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20. April 2010, 11:00 Uhr

Sichtflug - was ist das überhaupt?

Noch ist der Luftraum über Deutschland offiziell bis 20 Uhr gesperrt. Gestattet sind lediglich Sichtflüge - ein bewährtes Verfahren, das aus der Sportfliegerei bekannt ist. Von Till Bartels

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Arbeitsplatz Cockpit: Durch Wolken darf bei Sichtflug nicht geflogen werden© Boris Roessler/DPA

Aufatmen unter den Passagieren. Lufthansa und Air Berlin haben den Flugbetrieb in kleinem Rahmen wieder aufgenommen. Das ist völlig legal möglich. Der Grund: Die großen Verkehrsmaschinen fliegen nicht wie sonst üblich nach den Anweisungen der Fluglotsen, sondern zunächst in niedriger Höhe auf Sicht. Die Piloten sind dabei wie im Straßenverkehr nach dem Prinzip "Sehen und Gesehen werden" unterwegs. Das Sichtflugverfahren wird in der Privat- und Sportfliegerei angewandt.

Grundprinzip des Sichtfluges ist es, dass der Pilot im Cockpit genügend Sicht nach draußen hat - Flüge in Wolken sind verboten. Auch nachts sind Sichtflüge möglich. Die Piloten müssen dafür spezielle Fähigkeiten nachweisen und bestimmte Navigationsgeräte an Bord haben. Unabhängig von Lotsenanweisungen ist der Pilot für die Sicherheit von Maschine und Passagiere selbst zuständig. Er muss Mindestabstände zu anderen Flugzeugen und Wolken einhalten, kann sich aber auf Funkfeuer oder Satelliten-Navigationsinstrumente stützen.

Die Pilotenvereinigung Cockpit hatte am Montag Sicherheitsbedenken gegen die weitgehende Freigabe von Sichtflügen geäußert. "Nach unserer Einschätzung ist nicht mit Sicherheit ausgeschlossen, dass es zu Vorfällen kommen kann", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg in der ARD-Sendung "Beckmann". Handwerg warf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vor, unter dem Druck der Fluggesellschaften eingeknickt zu sein. "Kurz vor einem Messflug, der endlich die Daten liefert, auf die wir alle seit Tagen warten, heißt es plötzlich: Dann fliegt halt nach Sicht. Das heißt, wir fliegen mal los, weil ein paar Flüge gut gegangen sind, und, na ja, es wird schon gut gehen", kritisierte der Cockpit-Sprecher.

Wie einst im Flugkorridor nach West-Berlin

Im Sichtflug (englische Bezeichnung: visual flight rules ) können wesentlich weniger Flugzeuge gleichzeitig unterwegs sein als unter Kontrolle der Flugsicherung, die sie staffelt. Vor der Wiedervereinigung flogen jahrzehntelang Jets in Luftkorridoren nach West-Berlin ebenfalls auf Sicht in einer Höhe von 3000 Metern - diese Höhe war noch zur Zeit der Propellerflugzeuge festgelegt worden.

Airlines müssen beim Transport von Menschen mit Flugzeugen von mehr als 14 Tonnen Gewicht eine Genehmigung für Sichtflüge beim Luftfahrtbundesamt beantragen. Nach dem Start kann der Pilot dann eigenhändig entscheiden, ob er - etwa wegen Wolken - seinen Kurs ändert oder nicht. Ab 3000 Metern Höhe beginnt dann der sogenannte kontrollierte Sichtflug, bei dem die Fluglotsen zusätzlich auf den Abstand der Maschinen achten und die Positionen durchgeben.

Eine große Rolle spielt bei Sichtflügen das Wetter: Der Mindestabstand zur Untergrenze einer Wolke beträgt 330 Meter. Piloten dürfen nach dem Start nicht durch die Wolkendecke stoßen, sondern müssen auf Sicht so lange fliegen, bis sich entweder die Wolkendecke aufgelöst hat oder sie ein Gebiet erreichen, in dem der Instrumentenflug wieder erlaubt ist.

Verantwortung liegt bei den Piloten

Die in Deutschland nach Sichtflugregeln startenden und landenden Flugzeuge durchfliegen nach Angaben der Deutschen Flugsicherung auch Luftschichten mit Asche darin. Der Unterschied zu dem sonst üblichen Verfahren liege im Wesentlichen nur in der Verantwortung, die dann nicht bei der Flugsicherung liege, sagte Flugsicherungssprecher Axel Raab. Er widersprach damit Berichten, wonach die Piloten unter der Aschewolke hindurch fliegen. Am Dienstag erwartete die Flugsicherung rund 700 bis 800 Flüge statt der sonst üblichen 10.000.

Die Piloten würden auf eigene Verantwortung starten und nach etwa zehn Minuten eine Höhe von rund 6000 Metern erreichen, sagte Raab. Dabei würden sie auch durch diejenigen Luftschichten fliegen, die der Flugsicherung als "kontaminiert" gemeldet seien. Da die Aschewolken unterhalb von etwa 6000 Metern lägen, beginne darüber der ganz normale Flug, der auch im deutschen Luftraum wieder von den Lotsen gesteuert werde. Auch beim Landeanflug würden die Maschinen etwa zehn Minuten brauchen, um von 6000 Metern Höhe im Sichtflug bis zum Boden zu gelangen.

Der Unterschied zu der sonst üblichen Steuerung der Flüge durch Lotsen liege in der Verantwortung im unteren Luftraum. "Diese Verantwortung können wir nicht übernehmen", sagte Raab. Nach Einschätzung von Raab können die Piloten die Vulkanasche auch nicht umfliegen. "Die Aschewolke ist nicht sichtbar." Auch während des Sichtfluges erhielten die Piloten aber Unterstützung durch die Lotsen. "Die Fluglotsen lassen die Maschinen nicht ins offene Messer fliegen."

Raumsauer weist Kritik der Vereinigung Cockpit zurück

Bisher haben zehn Fluggesellschaften einen Antrag auf kontrollierte Sichtflüge gestellt, die von Radarlotsen unterstützt werden, sagte Verkehrsminister Ramsauer. Am Wochenende habe man für solche Genehmigungen noch keine hinreichende Datenbasis gehabt, Interkontinentalflüge könnten starten, wenn es 100 Prozent sichere Wetterprognosen gebe.

Der Minister verteidigte am Dienstag die weitgehende Freigabe von Sichtflügen. Er handele verantwortlich und "nicht hau-ruck-mäßig". Mit den eingeschränkten kontrollierten Flügen habe Deutschland eine "konstruktive Schrittmacherfunktion" in Europa übernommen. Zu der Kritik der Pilotenvereinigung Cockpit sagte Ramsauer, von den Piloten höre er seit drei Tagen nichts anderes als: "Macht doch bitte alles, dass wir wieder fliegen können." Er betonte zudem, er habe sich "überhaupt keinem Druck gebeugt."

Von Till Bartels, mit Agenturen
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
gman537 (20.04.2010, 22:04 Uhr)
Die eigentliche Befürchtung bezog sich doch auf ev. Schäden für Triebwerke und Cockpitscheiben und nciht auf das Funktionieren der Lotsenkontrolle.
Wieso kann diese dann bei denen 'die sich trauen' nicht trotzdem wie üblich gewährt bleiben ?

SpringbokCT (20.04.2010, 15:57 Uhr)
> pankratius (20.04.2010, 15:06 Uhr)
Von was reden Sie? Über Europa sind momentan ca. 500 Verkehrsflieger in der Luft, davon kein einziger nach Sichtflugregeln, weder VFR noch C-VFR. Alle fliegen ganz normal nach IFR (Instrumentenflugregeln) in Höhen über FL330 (ca. 10km). Bei der "Sichtflug"-Diskussion geht es lediglich um Ab- und Anflugverfahren.

Auch in England wird z.B. der noch gesperrte Flughafen Heathrow von der DLH und anderen Gesellschaften in Höhen von 33.000ft überflogen.

