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22. Mai 2008, 09:49 Uhr

Köhler nennt Finanzmärkte "Monster"

Bundespräsident Horst Köhler hat die internationalen Finanzmärkte mit einem Monster verglichen - und ein "klar vernehmbares" Schuldbekenntnis der Banker gefordert. Im Interview mit dem stern sprach sich Köhler zudem dafür aus, am Atomausstieg festzuhalten.

Zoom

Fordert schärfere Kontrolle der Finanzmärkte: Bundespräsident Horst Köhler© Jens Schlueter/DDP

Bundespräsident Horst Köhler hat die Banker dazu aufgefordert, sich zur Schuld an der Finanzkrise zu bekennen. Er vermisse noch immer "ein klar vernehmbares mea culpa", sagte Köhler im Interview mit dem stern. "Jetzt muss jedem verantwortlich Denkenden in der Branche selbst klar geworden sein, dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss." Die Branche habe "kaum noch Bezug zur Realwirtschaft. Dazu gehören auch bizarr hohe Vergütungen für einzelne Finanzmanager." Die Finanzwelt habe sich "mächtig blamiert".

Zur Kontrolle der Weltfinanzmärkte forderte der Bundespräsident, der früher Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes gewesen war, eine "strengere und effizientere Regulierung". Der Bundespräsident forderte zugleich eine strategische Überprüfung des deutschen Finanzsektors. "Die meisten Landesbanken haben offensichtlich kein tragfähiges Geschäftsmodell", sagte Köhler. Er habe daher schon vor seiner Zeit als Bundespräsident für die beste Lösung gehalten, dass die sieben beherrschenden Landesbanken zu einer Zentralbank der Sparkassen fusioniert würden.

Atomkraft keine Lösung

Köhler hielt im Gespräch mit dem stern eine längere Gewinnung von Energie aus Atom- und Kohlekraftwerken für denkbar, verteidigte aber den Grundsatzbeschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie. "Ich halte es für zwingend, dass Deutschland eine entschlossene langfristige Strategie zur Nutzung regenerativer Energien und zur massiven Verbesserung der Energieeffizienz entwickelt und umsetzt", sagte der Bundespräsident. "Doch es gibt auch ernst zu nehmende Studien, die uns eine Energielücke vorhersagen, mit erheblichen Risiken für Wirtschaft und Arbeitsplätze." Köhler fügte hinzu: "Ich würde nicht ausschließen, dass wir mehr Zeit brauchen, und mir wünschen, dass wir darüber eine Diskussion mit den Bürgern führen: Traut ihr euch eine so tief greifende Umstellung zu? Wisst ihr, welcher Veränderungsbedarf und welche Veränderungsgeschwindigkeit in den Lebensgewohnheiten auf uns zukommen?"

Die Aufgabe sei vor allem, Energie und Rohstoffe zu sparen. "Trotzdem kann es sein, dass wir recht bald damit konfrontiert sind, ob wir für eine längere Übergangsphase, als wir uns das heute wünschen, noch einen Mix einschließlich Nuklear- und Kohleenergie brauchen." Köhler beharrte zugleich auf dem grundsätzlichen Abschied von der Kernkraft. "Der Ausstieg aus der Atomkraft ist beschlossen, weil Atomkraft für uns auf lange Sicht keine Lösung ist." Die Sicherheitsbedenken sollten auch nicht vernachlässigt werden, weil Kernenergie billig ist. "Allein die ungelösten Endlagerprobleme sind mir viel zu gegenwärtig, als dass ich dazu raten würde", sagte er.

"Schnitt bei Exportsubventionen"

Zur Bekämpfung der globalen Hungerkrise forderte der Bundespräsident die Abschaffung der Agrarexport-Subvention in Europa und den USA. "Die Hungerrevolten sollten Anlass sein, über einen klaren Schnitt bei den Exportsubventionen für europäische und amerikanische Agrarprodukte nachzudenken."

KOMMENTARE (10 von 18)
 
