Wer klug und fleißig ist, schafft es nach oben. Das ist ein Märchen. Es ist die Gnade der richtigen Geburt, die eine Spitzenposition garantiert. Wichtig ist, sagt der Elitenforscher Michael Hartmann, schon als Kind den souveränen Umgang mit Macht erlernt zu haben. Von Arno Luik

Michael Hartmann, 55, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Führungspersonal der Bundesrepublik© Volker Hinz
Ja, ja, sie rufen, das stimmt schon, und es macht sich auch gut als Schlagzeile. Aber es sind Sonntagssprüche. Wenn es ihnen wirklich ernst wäre, dann müssten sie sich als Erstes fragen: Was sind uns die Schulen, die Universitäten wirklich wert? Dann müssten sie aufhören, den Bildungsbereich weiter auszuquetschen. Schulgebäude, Universitäten zerfallen. In den letzten zehn Jahren wurden fast 1500 Professorenstellen eingespart, bei den Geisteswissenschaften fielen über zehn Prozent weg, manche Fächer werden regelrecht ausgelöscht.
Nein, aber die Politik macht doch das Gegenteil von dem, was sie lautstark verkündet. Nehmen Sie die jetzt beschlossene Steuerreform für Unternehmen, sie wird fünf bis zehn Milliarden kosten: Geld, das auch für die Bildung fehlt. Wir müssen aber - sofort - mehr in die frühkindliche Bildung investieren.
Und das zu Recht. Die anderen Länder stecken einfach viel mehr Geld in ihr Bildungssystem. Bei uns wird gespart und gespart. Fast alles, was an den Schulen, den Hochschulen im Moment passiert, von der Einführung der Studiengebühren bis hin zu diesen sogenannten Elite-Universitäten: Das führt nicht zu mehr und besseren Studenten. Fast alles läuft darauf hinaus, dass die Bildung, wie die Gesellschaft im Allgemeinen, immer mehr auseinanderreißt.
Das ist ja nicht falsch. Aber in ihrem Grundsatzprogramm hat sich die SPD von der Verteilungsgerechtigkeit verabschiedet, doch die ist aufs Engste mit der Chancengleichheit verbunden. Im Klartext: Kinder, die in Familien aufwachsen, die Hartz IV bekommen oder seit zwei Generationen nicht mehr regelmäßig beschäftigt sind, haben so gut wie keine Chancen, sie sind die geborenen Verlierer.
Dem muss sich die Gesellschaft endlich ernsthaft stellen: Ein Viertel aller 15-Jährigen kann nicht richtig lesen oder schreiben. 15 Prozent eines Jahrgangs werden komplett abgehängt, sind ohne Perspektive. Keine Gesellschaft hält so etwas auf die Dauer aus. Aber diese Jugendlichen sind nicht einfach dumm.
Nein, es sind die Strukturen, die sie aus der Gesellschaft katapultieren.
Das ist ein Unsinn, ein Mythos, der bewusst am Leben gehalten wird. Es stimmt einfach nicht, dass nur der Wille bestimmt, wer nach oben kommt.
Ja. Wir sind keine Fahrstuhlgesellschaft, in der es für die meisten nach oben geht, wie es in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts manchmal noch hieß. Zum Manager wird man geboren. Vier von fünf Managern der 100 größten Unternehmen stammen aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung, dem Großbürgertum. Nur ein Chef aus den Dax-30-Unternehmen ist ein Arbeiterkind. Bei den meisten anderen Vorstandschefs waren die Eltern Unternehmer, Manager, hohe Beamte oder Adel. Man kennt sich. Das ist eine wirklich geschlossene Gesellschaft.
Natürlich. Denn jeder Chef denkt: Der tickt wie ich. Der ist dem gleichen Wertesystem verbunden. Der weiß, wie man sich bewegt, kann über Opern plaudern, kann Regeln bewusst oder ironisch verletzen, er hat den richtigen Habitus, die Aura: Ich gehöre dazu. Er strahlt Souveränität aus.
Nein.
Es mag mal klappen. Aber wie man sich oben bewegt, wie man mit Macht richtig umgeht, das lernt man nur, wenn man in diesem Milieu aufwächst. Mein Vater war Finanzchef des Bistums Paderborn. Bei uns am Abendbrottisch ging es um die Auseinandersetzungen im Erzbistum, um Prälat, Generalvikar, Kardinal. Um Millionäre, die keine Kirchensteuern zahlen wollten, aber sich Sorgen machten um die angemessene kirchliche Beerdigung. Ich habe von Kindesbeinen an mitbekommen, was Macht bedeutet, wie die oberste Schicht tickt, wie man sich da bewegt.
Genau. Das ist auch der Grund, weshalb persönliche Auswahlgespräche bei den Universitäten verstärkt in Mode kommen. So findet, unabhängig von den Noten, eine gezielte soziale Selektion statt. Bei so einem Aufnahmegespräch an der ENA, einer Elite- Hochschule in Frankreich, war eine Frage: "Wie tief ist die Donau in Wien?" Die brillanteste Antwort kam von einem Bewerber, dessen Vater schon an der ENA war: "Unter welcher Brücke meinen Sie denn?" Er wusste natürlich nicht, wie tief die Donau ist, redete aber selbstbewusst los. So etwas macht Eindruck.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 41/2007
Das Buch Michael Hartmann: "Eliten und Macht in Europa", Campus, 268 S. 19,90 Euro