Lange Zeit haben die Deutschen nichts von der Jahrhundertkrise gespürt. Doch unaufhaltsam dringt sie in das Leben der Menschen vor - Angst und Verzweiflung greifen um sich. Eine Reise durch ein verunsichertes Land. Von L. Heiny, K. Werner, N. Klöckner und H. Fischer

Die Krise hat die breite Masse erreicht. Hier wenden sich Demonstranten in Frankfurt am Main gegen die Verursacher der Krise© Martin Oeser/DDP
Peter Frohn sitzt in seiner Stammkneipe. Am Ohr einen Brilli, am Handgelenk ein Goldarmband - und um den Hals eine Krawatte. "Hör mal", sagt er so laut, dass es alle im Raum hören können, "ich trag so was normalerweise nicht, nur wenn es offiziell wird, klar?" Frohn ist einer von hier, breiter bremischer Akzent, unter dem schwarzen Hemd voll tätowiert. Vor einer halben Stunde hat er noch mit den Geschäftsführern verhandelt, nach Lösungen gesucht, Sozialpläne diskutiert, deshalb die Krawatte. "Es geht um Augenhöhe", sagt er. "Wir wollen so viele Kollegen retten wie möglich."
Nun sitzt er im Hinterzimmer der "Letzten Kneipe vor New York", direkt am Bremerhavener Kaiserhafen, und raucht Marlboro. Am Tresen rufen Werftarbeiter in Blaumann und Helm die Bedienung "Schätzchen" und wollen Haake-Beck vom Fass oder ein Kännchen Kaffee vor der Nachtschicht.
Seit beinahe drei Jahrzehnten ist Frohn Hafenarbeiter, seit 14 Jahren Chef des Betriebsrats des Gesamthafenbetriebsvereins (GHB) in Bremerhaven - und seit ein paar Wochen letzter Hoffnungsträger Hunderter Kollegen, die ihre Kündigung erwarten. Es ist die dritte große Krise, die der 55-Jährige miterlebt. Doch dieses Mal ist alles anders. "Hier ist eine Panzerplatte runtergeknallt", sagt er. "Du spürst die aggressive Spannung in der Luft, eine Kleinigkeit reicht, dass sich die Leute an die Wäsche gehen." Jeder im Hafen verzichtet auf irgendetwas, meist auf Geld, und wer jetzt nicht voll ranklotzt, wird angeblafft, es geht doch um ihre Jobs!
Die Krise hat sich festgesetzt, in Bremerhaven viel hartnäckiger als anderswo. Im ersten Quartal ist das Containergeschäft im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel eingebrochen, der Autoumschlag sogar um die Hälfte. Noch vor wenigen Monaten, im Rekordjahr 2008, stapelten sich am Wilhelm-Kaisen-Terminal die Container dreifach und vierfach. Nun liegen Flächen brach. Im Boom mussten die Schiffe vor Helgoland warten, weil alle Plätze an der Kaje belegt waren. Nun klaffen weite Lücken - und den bremischen Häfen droht eine Entlassungswelle. 1050 von insgesamt 2700 GHB-Mitarbeitern werden ihren Job verlieren.
Wütend macht ihn das, sagt Frohn: "Aber du kannst die Wut nirgendwo lassen, du weißt ja nicht, wem du in die Fresse hauen sollst." Es ist einfach keine Arbeit da. Seit Monaten lesen die Menschen in Deutschland, dass es bergab geht, eine Schreckensnachricht jagt die nächste. Doch lange war von der schwersten Wirtschaftskrise seit Menschengedenken im Alltag kaum etwas zu spüren. Erst langsam, ganz langsam nistet sie sich ein, schleichend, wie ein Nebel, der sich über eine Landschaft legt, wie feuchte Kälte, die langsam durch die Kleidung kriecht und einen erschauern lässt.
Immer tiefer dringt die Krise in das Leben der Menschen vor, bringt sie um den Schlaf, lässt sie verzweifeln. "Jetzt sind die großen Räder gebrochen", sagte Bundespräsident Horst Köhler während seiner Berliner Rede Ende März. "Wir werden Ohnmacht empfinden und Hilflosigkeit und Zorn."
