. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
16. Februar 2006, 12:47 Uhr

Jamie Shea und der Kollateralschaden

Zivile Opfer nennt man im Militärjargon "Kollateralschäden". Jamie Shea, ehemaliger Nato-Sprecher, machte den Begriff während des Kosovokrieges populär - was er heute bereut. Von Lutz Kinkel

März 1999: Das amerikanische Kriegsschiff USS Philippine beschießt mit einem Tomahawk-Marschflugkörper ein Ziel im Kosovo© U.S. Navy/Getty Images

Es ist der 30. Mai 1999, ein warmer Frühlingssonntag. In der serbischen Kleinstadt Varvarin tummeln sich die Menschen auf dem Markt oder feiern das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Der Krieg, den die Nato gegen Jugoslawien führt, ist nur als Hintergrundrauschen wahrnehmbar. Die nächste Kaserne ist 22 Kilometer entfernt, der Kosovo rund 65 Kilometer. Was sollte die Nato in Varvarin bombardieren?

Die Brücke am Ortsrand - auch wenn bis heute niemand genau weiß, warum. In zwei Wellen greifen Kampfbomber zwischen 13 und 14 Uhr an. Sanja Milenkovic, 15, und ihre beiden Freundinnen stehen in der Mitte der Brücke als die Raketen einschlagen. Die Mädchen werden durch die Luft geschleudert und stürzen mit den Trümmern in den Fluss. Sanja stirbt, ebenso wie neun weitere Menschen, die in der Nähe waren, 30 werden schwer verletzt. Die Opfer sind ausnahmslos Zivilisten.

Popstar der Nato

Das Adjektiv "kollateral" leitet sich vom lateinischen "latus" ab, was so viel wie "Seite" oder auch "Flanke" bedeutet. Unter Medizinern und Biologen ist der Begriff gängig, die Querverbindungen zwischen Blutgefäßen etwa heißen "Kollateralgefäße". Es ist nicht klar, wer auf die Idee kam, dieses Wort beim Militär einzuführen. Aber es schmiegte problemlos sich in einen Jargon, der versucht, menschliches Leid mit abstrakten, medizinisch kalten Begriffen zu beschreiben. Wenn Kampfbomber "chirurgische Eingriffe" durchführen können, ist es logisch, von "Kollateralschäden" ("Seitenschäden") zu sprechen, wenn etwas schief geht. Gemeint ist der Tod von Zivilisten, zum Beispiel derer, die an der Brücke von Varvarin starben.

So jedenfalls reportierte es Jamie Shea, promovierter Historiker und so etwas wie der Popstar der Nato während des Jugoslawien-Krieges. Als Sprecher informierte er die Journalisten täglich über die Kampfhandlungen, aber er nutzte die Bühne auch, um sein Publikum mit Eloquenz, Ironie und Scharfsinn zu beeindrucken. Das Resultat war, dass neben den Kriegsberichten zahlreiche Porträts über Shea publiziert wurden, viele von offener Sympathie getragen. Eines jedoch verzieh ihm kaum einer - dass Shea den Begriff "Kollateralschaden", der zuvor nur Militärs bekannt war, öffentlich nutzte.

"Wahnsinnige Distanz"

Die Empörung erreichte über die Presse auch die Bevölkerung. "Das war der einzige Fall, in dem die Zahl der Zusendungen alle anderen Vorschläge bei weitem überwog", erinnert sich der Linguist Horst Dieter Schlosser von der Universität Frankfurt, der die Wahl zum "Unwort des Jahres" betreut. 1999 fiel das Votum folglich auf "Kollateralschaden", die Jury schrieb in ihrer Begründung: "Dieser in deutschen Medien nur halb übersetzte Begriff aus der NATO-offiziellen Berichterstattung über den Kosovo-Krieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch NATO-Angriffe. 'Kollateralschaden' lenkte mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt dieser Benennung ab und verharmloste - auch und gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt - die militärischen Verbrechen in diesem nicht erklärten Krieg als belanglose Nebensächlichkeit."

Natürlich trifft der Vorwurf der Verharmlosung auch auf andere Begriffe zu. "Gerade in der Kriegsberichterstattung werden negative Dinge immer heruntergespielt", sagt Schlosser im Gespräch mit stern.de. Einige Beispiele dafür hat die Unwort-Jury bennant: "Frontbegradigung" meint Rückzug, "Luftkampagne" ist die zynische Beschreibung eines Bombardements, "Völkerverschiebung" bedeutet Vertreibung. Die erhoffte Wirkung solcher Tarnbegriffe ist Experten zufolge immer eine doppelte. Zum einen soll die Öffentlichkeit an der Heimatfront beruhigt und über die Grausamkeit des Krieges hinweggetäuscht werden. Zum anderen dient diese Sprache der psychischen Stabilisierung der Soldaten. Wer auf dem Videoscreen ein "Ziel" erfolgreich zerstört, mag sich darüber freuen; wer im Bewusstsein lebt, mit der letzten Rakete eine harmlose Brücke gesprengt und Kinder umgebracht zu haben, wird vielleicht unsicher. "Der moderne Krieg hat eine wahnsinnige Distanz zwischen den Soldaten und seinen Opfern hergestellt", resümiert Schlosser.

Jamie Shea

Jamie Shea ... war Sprecher der Nato während des Jugoslawien-Krieges und machte den Begriff "Kollateralschaden" bekannt. Der promovierte Historiker, der nun im politischen Planungsstab des Nato-Generalsekretärs arbeitet, gab stern.de ein ausführliches Interview - unter anderem über die Frage, wie er den Krieg damals seinen beiden Kindern erklärte. Das vollständige Interview lesen Sie
hier.

"Sprache der Politik" ... ist eine neue Artikelserie auf stern.de, die in loser Reihenfolge erscheint.

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Jamie Shea "Eine Front war genug"

Während die Bomber der Allianz Jugoslawien angriffen, kämpfte er an der Heimatfront: Nato-Sprecher Jamie Shea. stern.de sprach mit ihm über Kollateralschäden der Kriegs-PR und was er seinen Kindern damals erzählte. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe