15. Januar 2013, 15:54 Uhr

Steinbrücks Wohnzimmergespräch - eine Farce

Er kündigte an, die Bürger persönlich zu besuchen, bei Kuchen und Eierlikörchen. Und wo war SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück bei seinem Erstbesuch? Bei einer Genossin. Von Katharina Grimm

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Kuscheldate in Edesbüttel: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück©

Das Ziel war: So ein bisschen Obama sein. Beim US-Präsidenten hatte sich das Team des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück das Konzept abgeschaut, im Wahlkampf ganz normale Bürger zu besuchen. Nicht nur auf Bühnen und an Info-Ständen sollte Steinbrück sprechen, sondern auch auf dem Sofa. Von Mensch zu Mensch, im Wohnzimmer eines Wählers. Doch gleich sein erster Hausbesuch wurde zur Farce: Der Genosse war zu Gast in der Familie einer Genossin.

Am Montag hatte Peer Steinbrück seine Tour durch die deutschen Wohnzimmer begonnen. Erste Station: Familie Bebnowski aus dem Dörfchen Edesbüttel im Kreis Gifhorn bei Wolfsburg. 19 Personen waren versammelt, als Steinbrück mit einer fünfköpfigen Entourage, Streuselkuchen und Verspätung eintraf. Sinn der Aktion sei die "ungefilterte" Diskussion über die Nöte der Bürger, hatte Steinbrück gesagt. Per Mail konnten sich Interessierte bewerben. Bei wem der SPD-Spitzenkandidaten tatsächlich aufkreuzt, entscheidet Steinbrück selbst.

Genossin aus dem Stadtbezirksrat 331

Nun stellt sich heraus: Zwar haben Elisabeth Bebnowski und Thomas Mudra-Bebnowski die Bewerbungsmail an Steinbrück geschrieben. Ihre Tochter ist allerdings im SPD-Ortsverein Braunschweig-Nordstadt. Und natürlich ist sie auch bei diesem Termin dabei.

Entdeckt haben diese Seilschaft die Twitter-Nutzer. "Die Dame, die Steinbrück da besucht hat, ist doch SPD-Abgeordnete?", fragt ein Nutzer zunächst. Über die sozialen Netzwerke verbreitet sich dann schnell die Nachricht: Marike Bebnowski ist als SPD-Mitglied Schriftführerin des Stadtbezirksrats 331. So wird sie, ganz offiziell, auf der Homepage ihres Ortsvereins geführt. "Steinbrück besucht Parteimitglieder und nennt es Bürgerbesuch?", fragt ein Twitter-User verärgert.

Die Rechnung für den Eierlikör

Seltsam ist das schon - schließlich wollte sich Steinbrück, der Solitär, volksnah geben. Um eine unbefangene Debatte zu ermöglichen, hat die Presse Hausverbot: Fotografen, Kameras und Journalisten dürfen bei den Besuchen nicht dabei sein. "Wenn mir im Wohnzimmer ein Eierlikör angeboten wird, werde ich glatt einen mittrinken", juxte Steinbrück in der "Bild am Sonntag". Eine Äußerung, die nun für Spott sorgt. So schreibt ein Twitter-Nutzer: "Die 'arme' Genossin muss den Eierlikör bezahlen…"

SPD besucht SPD, Steinbrück zu Gast bei Freunden - was ist das für ein Wahlkampf? Der Sprecher des SPD-Kanzlerkandidaten war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, Familie Bebnowski ebenfalls nicht. Fest steht: Die Familie hatte 2009 schon eine Gartenparty für den SPD-Arbeitsmarktexperten Hubertus Heil geschmissen. Marike Bebnowski war mal studentische Aushilfe in Heils Büro. Politisch kuscheliger hätte es Steinbrück wohl kaum haben können.

150 Interessierte in Niedersachsen

Aber: Vielleicht traut sich der Obama-Wannabee ja bald ein bisschen mehr. In den kommenden Wochen will der 66-Jährige weitere Menschen in ihren Wohnzimmern besuchen. Die SPD hatte im Dezember 2012 Anzeigen in niedersächsischen Regionalzeitungen geschaltet. Laut Angaben der Partei meldeten sich rund 150 Interessierte. Medienberichten zufolge ist vor der Landtagswahl in Niedersachsen am kommenden Sonntag noch ein weiteres Wohnzimmergespräch geplant. Vielleicht bei einem CDU-Wähler? Wäre ja mal was.

 
 
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