Die Rezession packt das Land. Die Hafenarbeiter in Bremerhaven, die im Herbst arbeitslos sein werden. Die Handwerker und Kleinunternehmer aus Magdeburg, die sich in ihrer Not beim Sorgentelefon melden. Die Leiharbeiter und Putzfrauen, die in Stuttgart gegen ihre Entlassungen klagen. Die Arbeitslosen und Lehrer, die nach Berlin reisen, um gegen die Krise zu demonstrieren. Den Bürgermeister von Salzgitter, der nicht weiß, wie er neue Kindergärten bauen soll. Bandarbeiter und Manager. Große und kleine Leute.
"Am Anfang war die Krise ganz weit weg", sagt Markus Krieger in der Hafenkneipe, kurz vor Beginn seiner Schicht. Er ist Hafenfacharbeiter, seit sieben Jahren fest angestellt beim GHB, bezahlt nach Tarif. Bis Ende Dezember haben sie ganz normal gearbeitet, im Dreischichtsystem Container auf die Schiffe gestapelt, Bananenkisten entladen oder Autos, je nachdem. Macht euch keinen Kopp, hieß es immer.
Dann kam die Kurzarbeit, dann traf es die Zeitarbeiter. Und dann, im März, kamen die Gerüchte von Massenentlassungen, vom Kahlschlag. Unter den Arbeitern ging das Rechnen los, wen erwischt es als Ersten? "Im März wurde mir klar, dass es auch mich treffen könnte", sagt Krieger, der bislang nur den Aufschwung kannte. Früher fuhr er Gabelstapler, heute transportiert er mit einem gigantischen Vancarrier tonnenschwere Container. Er hat sich ein Häuschen gekauft und wird bald zum zweiten Mal Vater. "Jetzt rechne ich fest damit, dass ich es nicht packe."
Einen so rasanten Absturz gab es noch nie. Die deutsche Wirtschaft schrumpft in aberwitzigem Tempo, in diesem Jahr um vier Prozent, fünf Prozent, wer weiß, vielleicht sogar um sieben Prozent. Der deutsche Maschinenbau scheint in sich zusammenzubrechen. Das hat es seit Beginn der Statistik 1958 nicht gegeben. Die Stahlkonjunktur, das Gleiche. Erstmals seit 1928 ist die Zahl der Arbeitslosen in einem März nicht gesunken. "Wir wissen, dass dies ein schreckliches Jahr wird", sagt OECD-Generalsekretär Angel Gurría.
Und doch dauert es, bis die abstrakten Zahlen der Krise den Alltag der Menschen erreichen. Bis nach den Wachstumskurven auch die Lebensläufe tiefe Dellen bekommen. Es läuft ja noch ganz gut im Land: Die Preise für Benzin, Milch und Butter sind im Vergleich zum Vorjahr gesunken, die Inflation ist so gering wie lange nicht, die Reallöhne werden sogar steigen. "Die Konsumenten haben bisher auf die ständigen Hiobsbotschaften erstaunlich gelassen reagiert", sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung, die Binnennachfrage steige sogar leicht. "Die Wahrnehmung der Krise ist auf individueller Ebene in Deutschland verzögert", sagt auch Ludger Pries, Soziologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum. "Die Angst sickert erst ganz langsam durch."
Volkmar Linke kann sie hören, die Angst, die Unsicherheit, das Unbehagen. Durch sein graues Telefon kommt die Krise zu ihm, in sein kleines Büro, Raum 260, Wirtschaftsdezernat, Stadt Magdeburg. "Am Anfang hat fast alle fünf Minuten das Telefon geklingelt", sagt Linke. Er arbeitet für die Magdeburger Finanzkrisen-Hotline, ähnliche Initiativen gibt es auch in anderen Städten.
Bei ihm rufen Unternehmer in Not an, stammelnd, schimpfend, enttäuscht. Sie haben Angst vor der Insolvenz, vor dem Aus, ihnen gehen die Aufträge aus, sie können ihre Kredite, ihre Rechnungen, ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. "Ein Fliesenleger ist neulich richtig aggressiv geworden", erzählt Linke. "Der hatte keine Aufträge mehr. Aber die kann ich ihm ja auch nicht liefern."
Linke ist eine Mischung aus Seelsorger und Unternehmensberater. Er kann die Gefühle der Menschen in seiner Region nachvollziehen, er hat so etwas ja selbst schon mal miterlebt, damals nach der Wende als Maschinenbauer, als sein Kombinat "zusammenklappte wie ein Kartenhaus".