Das Lafontaine-Paradoxon

5. Mai 2012, 19:44 Uhr

Beim Einkauf oder im Parteivorstand - jeder kennt Leute, die sich vordrängeln. Sie sind kaum beliebt, meist aus dem Westen, aber seltsam erfolgreich. Ein Irrtum. Von Holger Witzel

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Wessi auf Jagd: Oskar Lafontaine und Freundin Sahra Wagenknecht©

Seit ein paar Wochen verkauft Matthias - so steht es jedenfalls auf seinem Ausweis - vor unserer Kaufhalle die Leipziger Straßenzeitung Kippe. Er macht das gut, spricht die Leute offensiv an: "Wenigstens eine Spende" bekommt er immer. Auch von mir, obwohl er aus Dithmarschen stammt, wie er neulich verriet. Das sei bei Sylt, schob er vorsichtshalber nach, fast stolz. Aber gerade, als ich fragen wollte, warum er "in Leipzig gestrandet" sei - so seine vage Formulierung - hatte er schon mit den nächsten Kunden zu tun.

Vermutlich verkauft er hier mehr Zeitungen. Nicht nur weil Sachsen gern geben, sondern weil er sich selbst besser verkauft als einheimische Kollegen. Daran ist nichts auszusetzen: Warum sollen Westdeutsche - wenn ihnen schon alle Häuser gehören - nicht auch auf der Straße erfolgreicher sein?

Es ist nur konsequent und überall das Gleiche: Auf Arbeit (sie würden "in der Arbeit" sagen), beim Elternabend oder unter den Wochenendfußballern, zu denen ich ab und zu gehörte. Es ging eigentlich um nichts, bis eines Tages einer dazu kam, der noch nicht lange in der Stadt war, offenbar Anschluss suchte und natürlich mitspielen durfte. Wenig später hatten wir einen Kapitän, der eine Mannschaft "formen", auch mal bei Turnieren spielen und alles "etwas ernsthafter" angehen wollte. Ein paar von uns ließen sich anstecken, andere hörten auf. Der Spaß war weg, dafür nahmen die blauen Flecken zu. Einmal beim Duschen habe ich sogar seine gesehen: Rund um die Ellenbogen - ein einziges Hämatom. Manchmal können sie einem beinahe Leid tun.

Platzen vor Ehrgeiz

Leider sind es oft nicht die Klügsten, Besten oder Fähigsten, die am lautesten schreien, vor Ehrgeiz platzen und aus allem einen Wettbewerb machen. Noch öfter - das kann aber auch an meiner beschränkten Perspektive liegen - sind es keine Ostdeutschen, die sich gerade hier austoben. Möglicherweise - auch da entsteht schnell ein verzerrtes Bild - fallen sie bei sich zu Hause unter lauter gleich lauten und fähigen Menschen nur nicht weiter auf. Unter uns Leisetretern um so mehr: Schauen Sie sich in Ihrer natürlichen Umgebung ruhig mal um! Ob westdeutsche Bürgersöhnchen in Berlin den 1. FC Union plötzlich zu ihrem "St.Pauli" machen oder Erstsemestler in Jena den Fachschaftsrat übernehmen; ob sie sich nach drei Gottesdiensten in ihrer neuen Gemeinde in den Kirchenvorstand putschen, in einer Mecklenburger Hippie-Kommune erst ganz normal die Bäume umarmen und dann das Plenum dominieren oder bei Kindergeburtstagen die Spirale des Wettrüstens um "Events" und "Locations" immer weiter drehen. Auf den Erstschlag kommt es ihnen an, nicht auf läppisches Topfschlagen. Sie kommen, sehen und siegen. Im schlimmsten Fall bleiben sie sogar. Sie können nicht anders. Sind so erzogen. Aber entschuldigt das alles?

Die moderne Karriere-Soziologie nennt dieses Phänomen das Lafontaine-Paradoxon: Polternde Menschen, die irgendeinen hoffnungslosen Verein entern und dabei so tun, alle hätten alle nur auf sie gewartet. Die dann plötzlich - gern hintenrum - Bedingungen diktieren lassen und ihre wahren Absichten versuchen zu verbergen, was ihnen aufgrund ihre Persönlichkeitsstruktur selten leicht fällt.

