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Frauenfußball-WM 2011
24. Juni 2011, 16:43 Uhr

Ladenhüter Frauenfußball

Kurz vor dem Start der Frauen-WM hält sich die Begeisterung in Deutschland in Grenzen. Ob Tröten, Schals oder Flaggen - kaum jemand greift zu den Fanartikeln. Selbst das Orakel ist ratlos. Von Klaus Bellstedt

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Dieser Deutschland-Fan ist bestens gerüstet - aber das war im letzten Jahr. Wie wird es 2011 mit der WM-Euphorie aussehen? Skepsis ist angebracht© Victoria Bonn-Meuser/DPA

Am 30. September 2008, 1000 Tage vor dem ersten Anpfiff, wurden im Berliner Kanzleramt die neun Spielorte der Frauenfußball-WM bekanntgegeben. Angela Merkel empfahl schon damals "allen Männern, die nicht so viel Ahnung haben und nur die Aufstellung der Männer-Nationalmannschaft runter rattern, jetzt mal schnell zu lernen". Die Empfehlung scheint ungehört geblieben zu sein.

Kurz vor dem Start der Frauen-WM, die am Sonntag in Berlin mit dem Spiel der Deutschen gegen Kanada offiziell eröffnet wird, kennt jeder zweite Deutsche einer Umfrage zufolge keine einzige Nationalspielerin. "Sommermärchen reloaded", so preist sich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei Facebook selbst. Der DFB träumt davon, dass die Weltmeisterschaft im eigenen Land, so wie 2006, ein Selbstläufer wird. Doch die WM hat große Schwierigkeiten, die gewünschte Begeisterung in Deutschland auszulösen - trotz eines PR-Trommelwirbels des DFB, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Nur am Rande mit der WM beschäftigt

"Ich habe die Deutschlandfahnen für das Auto aus dem letzten Jahr wieder mit in das Sortiment aufgenommen. 2010 haben sie mir die Leute aus den Händen gerissen. Heute habe ich noch keine einzige Flagge verkauft", sagt Özcan Muzaffer, Shopleiter der Esso-Station auf der Hamburger Reeperbahn, der sich aber auch über den Handel wundert: "Bis auf ein paar Aufkleberserien, die sich mäßig bis gar nicht verkaufen, wurde uns gar nichts angeboten. Die hatten wohl Angst, dass sie uns Ladenhüter andrehen könnten. Und die Angst war berechtigt."

Der Esso-Mann bezieht seine Ware unter anderem von Edeka. Von Angst über nicht verkaufte Ware ist im Lebensmittelkonzern aber nichts zu spüren. Wie auch? Man hat sich bei Edeka nur am Rande mit dem Thema Frauen-WM beschäftigt. "In Deutschland gibt es von uns keine Aktionen, die die Frauen-WM betreffen", sagt eine Sprecherin. Karstadt fährt eine andere Strategie und träumt von einem Umsatz-Sommermärchen. Es wird wohl beim Traum bleiben. Unter dem Motto "Frauen-WM 2011 - wir fiebern mit!" hat Karstadt Sport bereits seit Wochen Haargummis, Armreifen und Ohrhänger - alles in den Deutschlandfarben - in seinem Sortiment. Fanartikel gibt es auch für die Männer - von bunten Hula-Ketten bis zum Gummiadler Fritz. "Das verkauft sich alles nicht so gut", verrät eine Verkäuferin. Rewe, offizieller Premium-Partner der Frauenfußball-Nationalmannschaft, wollte sich erst gar nicht über Verkaufszahlen äußern.

"Eher nicht im oberen Bereich"

Lidl hat sich zur Verkaufsförderung ihres WM-Sekts "Piu Secco" sogar die "Bild"-Zeitung ins Haus geholt. Bei der gemeinsamen Coupon-Aktion an zwei Tagen Anfang der Woche wurde das 0,75-Liter-Fläschchen für nur 99 Cent angeboten. "Bei uns wurden - wenn es hoch kommt - vielleicht gerade mal 20 Flaschen verkauft", sagt die Verkäuferin eines Hamburgers Lidl-Markts. Nur eine Stichprobe, klar, aber der Konzern gibt keine Auskunft über den Abverkauf.

Und wie läuft das Geschäft mit den Trikots? Eigentlich traditionell ein Renner. Adidas ließ als offizieller Partner und WM-Ausrüster der Damen-Nationalmannschaft erstmals ein spezielles Spielertrikot für Frauen designen. "Es ist tailliert und der Stoff ist mit besonders hohem Elastan-Anteil sehr angenehm auf der Haut", heißt es. Neu seien auch kleine Details wie Zitate aus dem Deutschlandlied im Trikotkragen. Hat alles nicht viel genützt. "Die Verkaufszahlen bewegen sich zwar im sechsstelligen Bereich - aber eher nicht im oberen", berichtet eine Adidas-Sprecherin auf Anfrage. Zum Vergleich: Vor und während der Fußball-WM in Südafrika im letzten Jahr verkaufte Adidas mehr als eine Million deutsche Nationaltrikots.

Euphorie nur in den Stadien

Das Turnier selbst soll erfolgreicher verlaufen, hofft der Deutsche Fußball-Bund. Etwa 20 Millionen Euro hat der DFB für Programme und Kampagnen rund um die WM ausgegeben, seit er am 30. Oktober 2007 den Zuschlag für die Veranstaltung von der Fifa bekommen hat: "Kinderträume 2011", "Team 2011", "Green goal 2011", "Spielfreude-Tour". Das WM-Gesamtbudget beträgt 51 Millionen Euro, davon sind 24 Millionen durch Sponsoreneinnahmen gedeckt. Der Rest soll durch Eintrittskarten hereinkommen: 80 Prozent Auslastung reichen wohl, um keine rote Zahlen zu schreiben.

Wenigstens diesbezüglich scheint die WM auf einem guten Weg. Zwei Tage vor Beginn des Turniers waren gut 700.000 der insgesamt 900.000 frei verfügbaren Eintrittskarten verkauft. In den Stadien wird man die Euphorie vielleicht spüren - im Land eher nicht. Nicht einmal das Orakel lässt sich begeistern: Oktopus Stöpsel bewegte sich am Freitag in Speyer im "Sea Life" auf einer Torwand zwischen den beiden Ecken mit der deutschen und kanadischen Flagge. Das Tier entschied sich nach einer halben Stunde für: keine der beiden Ecken.

mit DPA

Von Klaus Bellstedt
 
 
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