Aufbruchstimmung am Oslofjord

14. August 2013, 10:56 Uhr

Oslo galt einst als dröge Metropole. Doch Norwegens Hauptstadt entwickelt sich rasant: Eine junge Generation krempelt ganze Stadtteile um, Vorzeigeprojekt ist nicht nur das spektakuläre Opernhaus. Von Lorenz Wagner

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Oslo, Norwegen Trendstadt, The Thief, Tjuvholmen

Der Unternehmer, Investor und Hotelier Petter Stordalen in seinem Designhotel "The Thief".©

Sonnenbrille auf, durchs Gehämmer zum Baufahrstuhl. Zwei Arbeiter weichen zurück. "Mit rein. Nur keine Pause", befiehlt Petter. Nun stehen sie da, Nase an Nase, die beiden im Blaumann und der Exot mit der Pfauenfeder am Revers. "Werden wir pünktlich fertig?" - "Ja, Chef."

Petter Stordalen lächelt. Unternehmer, Investor, Hotelier. Gerade 50 Jahre alt, Hunderte Millionen schwer. Natürlich wird es rechtzeitig fertig, sein Hotel. Granit, weißer Marmor, Designer-Bademäntel, ein hoteleigener Kurator, in den Suiten Kunst von Peter Blake und Bryan Ferry. Der Name: The Thief!

"So kannst du ein Hotel nicht nennen", hatten seine Berater gewarnt. Wer von der Wall Street soll hier einchecken, in heutigen Zeiten, wo Banker als Bänkster verrufen sind? Petter schüttelt den Kopf über solchen Mangel an Fantasie. "Soll ich das Hotel etwa ‚Oslofjord' nennen? Oder ‚Nr. 1'? Fuck that!" Die Gegend war einst Nest der Gauner, Heimat der Huren. Da passt der Name doch. "Ich will was Ehrliches."

Oslos neues Viertel Tjuvholmen

Ankunft auf dem Dach. Petter hebt den Kopf und breitet die Arme aus. "Stell dir vor, du wirst hier wach. Du bist der König von Oslo!" Laut klingt seine Stimme nach. Hinter ihm: der Fjord. Vor ihm: Tjuvholmen, Oslos neues Viertel mit seinem Skulpturenpark, dem Astrup-Fearnley-Museum für moderne Kunst, seiner Flaniermeile, den Galerien, Restaurants, Yachten. Den Platz vorn am Wasser, den hat sich Petter gesichert, mit "The Thief", Bootsanlegestelle und Dachterrasse. "Paris, London?", ruft er droben. "Oslo!"

Norwegen, einst Armenhaus Skandinaviens. Oslo, einst hässliche Schwester Stockholms und Kopenhagens. Bars, Boutiquen, gute Restaurants? "Es gab nichts", sagt Petter. Aus ganz Europa kommen jetzt die Menschen. Künstler, Unternehmer, Banker. Oslo hat sich zu einem aufregenden Platz in Europa entwickelt. Dank seines Reichtums. Und einer jungen, unbändigen Generation, die dabei ist, ihre Stadt neu zu erfinden.

Eine neue Generation von Hotels

Leute wie Petter Stordalen, ein Unternehmer, so unkonventionell wie die Feder an seinem Sakko, der Millionen für Umwelt und Soziales ausgibt. Der aus dem Nichts kam, ganz wie Oslo selbst; vor 16 Jahren kaufte er sich ein paar Herbergen, heute führt er über 170 Hotels, ist Chef von mehr als 9000 Mitarbeitern und setzt rund 770 Millionen Euro um. Er liebt den großen Auftritt, die Attitüde, und immer ist die Botschaft: Wir sind jung und hip. Auf YouTube postet er Filme, in denen er seine Manager die eigenen Krawatten verbrennen lässt. Und bei der Eröffnung eines Hotels zertrümmert er eine Gitarre in der Lobby.

Zu spät und mit iPhone am Ohr ist er zum Treffen gekommen, weil er die Nacht versackt ist, und zu früh und wieder mit iPhone am Ohr wird er davonrennen, weil er bei der Bank den nächsten Deal besprechen muss. Hotels hat er ersonnen, in einer Radikalität, wie sie derzeit gut zu Oslo passen: "The Thief, das einzige Hotel der Welt, wo es sich schon lohnt, einzuchecken, nur um einen Kunstraub zu begehen", wie er sagt.

Oder das Comfort Hotel Xpress im Szeneviertel Grünerløkka, für eine Generation, die weder Minibar noch Bademantel braucht, nur Wlan und einen guten Preis. Das iPhone wird zum Zimmerschlüssel. Empfang? Bettwäsche-Service? Petter lacht: "Du bist in Oslo." An einem Tresen steht ein Junge mit Musik auf den Ohren, der hilft, falls einer - was selten geschieht - nicht mit dem Check-in klarkommt. Die Putzfrau kommt alle paar Tage. "Wechselst du täglich die Bettwäsche?

Das neue Oslo in Bildern
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Das neue Oslo in Bildern
Das neue Oslo in Bildern
Das neue Oslo in Bildern Ein Aschenputtel wird zur Schönheit
Gefunden in:

Gefunden in: "Geo Special Norwegen", Heft 4/2013, ab sofort für 8,50 Euro am Kiosk. Dort finden Sie die ungekürzte Oslo-Reportage. Die Ausgabe gibt es auch digital "GEO Special-App: Norwegen" bei iTunes zum Preis von 7,99 Euro.

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