwar bald, entscheiden, wie sie denn, wenn sie nicht aus dem prinzipiellen Klimaschutz-Konsens ausscheren möchte (zu dem sich mittlerweile auch die USA gesellt haben), handeln will: Wer kein Atom mag, muss verraten, wo er denn hin möchte mit dem Kohlendioxid. Und darüber werden wir bis zur Wahl wenig hören.

Der Zusammenhang ist nicht so simpel, wie Botschaften an das Volk nach Politiker-Kalkül zu sein haben: Sie wissen, und zwar kreuz und quer durch alle parlamentarischen Parteien, dass die erneuerbaren Energietechnologien insgesamt noch einen langen Reifungsprozess vor sich haben: 0,9 Prozent der Kraftstoffe weltweit stammen aus Bio-Quellen. 1,5 Prozent beträgt der Anteil der Alternativen an der globalen Stromerzeugung. Wirkungsgrade sind unzureichend, Erfindungen müssen erst noch gemacht werden. Es mag sein, dass wir in 20 Jahren alle Elektroauto fahren, dann brauchen wir Strom, und zwar zuverlässig und immer - und nicht nur dafür.

Der Kurzzeit-Stromausfall in Hamburg vom Wochenende, ironischerweise ausgelöst durch den Krümmel-Ausfall, hat gezeigt, welches Chaos schon eine Zehntelsekunde Instabilität im Netz bewirken kann. Für eine großflächige Einspeisung alternativer Energien, die dezentral erzeugt werden, brauchen wir zudem eine ganz andere Netztopologie als heute. Andere Möglichkeiten zur Energiespeicherung. Andere Verfahren zur Netzwiederherstellung und Selbstheilung des Netzes. Und vieles andere mehr.

Wer bezahlt den schnellen Ausstieg?

Und die Zeichen dieser Zeit - mit neuer Rekordverschuldung, Millionen gefährdeter Arbeitsplätze, der Gefahr teilweiser Deindustrialisierung, ein komplexer demographischer Wandel und zunehmende internationale Verpflichtungen - diese Zeichen stehen für jeden, der eine schnelle Totalumformung der deutschen Energiewirtschaft in Richtung Grün fordert, auf Tiefrot. Denn was aus den Hinterzimmern der Politik nicht an die Podien und Podeste dringt, ist dies: Wir können einen forcierten Wandel nicht bezahlen.

Alternativenergien sind subventionsbedürftige Zukunftsprojekte. Sie kosten unser aller Geld. Das war bei der Kernenergie auch so. Aber die Milliarden, die als versenkte Kosten in den bestehenden Reaktoren verbaut sind, müssen, soweit die Anlagen noch gut in Schuss sind, amortisiert werden. Das ist eine Verpflichtung für den Umgang mit dem Volksvermögen.

Deshalb muss die Politik zumindest ihre halsstarrige Blockade der Übertragung von Restlaufzeiten alter auf modernere Reaktoren aufgeben. Wenn schon der Ausstiegskompromiss bestehen bleiben soll, dann muss wenigstens aus den sichersten Anlagen herausgeholt werden, was herauszuholen ist.

Sanftes Umsteuern

Deshalb möchte Angela Merkel ein sanftes Umsteuern in der Atompolitik einleiten. Als Physikerin weiß sie, dass die Gefahren der Kerntechnik gegenüber anderen Risiken des modernen Lebens noch immer in grotesk verzerrter Übersteigerung wahrgenommen werden. Und als mittlerweile geübte Populistin weiß sie auch, dass die Deutschen ihre Prioritäten gerne ändern, wenn es an den Geldbeutel geht: Sollte die SPD tatsächlich glauben, die Bundestagswahl, die just in die Zeit fallen wird, in der die schwerste Wirtschaftskrise der bundesrepublikanischen Geschichte Hunderttausende Familien hart treffen wird, diese Schicksalswahl werde sich an der Frage der Zukunft unserer 17 Kernkraftwerke (die Bevölkerung von Biblis übrigens möchte ihres gern behalten, am besten für immer) entscheiden, dann wird die SPD einen schwarzen Sonntag erleben: Öko, so breit dessen Popularität heute auch scheint, ist eine Mittelstands-Ideologie. Als Massenmagnet für die Breite des traditionellen sozialdemokratischen Spektrums ist sie zu schmalbandig. Darauf jede Wette.

