17. März 2010, 16:32 Uhr

Generation Probezeit

Nur noch jeder zweite junge Arbeitnehmer erhält einen unbefristeten Vertrag. Mit ihrer Personalpolitik treiben die Arbeitgeber eine ganze Generation in prekäre Jobs und schaden dem Arbeitsmarkt. Von Roman Heflik

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Denkblasen für Passanten: Mitglieder der IG Metall machen am Stuttgarter Hauptbahnhof auf die Jobsituation junger Menschen aufmerksam©

Es ist eine nüchterne Statistik, doch ihr Inhalt ist brisant: Immer mehr Arbeitnehmer erhalten nur noch einen befristeten Vertrag. Das meldet das Statistische Bundesamt. Fast zehn Prozent der gesamten arbeitenden Bevölkerung stehen heute in solch einem Kurzzeit-Job, das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Befanden sich 1991 noch 5,7 Prozent in befristeten Arbeitsverhältnissen, waren es 2008 schon 8,9 Prozent.

Noch alarmierender ist, dass nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) heute vor allem junge Menschen einen Zeitarbeitsvertrag erhalten: Fast jeder zweite Neueingestellte ist befristet angestellt.

Diese Entwicklung ist schleichend, aber fatal, denn sie führt zur Prekarisierung einer ganzen Generation. Als vor einigen Jahren das Wort von der "Generation Praktikum" die Runde machte, meinten noch die meisten, es handele sich um eine winzige Gruppe von Betroffenen: Junge Menschen, meist Studenten, die als Hospitanten von Unternehmen mit der Aussicht auf eine Anstellung hingehalten und ausgebeutet werden.

"Generation Probezeit" wird Normalfall

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des IAB zeigen jedoch, dass es sich in Wahrheit um ein viel breiteres Phänomen handelt: Die "Generation Praktikum" hat die nächste Stufe erreicht und wandelt sich zur "Generation Probezeit". Die Unternehmen begnügen sich längst nicht mehr mit der Probezeit, die in den meisten Arbeitsverträgen eingebaut ist und meist zwischen drei und sechs Monaten beträgt.

Stattdessen lassen sich die Personalchefs die gesetzlich erlaubten vollen zwei Jahre Zeit, bevor sie ihre jungen Angestellten übernehmen - oder in etwa 50 Prozent der Fälle eben auch nicht. Für einen großen Teil der jungen Arbeitnehmerschaft wird dadurch der Schwebe- zum Dauerzustand, das Fehlen von Zukunftsplänen zur Normalität. Eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen, sich überhaupt an einem Ort dauerhaft niederzulassen - das sind inzwischen längst Ziele, über die viele jüngere Arbeitnehmer nur noch müde lächeln können.

Billiger geht's nicht

Profiteure dieses Missstandes sind die Arbeitgeber. Fast ohne eigenes unternehmerisches Risiko können sie auf einen Pool frisch ausgebildeter und hoch motivierter Mitarbeiter zurückgreifen, die sich in kürzester Zeit wieder auf die Straßen setzen lassen. Während die Unternehmer von diesen jungen Angestellten höchsten Einsatz zu niedrigen Einstiegsgehältern fordern können, gehen sie selbst so gut wie keine Bindung ein. Sie müssen nicht einmal mit Widerstand rechnen: Denn erstens trauen sich befristet angestellte Arbeitnehmer wegen ihrer schwachen Verhandlungsposition nur in den seltensten Fällen, den Vorgesetzten zu widersprechen, zweitens haben Betriebsräte und Gewerkschaften oft nur wenig Möglichkeiten, den Erhalt dieser Arbeitsplätze durchzusetzen.

Eigentlich sollten die befristeten Arbeitsverhältnisse den Unternehmen erlauben, flexibler auf Krisen zu reagieren und Arbeitnehmern den Wechsel auf andere Stellen beziehungsweise den Neueinstieg in ein Unternehmen zu erleichtern. Dass die Quote der befristeten Verhältnisse aber kontinuierlich gestiegen ist, zeigt, dass die Unternehmen dieses Instrument längst nicht mehr nur als Nothilfe in Krisenzeiten verwenden. Sie setzen massiv auf befristete Arbeitsverhältnisse, weil es sich für sie lohnt. Nach dem Karotte-Esel-Prinzip müssen sie dem Arbeitnehmer lediglich die Aussicht auf eine Festanstellung vor der Nase halten, damit er sich ins Zeug legt. Billiger geht es nicht.

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KOMMENTARE (10 von 47)
 
thomthiele (18.03.2010, 22:51 Uhr)
was fehlt......
Es bleibt in dem Artikel unerwähnt, dass auch bei stern.de die Seiten mit etlichen befristet Beschäftigten erstellt werden.
Mikeorganizer (18.03.2010, 13:03 Uhr)
Auswandern ist die Lösung .....
jeder, der diesem Verräterland den Rücken kehrt hat mein vollstes Verständnis und meine Glückwünsche. Ebenso hat auch jeder mein Verständnis, der sich diesem System verwehrt und entweder schwarz arbeitet und oder sein Geld ins Ausland bringt. Die systematische Verweigerung des mündigen Bürgers an diesem korrupierten System weiterhin teilzunehmen sollte eigentlich prinzipiell jeder Anstreben.
Nach solchen Sauereien hab ich auf jedenfall keine Skrupel mehr.
Mikeorganizer (18.03.2010, 09:09 Uhr)
Irgendwann ist das Maß einfach voll !
Dieser Strudel aus Inkompetenz und Versklavung kann nur zu einer logischen Konsequenz führen : REVOLUTION.