Auf den Artikel, im gewohnten Till Bartels-Niveau, sollte man nicht unbedingt näher eingehen. Mir ist unbegreiflich wie Jemand der das dt Wort "Sichtflug" in engl. mit "Sichtflugregeln" (visual flight rules) übersetzt, über ein solches Thema auslassen kann.
Maeus (20.04.2010, 15:28 Uhr)
Kabarett
"Die Fluglotsen lassen die Maschinen nicht ins offene Messer fliegen."
Haha, soll da jemand mit diesem dämlichen Zitat lächerlich gemacht werden? Warum lassen Sie solchen Quatsch nicht einfach weg?
Astsaft (20.04.2010, 15:23 Uhr)
@kritischer_Leser und whismerh2
OK, Sichtflug war also nie verboten. Das ändert aber nichts an den angeblichen Gefahren. Wie ich schon meinte:

Entweder, die Flugzeuge können von der Wolke kaputt gehen oder eben nicht. Daran ändert auch die Art, wie geflogen wird, nichts.

Ist es denn überhaupt möglich wirklich unterhalb der Wolke zu fliegen? Wenn man sie nicht wirklich sehen kann, stelle ich mir das zumindst schwierig vor.

Ist es nicht auch so, dass durch die niedrigere Flughöhe zum einen die Geräuschbelästigung und zum anderen der Kerosinverbrauch steigt?

Mir kommt das ganze auf jeden Fall komisch vor. Ist aber mal wieder typisch. Nie kann es einfach, klare Regelungen geben. Immer muss es dutzende von unübersichtlichen und unlogischen Ausnahmen geben...
pankratius (20.04.2010, 15:06 Uhr)
Kontrollierter Sichtflug ist etwas anderes als reiner Sichtflug
Kontrollierter Sichtflug - C-VFR - findet in Gebieten statt, die für den regulären Sichtflugverkehr gesperrt sind. Es kann hier also nicht zu unkontrollierten Begegnungen mit Kleinflugzeugen kommen. Ausserdem hat der Lotse jedes Flugobjekt auf der Strecke des kontrollierten Sichfliegers mit Position, Höhe und Geschwindigkeit auf dem Schirm. Der Abstieg der Maschinen kann über den Kontrollzonen gleichfalls in Gebieten stattfinden, die für den normalen Sichtflug gesperrt sind. Das ist schon seit je so. Auch hier lassen sich unkontrollierte Begegnungen von den Fluglotsen ausschliessen. Die Piloten müssen allerdings ihr Gehirn im C-VFR-Flug eingeschaltet lassen, das sie für gewöhnlich nach Einschalten des Autopiloten auf "Standby" zurückzufahren pflegen. Das ruft wohl ihren Unmut hervor.
SpringbokCT (20.04.2010, 14:24 Uhr)
> endbenutzer
Ich glaube nicht das wir Beide in der gleichen Schule waren. Darum möchte ich bitten, nicht geduzt zu werden, Danke.
endbenutzer (20.04.2010, 14:16 Uhr)
@SpringbokCT:
Noch was: ich verstehe schon ein wenig vom Thema Fotografie und weiß auch, dass extreme Teleaufnahmen etwas verfälschen können. Das hier sieht mir aber schon nach etwas anderem aus.
kritischer_Leser (20.04.2010, 14:14 Uhr)
@Astsaft
Sichtflug war im Deutschen Luftraum zu keiner Zeit verboten... die Berichterstattung war etwas überspitzt.
endbenutzer (20.04.2010, 14:14 Uhr)
@ SpringbokCT:
"...Sie fragen warum das Bild mit dem anfliegenden Flugzeug milchig ist:

Ganz einfach, weil es aus mehreren Kilometern Entfernung mit einem sehr starken Teleobjektiv aufgenommen ist. Der Vulkan spuckt keine Milch aus...."

Mensch wie lustig! Ich hätte glatt gedacht, da kommt Milch aus dem Vulkan. Im Übrigen: Woher weißt du das so genau mit dem Bild? Hast du das Foto gemacht?
kritischer_Leser (20.04.2010, 14:10 Uhr)
@Astsaft
Sichtflug und kontrollierter Sichtflug war zu keiner Zeit in Deutschland verboten, es war einfach eine schlechte und total überspitzte Berichterstattung. Ich bin sowie am Samst als auch am Sonntag während der angeblich kompletten Sperrung des deutschen Luftraums mit einer Motormaschine unterwegs gewesen. Dabei stand ich in ständigem Funkkontakt zur DFS.
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