Besser als das heutige Gezerre wäre es vielleicht gewesen, Deutschland wäre auch inländisch konsequent drangeblieben an der Entwicklung der Kernenergie, hätte offensiver modernisiert, die Möglichkeit zum Bau neuer Reaktoren, deren Sicherheitsniveau nochmals um ein vielfaches höher ist, offen gehalten. Dann hätten wir heute in der Klimadebatte die Flexibilität eines Obama, Sarkozy oder Brown: Sie alle werden Lücken in der nationalen Energiesicherheit mit kerntechnischen Anlagen schließen, und sie alle können mit ihrer Hilfe der Anforderungen der modischen Klimapolitik wesentlich leichter Herr werden.

Insofern: Ja, Vattenfall ist töricht bis zur Idiotie. Nach dem peinlichen Zwischenfall von vor zwei Jahren, nach 300 Millionen Umbaukosten in Krümmel und einer Million Ausfallkosten pro Tag hätte das Unternehmen während des Wiederanfahrens in höchster Wachsamkeit sein müssen, hätte gegebenenfalls auch übereifrige Meldefreude gegenüber der zuständigen Atomaufsicht bestehen müssen. Für jeden, der für die Nutzung der Kerntechnik eintritt, ist es blamabel, mit Dilettanten solchen Kalibers in einem Boot zu sitzen.

Die Kunst des Machbaren

Trotzdem löst die öffentliche Erregung, die ohnehin immer kurzlebiger wird, die Probleme der langen Linie nicht - nicht für wahlkampftrunkene Parteipolitiker, nicht für das Land. Für die nächsten Jahrzehnte wird daher aus unseren Steckdosen weiter Atomstrom fließen, und fließen müssen. Vielleicht kommt er zunehmend über die Grenze herein, vielleicht ändert sich hierzulande doch noch alles - ein Schnell-Umstieg auf andere Energieträger jedenfalls liegt nicht im Handlungsspielraum von Politik, die ja bekanntlich die Kunst des Machbaren ist: Nicht einmal die Entwickler modernster Alternativ-Technologien wollen sich sofort ans Netz treiben lassen. Sie brauchen noch Entwicklungszeit. Und die Kohle massiv hochzufahren, ohne die Lösung für deren Klimagase zu bieten, das geht im einigermaßen unverwirrten ökologischen Gewissen nicht zusammen.

Lesen Sie auch das Pro von Hans Peter Schütz: "Atomkraft ist lebengefährdend."

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Braucht Deutschland Atomenergie zur zuverlässigen und sicheren Stromversorgung?

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KOMMENTARE (10 von 33)
 