Dann, wenn die letzten, künstlich schlafen gelegten Volkszombies aus ihrem Koma erwachen, wird ein noch nie dagewesener Aufschrei durch das Volk gehen welcher in einer gewaltätigen Kettenreaktion enden wird.
Die Möglichkeit eines massiven Richtungswechsels nach Rechts wäre dann ebenfalls nicht mehr auszuschließen. Letztendlich eine logische Konsequenz, wenn man Menschen zum Äussersten treibt.

Diese angeblichen Vertreter des Volkes haben uns verschaukelt und verkauft. Ein ganzes Land billig auf dem Flohmarkt verramscht. Ich weiss nicht, wie man das überhaupt wieder gut machen kann.
iosono (18.03.2010, 08:18 Uhr)
boykott
seit einiger zeit kommt mir in den kopf das ein kind vielleicht nicht schecht wäre-ganz komische gefühle für einen egoisten wie für mich.
allerdings schltet sich schnell mein gehirn ein:immer mehr zeitverträge,kaum kindergartenplätze,miese schulen.....
folge:macht euch eure kinder selbst.
ich spare noch ne weile und vielleicht lerne ich norwegisch-und wenn freundin mitmacht dann ciau germany.
(in norwegen soll es aber auch frauen geben)
blindriver (18.03.2010, 04:52 Uhr)
In der Tat - Auswandern
Auswandern ist ja schon von anderen Kommentatoren angesprochen worden, und meiner Erfahrung nach auch unbedingt empfehlenswert.

Ich habe mittlerweile 15 Arbeitsjahre hinter mir, davon 9 Jahre in Deutschland, 3 Jahre in Asien und seit 3 Jahre in den USA mit Greencard.

In Asien ist pro Jahr rund das 3fache und in den USA rund das 5fache des deutschen Jahresueberschusses uebrig geblieben.

Arbeiten ist so fuer mich, trotz geringem Investitionsgeschick, mehr zum Zeitvertreib als zum Lebensunterhalt geworden.

Deutschland werde ich entsprechend auch zukuenftig wenn irgend moeglich meiden.
allesklar (18.03.2010, 03:59 Uhr)
@ aeternitas
Dein Dr. Ing soll zur Uni gehen und dort lehren.
allesklar (18.03.2010, 03:53 Uhr)
@ aeternitas & montague
Ich fuehle mit euch - weil mir aehnliches passiert ist. Es ist nicht was ihr macht sondern welche leute ihr kennt!

montague (18.03.2010, 01:23 Uhr)
das ist meine Realität
Meinen Studienabschluss habe ich vor sechs Jahren mit 1,0 gemacht, danach mit einem Praktikum für 300 Euro angefangen, mich über einige befristete, schlechtbezahlte Halbjahresverträge zur "Freiberuflichkeit" gehangelt. In der Architekturbranche ist das Realität. Mit 31 lebe ich jetzt wieder zuhause bei den Eltern und wenn es dumm läuft müssen die demnächst auch noch meine KV bezahlen.

Ich bin hochqualifiziert. Ich will endlich arbeiten können!
ganzbaf (18.03.2010, 01:04 Uhr)
Du meine Güte...

"mehr Chancen auf einen Arbeitsplatz" gibt es durch Arbeitszeitverkürzugen, nicht durch Rechteabbau.

War alles schon auch schon seit Jahrzehnten bekannt. Aber die "68er" Linksspinner konnten sich gegen die aufkommenden Lumpenelitemeinung nicht so recht durchsetzten... ;-S
netwanderer (18.03.2010, 00:25 Uhr)
...befristete Arbeitsverhältnisse sind richtig teuer
...aber offenbar nur für den Arbeitnehmer. Will er einen Kredit, wird es sehr schwer, die Banken haben da ihre kleinen Klauseln für solche Fälle, andere verlangen Wucherzinsen. Wer in der Dispofalle steckt, zahlt doppelt drauf. Und muß man wieder umziehen, denn flexibel soll man ja auch noch sein, fallen gehörig Umzugskosten an. Kaum hat man sich richtig eingearbeitet und neue Kontakte geschlossen, darf man auch wieder gehen. Aber dann bitte gescheit konsumieren und Kinder in die Welt setzen. Wie schäbig, dass es dem Großteil der Politik gelingt, den naiven Wählern solche Mißstände als erstrebenswert hinzustellen und diese Entwicklung auch noch zu forcieren. Alle, die das kritisieren, sind per se linksradikal, wirtschaftsfeindlich oder schlicht dekadent nach römischem Vorbild. Arbeit soll sich schließlich wieder lohnen: Aber anscheinend nicht für solche "Minderleister".
Und geht es den Betrieben mit dieser Masche besser? Vordergründig ja, aber durch Fluktuation, unmotivierte Arbeiter, fehlender Weiterbildung, know-how Verlust durch Weggang und immer neuer nötiger Einarbeitungszeit sinkt die Qualität der erbrachten Leistung langfristig...aber Hauptsache, die Rendite stimmt....wer aber will langfristig für miese Leistung bezahlen? Ich habe gesehen wie z.B. in Bombay massenhaft Menschen nachts auf den Bürgersteigen schlafen und gleichzeitig in den Palästen der Reichen der Luxus überquillt...soll das also das Zukunftsmodell für Deutschland sein? Wohin geht die Reise?
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