Politik + Osten = Posten

Trotzdem dachten viele lange, Oskar Lafontaine wäre nur frustriert von seiner alten Hartz-IV-Partei gewesen, von der Bombardierung fremder Länder, vielleicht auch vom Saarland und noch eitleren Parteiführern - alles gute Gründe, in die PDS überzulaufen. Doch erst vor einem halben Jahr hat er die Maske fallen lassen. In Wahrheit ging es dem alten Mann nur um Sahra Wagenknecht, das schönste Gesicht des Sozialismus. Offenbar haben greise Saarländer eine Schwäche für die jeweils aktuelle Trägerin dieses Titels, egal wie ihre Partei gerade heißt.

Nun wird die ehemalige SED nach Gesine Lötzsch bald die nächste Spitzenkraft an die private Altenpflege verlieren. Das ist umso dramatischer, weil es mit der Partei ohnehin bergab geht, seit sich die westdeutschen Lafontaine-Truppen überproportional aufspielen und lieber über Nahost-Politik streiten als über die Zustände im noch näher liegenden Osten. Ihre einfache Formel war immer: Politik + Osten = Posten. Manchmal sieht es sogar so aus, als würde sich die sogenannte Linke deshalb bald wieder spalten. Das wäre mal ein Signal! Eine PDS für Westdeutsche gibt es zwar schon. Die war früher auch mal für Frieden und gegen Auslandseinsätze, aber die resozialisierten DKP- und DGB-Funktionäre aus Bayern und Hessen könnten ja nun auch bei den Piraten noch schneller Karriere machen. Die nehmen sowieso jeden, der schon mal etwas - Achtung, neue Formel: Politik + Osten - gepostet hat, und sei es nur auf einer Nazi-Homepage.

Immunsystem versagt

Wie bei jedem Gift ist vermutlich alles eine Frage der Dosis: Einige Westdeutsche - beim Aufbau-Ost, in einer Partei oder bestimmten Berliner Stadtbezirken - wirken vielleicht noch als Arznei, stärken das Immunsystem gegen Rückfälle. Sobald es aber zu viele werden, versagen die natürlichen Abwehrkräfte. Sogar bei ihnen selbst, wie ein Möchtegern-Mecklenburger im ehemaligen Urlaubsparadies des ehemals werktätigen Volkes beweist. Leider kann ich mir seinen Namen nicht merken. Er heißt Sellerie oder so ähnlich und kam 1994 als Richter in die neue Kolonie. Sechs Jahre später war er Minister, seit 2008 regiert er Deutsch-Nordost und war sich für seine Wiederwahl zum Gouverneur nicht zu blöde, der wenigstens dem Namen nach lange einzigen demokratischen Republik Deutschlands ihren wohlverdienten Status als "totalen Unrechtsstaat" abzuerkennen.

Das war für einen Juristen aus Sprockhövel in Nordrhein-Westfalen eine ziemlich kühne Kuschelthese, brachte ihm im Westen viel Kritik, aber reichte in Mecklenburg-Vorpommern immerhin für 35 Prozent der Stimmen bei 52 Prozent Wahlbeteiligung. Man könnte auch sagen, nur jeder dritte von jedem zweiten Eingeborenen, der überhaupt noch wählen geht, wollte ihn. Praktisch jeder Sechste: 16 Prozent! So viel hätte der SPD-Mann sicher auch zu Hause in Nordrhein-Westfalen bekommen oder jeder obdachlose Zeitungsverkäufer im Saarland, vielleicht sogar ich - als ostdeutscher Pirat in Schleswig-Holstein diesen Sonntag. Dafür würde ich auch glatt mal behaupten, der Westen sei kein totaler Unrechtsstaat. Also wirklich, Sellerie: Schnauze!

Die Kolumne "Schnauze Wessi!"

Die Kolumne "Schnauze Wessi!" ... gibt es jetzt auch als Buch (Gütersloher Verlagshaus, 14,99 Euro). Autor Holger Witzel hat dazu einen extended Klappentext auf stern.de veröffentlicht.

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stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Gib Wessis eine Chance"

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