Angel_of_Mercy (08.07.2009, 15:18 Uhr)
CO2 oder Atommüll?
Was ne bescheuerte Frage? Am besten keins von beidem, aber selbst ein reduzierter CO2 Ausstoss von BHKKW's welche Holzgas als Treibstoff verwenden wäre mir lieber. Bei gleichzeitiger Aufforstung und Stopp des sinnlosen Abholzens welteit käme unsere Umwelt auch ohne CCS alleine klar.
Die Zukunft der Grundlast liegt in Geothermie und Solarthermie (nicht Photovoltaik). Es gibt sogar Solarthermiekraftwerke die nachts funktionieren, sogenannte Fallstromkraftwerke. Als Ergänzung dienen dann Wasser und Windkraftwerke und selbst hier gibt es zig verschiedene Bauweisen.
Zusätzlich können die Energienetze entlastet werden. Vor allem auf dem Land können sich Hausbesitzer und kleine Gemeinden autark mit Strom versorgen. Das ist bereits heute machbar, doch bricht es das Monopol der Energiekonzerne und wird dementsprechend hintertrieben und abgewürgt.
Fakt ist, es gibt Alternativen zu Kernkraft, Gas und Kohle, nur muss man hier die Forschung und Planung forcieren anstatt den Energiekonzernen weiter die Euros in den Schlund zu werfen.
Noch etwas zum Thema Verstaatlichung. Meinetwegen können die Kraftwerke in Privatbesitz bleiben, aber das Stromnetz gehört EU weit verstaatlicht, dann kann man nämlich auch an dem Bau eines EU einheitlichen Stromnetzes arbeiten.
Hier war der frühere Ostblock in den Gedankenansätzen vorraus. Das es nicht so funktionierte wie geplant lag am Material, nicht an der Idee.
Efesis (08.07.2009, 00:31 Uhr)
neue Kraftwerke
Stromkosten: in der Schweiz müssen die Kraftwerke für ein Endlager aufkommen und der Strom kostet in der Produktion trotzdem nur ca. 3 Cent.
Bau neuer Kraftwerke: ein KKW kann man nicht einfach in zwei Jahren hinstellen. Es muss geplant, die Pläne bei Behörden eingereicht und bewilligt werden. In Amerika liegen mind. 12 Anträge vor die erst überprüft werden müssen. In der Schweiz läuft ein Bewilligungsverfahren für 2 Kraftwerke usw. Die Zeitspanne von der Planung zur Fertigstellung ist nicht selten über 10 Jahre. Also das Argument, dass schon lange kein KKW gebaut wurde zieht nicht.
Es wird hier von Strahlung geredet. Wieviele von euch wissen was das überhaupt ist? Wie entsteht sie? Wie gefährlich ist sie?(diese Frage kann nicht einmal die Wissenschaft beantworten)Wieviel ist gefährlich? Wieviel ist normal?
Was kann in einem Kraftwerk passieren? Welche Sicherheitssysteme hat es?
Ich bin mir sicher, dass man die Umweltschützer, welche sich mit diesen Fragen ernsthaft auseinander gesetzt habe an einer Hand abzählen kann.
Ich könnte es euch sagen, aber es will ja keiner wissen.
Kann es sein, dass die CDU für den Weiterbetrieb ist weil unsere Kanzlerin als Physikerin die Gefahren einschätzen kann? Wo liegt die Fachkompetenz von Sigmar Gabriel oder Joschka Fischer?
Und ja, die Endlagerung ist ein Problem das gelöst werden muss. Und ich wohne gerne neben einem AKW und würde auch neben einem Endlager wohnen.
die Seite
http://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenbelastung
ist sehr zu emfehlen.
n8g8 (07.07.2009, 23:38 Uhr)
Doppelt gemoppelt
Die Frage im Titel ist doch rein rhetorisch.
Die einzige Frage, die sich hier stellt ist: Hat das CMS oder die Redaktion von stern zuviel Strahlung abbekommen?
Eine andere Fragestellung ist schlichtweg "alternativlos", wie die Ausgemerkelte immer öffentlich medial AKW-strahlend rumjammert, HIER fehl am Platze. Wer will schon diesen Beitrag samt Retorten-Titel zweimal lesen???
Vielleicht will der stern durch das Doppel-Posting auch nur seine ganz hart gesottenen Stammleser mit einer ordentlichen Gehirnwäsche aus der Gruft locken und endlich einmal einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der bis ins Unterbewusstsein reicht...?