el-silencio (14.05.2008, 20:09 Uhr)
endlich mal ein Machtwort
... das werden die Banken sich sicher gleich verschämt zu Herzen nehmen und Abbitte leisten *g*
equityshark (14.05.2008, 17:28 Uhr)
Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung
hoffentlich erkennen noch mehr Politiker, was für ein "Monster" sie herangezüchtet haben. Die Finanzindustrie konnte sich nur mit permanenter Unterstützung durch die Politik zum Herrscher über die Realwirtschaft aufschwingen. Sehr klar beschrieben von Hauke Fürstenwerth in dem Buch "Geld arbeitet nicht", sollte zur Pflichtlektüre für alle Politiker werden!
insLot (14.05.2008, 15:25 Uhr)
Stimmt! Aber!
Klar erkennt jeder, dass sich die Finanzmärkte in ein Monster verwandelt haben. Und klar ist auch, dass jeder Banker es erkennen muss und höchstwahrscheinlich auch tut. Nur haben selbige es ja erst angefüttert und sich selbst in nicht unerheblichem Umfang dadurch ziemlich dick geworden.
Jetzt hat das Monster halt mal nach der Hand des Herrchens geschnappt. Für die Banker noch lange kein Grund es an die Leine zu legen. Obwohl es bitter Notwendig ist.
chatahootchee (14.05.2008, 13:45 Uhr)
NACHDENKEN?
Hat man nicht schon zu lange nachgedacht? Aufruf zum Nachdenken ist doch nur ein Eingestaendnis, dass man den Start einer Entwicklung schon verschlafen hat. Und dass man Niemand 'weh tun' will.
Mit den Beschluessen zum Atomausstieg und dem Versaeumnis, andere Energiequellen zu entwickeln, hat man uebrigens den OPEC Staaten eine Steilvorlage gegeben. Ich bezahle heute $3.75 pro Gallon Normalbenzin. Weltweites Nachdenken hilft da nicht mehr.
stwberlin (14.05.2008, 13:41 Uhr)
Recht hat er, aber wen juckt das ?
Auch wenn einige Kommentare das hier anders werten : der Bundespräsident hat Recht mit seiner harschen Kritik und ist sicher auch nur in extrem geringem Umfang für die Entwicklung der Finanzmärkte verantwortlich zu machen.
Tatsache ist aber, dass er ein überwiegend repräsentatives Amt bekleidet. Also würde ich als Ergänzung zu diesem Artikel gerne wissen, wie denn die wirklichen Entscheidungsträger diese Rede bewerten, und was sie daraus ableiten.
Dass Richtlinienkompetenz trotz Mahnungen des Präsidenten ausgesessen werden kann, wissen wir ja nicht erst seit Kohl. Welche Politiker nehmen das Wort des Präsidenten wirklich ernst ?
manesse (14.05.2008, 13:06 Uhr)
Alles bloß
Liebedienerei vor der SPD, deren Stimmen der Mann für seine Wiederwahl braucht. Der Mann war und ist nicht ernst zu nehmen und hat auch nichts zu sagen.
Georges13437 (14.05.2008, 12:57 Uhr)
Alles inszeniert
Was wäre wenn eines Tages rauskäme, dass alles eine große Schweinerei war und ein großer Betrug um Geld in die leere Kriegskasse fließen zu lassen. In dieser verlogenen und korrupten Welt, würde mich gar nichts mehr erschüttern.
Herr Bush was haben sie da möglicherweise und so weiter und sofort.
MfG Georges 13437
-Peter- (14.05.2008, 12:18 Uhr)
Es stellt sich doch nur die Frage,
warum macht dieser Lobbyist diese Aussage? Warten wir es ab! Eine Änderung ist ja nur bei der nächsten Wahl zu erreichen!
Louyi (14.05.2008, 11:56 Uhr)
Turbokapitalismus Monster frisst alles -besonders Menschen
@ ecomoc4u
nicht nur die Banken schrammen gerade international am Supergau vorbei - und die Milliardäre sind auch nicht alle aus den USA.
Bitte mal nachschauen in Deutschland
gibts auch ein paar (immer mehr)- vor lauter Billig- Wahn- der Wirtschaftslobby und mit Discount -Konzepten -Sozialabbau billigen Arbeitspätzen zu den Milliarden gekommen, die MA und Menschen in der sozialen Abstiegsspriale nach unten! Hat sich Köhler Glos und Co, mal über dieses "Monster" Gedanken gemacht ? - Bis jetzt nicht! Insbesondere auch nicht- wo das schon länger hinführt.
Rainhelt (14.05.2008, 11:47 Uhr)
Hab ich was verpasst,
oder hat Herr Köhler die Partei gewechselt und seinen alten Job vergessen?
Immerhin weißt er auf die tatsächlich drohende Versorgungslücke hin. (Wer heute noch Solar fordert sollte sich dringend die neusten Studien durch lesen!).
Er fordert Banken auf, eine Schuld einzugestehen. Was er verschweigt: In fast allen westlichen Ländern wird politisch eine private KAPITALGEDECKTE Alterversorgung angestrebt. Da fließen x-Mrd. jährlich in die Finanzmärkt. Hinzu kommen Staatsfonds und ander politische oder instituttionelle Anlageformen.
Aber heute schiebt man halt immer den Schwarzen-Peter den Bösen da oben in die Schuhe!!!
Gruß
Rainhelt
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