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25. Februar 2009, 16:46 Uhr

Wer offiziell arbeitslos ist - und wer nicht

In Deutschland sind derzeit 3,552 Millionen Menschen arbeitslos. Sagt die Bundesagentur für Arbeit. Doch stimmt die Statistik überhaupt? Oder beschönigt sie eigentlich nur, wie viele stern.de-Leser meinen? Tiemo Rink hat nachgerechnet.

Arbeitslosenstatistik, Hartz IV, Trickserei, Nürnberg, Arbeitslosigkeit, ALG II

"Nur die halbe Wahrheit": Monatlich veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die Arbeitslosenzahlen© Jörg Sarbach/AP

Eigentlich ist es doch ganz einfach, oder? Ein Mensch, der nicht arbeitet, obwohl er das könnte, ist ein Arbeitsloser. Er bekommt staatliche Unterstützung und wird in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt. Einmal im Monat verkündet der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, die Ergebnisse. So wie an diesem Donnerstag. Demnach gibt es in Deutschland exakt 3.552.000 Arbeitslose.

Offiziell. Denn eigentlich sind es wesentlich mehr. Experten sprechen von "verdeckter Arbeitslosigkeit", die nicht in den Statistiken auftauche. Auch die stern.de-Leser sind äußerst skeptisch. "Seit Jahren wird bei der Arbeitslosenstatistik getrickst", empört sich "cybertanne", "man könnte natürlich auch sagen, dass wir belogen werden." Für "Haris_Pilton" sind die monatlichen Berichte aus Nürnberg eine einzige "Augenwischerei - das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern". Und "Zorn123" spricht aus, was scheinbar viele denken: "Wer glaubt denn noch an die offiziellen Arbeitslosenzahlen?"

Ohne Job, aber nicht arbeitslos

Offenbar nur die Regierungsparteien. Die Opposition jedenfalls hält von den vorgelegten Zahlen nichts. "Die Arbeitslosenstatistik zeigt nur die halbe Wahrheit", sagt die FDP-Bundestagsabgeordnete Claudia Winterstein im Gespräch mit stern.de. Tatsächlich gibt es Millionen Menschen, die zwar Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II (umgangssprachlich: Hartz IV) beziehen, trotzdem aber offiziell nicht als arbeitslos gelten. Das gilt zum Beispiel für jene, die unter die Rubrik "Maßnahmen aktiver Arbeitsmarktpolitik" fallen. Konkret sind damit gemeint:

  • Alle Menschen, die von staatlichen Stellen in die Warteschleifen von Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen geschickt werden, gelten offiziell nicht als arbeitslos. Ob sie eines Tages einen "echten" Job finden, ist fraglich.
  • Ein-Euro-Jobber werden nicht in die Arbeitslosenstatistik eingerechnet - eben so wenig wie Menschen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder anderen öffentlich geförderten Jobs.
  • Insgesamt 160.000 Menschen wurden vom Jobcenter an private Arbeitsvermittler weitergeleitet. Diese Drittanbieter sollen dafür sorgen, dass ihre "Kunden" in reguläre Jobs vermittelt werden. Davon profitiert auch Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) - schließlich fallen die 160.000 Arbeitslosen sofort aus der offiziellen Statistik, unabhängig davon, ob die privaten Anbieter sie tatsächlich in Lohn und Brot bringen.
  • Der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen weist in seinem Jahresbericht 2008 nach, dass rund 560.000 Menschen im Jahr 2008 von Vater Staat vorzeitig verrentet wurden. Der Clou dabei: Zwar bekommen diese ehemals Arbeitslosen weiterhin staatliche Unterstützung, offiziell arbeitslos sind sie aber nicht mehr.

Unterm Strich handelt es sich 1,5 Millionen Menschen. Sie müssten nach Ansicht von Experten in die offizielle Arbeitslosenzahl eingerechnet werden. Das bedeutet: Eigentlich sind in Deutschland nicht 3,55 Millionen Menschen arbeitslos, wie an diesem Donnerstag verkündet. Sondern mindesten 5 Millionen.

Kampf um die Statistik

3,5 Millionen oder 5 Millionen? Der Unterschied ist gewaltig - und das nervt die Opposition. "Unser Gefühl ist, dass sich ständig etwas an der Statistik ändert und die Zahlen immer beschönigt werden", schimpft die Liberale Winterstein im Gespräch mit stern.de. Auch Brigitte Pothmer, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, ärgert sich: "Der Arbeitsminister frisiert die Zahlen, wenn er Arbeitslose an Drittanbieter auslagert und so aus der Statistik herausnimmt."

Von solchen Vorwürfen will man im Arbeitsministerium nichts wissen. "Die Zahlen sind genau ausgewiesen", sagt eine Sprecherin des Ministeriums zu stern.de. So seien Menschen, die sich weiterbilden, schon deshalb nicht arbeitslos, weil sie einfach keine Zeit für reguläre Jobs hätten. Außerdem sei die Zahl der Betroffenen im monatlichen Bericht der Bundesagentur unter der Rubrik "Auflistung aller Förderaktivitäten insgesamt" korrekt dargestellt - was auch stimmt. Aber wann hätte man Weise oder Arbeitsminister Olaf Scholz jemals von einer solchen Auflistung sprechen hören?

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Arbeitslosenzahl eigentlich noch höher ist und welche Menschen auf staatliche Hilfe angewiesen sind - obwohl sie einen Job haben.

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