Mir wäre ne echte intellektuelle Erleuchtung im Sinne des gesunden Menschenverstandes lieber.-
DarkSpir (07.07.2009, 16:12 Uhr)
Ich schäme mich gerade ernsthaft
und zwar für beide Seiten hier. Wenn ich lese, wie die Leute sich gegenseitig anbrüllen und in welchem Ton man sich Argumente an den Kopf wirft... mein Gott, das ist ja wie das Heise-Forum an einem Freitag.
Mal so ne Frage: Euch ist schon klar, dass man sich durch Sachlichkeit mehr gegenseitig überzeugt als mit Wut?
REINI2 (07.07.2009, 15:22 Uhr)
Anbieter wechseln!!
Und vergesst nicht den Stromanbieter zu wechseln!
Es ist Kinderleicht und geht meist online!
-
„Lichtblick“ oder „Greenpeace Energy"
sind gute Alternativen! Wir müssen diesen Abzockern das Kapital entziehen!!
REINI2 (07.07.2009, 15:12 Uhr)
Politiker.... Lobbyisten der Wirtschaft!!
Na, Leute... merkt ihr immer noch nicht um WAS es bei der Verlängerung der Laufzeiten geht??
Um Reibach zu machen!
Auf Kosten der Sicherheit fahren sie die Meiler so lange bis sie uns um die Ohren fliegen!!
Es ist schlicht die Unwahrheit zu behaupten, dass wir Strommangel zu erwarten hätten, würden wir die Kraftwerke wie geplant abschalten!
-
Und wie sicher sollen sie sein... diese AKWS??
So sicher wie der Finanzmarkt??
-
Anscheinend fallen immer noch jede Menge der Bürger auf die Lügen der Wirtschaft und Politik herein!
1986 war Tschernobyl... anscheinend waren einige der Schreiber da noch nicht auf der Welt, sonst hätten sie schon mal den kleinen „Vorgeschmack“ auf den richtigen GAU „genießen“ können!!
H.P. (07.07.2009, 15:06 Uhr)
ATOMAUSSTIEG
CDU-CSU gegen ATOMAUSSTIEG Die jetzige Kernenergie müssen wir abschaffen. Sie ist viel zu gefährlich – aus vielerlei Gründen. So ist nicht nur die Frage der Endlagerung von Atommüll nicht gelöst, sondern dieser Atommüll kann auch als Waffe benutzt werden. Es existiert also keine scharfe Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Kernenergie. Denn Atommüll ist zum Teil spaltbares Plutonium, das außerdem hoch radioaktiv ist, mit einer Halbwertszeit von 24000 Jahren. Ein Reaktor von einem Gigawatt Leistung, wie wir ihn weltweit betreiben, produziert jährlich etwa 250 Kilogramm Plutonium.
Wenn der schlimmste Störfall in einem Reaktor passiert, hat man ein Ergebnis, das einfach nicht akzeptabel ist. Dieses Risiko trifft nicht nur uns, sondern vor allem die nachfolgenden Generationen.
binausgold (07.07.2009, 14:54 Uhr)
@Efesis
...und wenn alle anderen in die Elbe springen, dann springen Sie auch mit.
Bravo! Super Leistung!
OttoB (07.07.2009, 14:50 Uhr)
Vergesst den Atommüll nicht
Den hinterlassen wir nachfolgenden Generationen und der strahlt noch wenn nachfolgende Generationen die Staatsschulden beseitigt haben.
Vielleicht mit einer Währungsreform das wäre im Gegensatz zu der Gefährlichkeit des Mülls harmlos.
Es geht nur immer um den Geldzuwachs derer die genug davon haben und hier wird gelogen und verharmlost das die Balken sich biegen.
nightmare_online (07.07.2009, 14:44 Uhr)
@Datenaktuell
Sie glauben aber nicht wirklich das es von irgend einer Relevanz ist, wenn durch AKW's Leute sterben? Es gibt seit letztem Jahr eine Studie die belegt, das das es eine signifikante Erhöhung von Blutkrebs bei Kindern rund um 15 untersuchte AKW's in D gibt.
Kommentar der Leiterin der Studie: Muss entweder Zufall oder etwas anderes sein. Die AKW'S jedenfalls können es nicht sein.
Schliesslich kann nicht sein, was nicht sein darf. Case closed.
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