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18. Januar 2010, 15:18 Uhr

Falsche Kochrezepte für den Arbeitsmarkt

Eine Reform von Hartz IV darf nicht nur bei den Arbeitslosen ansetzen. Mehr Druck auf Hartz-IV-Empfänger fördert lediglich Lohndumping. Stattdessen müssen die Unternehmen in die Pflicht genommen werden. Ein Kommentar von Marcus Gatzke

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Hartz, Schlecker, Mindestlohn, Arbeitsmarkt, Zeitarbeit

Eine Schlecker-Filiale in Duisburg. Dem Unternehmen wird massives Lohn-Dumping vorgeworfen© Lennart Preiss/DDP

Die Debatte um eine Reform von Hartz IV hat am Wochenende mit den Einlassungen von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) einen neuen - eher aberwitzigen - Höhepunkt erreicht. Koch forderte eine strenge Arbeitspflicht von Hartz-IV-Empfängern und die "notwendige Härte" von der Politik, diese auch durchzusetzen. Was der CDU-Mann offenbar nicht weiß: Schon jetzt müssen Langzeitarbeitslose jeden zumutbaren Job annehmen, sonst droht ihnen eine Kürzung der staatlichen Unterstützung.

Klar ist: An Hartz IV muss einiges verändert werden. Und die meisten der von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen ins Spiel gebrachten Vorschläge (Erhöhung der Regelsätze für Kinder, mehr Hilfen für Alleinerziehende, höhere Schonvermögen) gehen in die richtige Richtung. Damit werden Fehler korrigiert, die bei Einführung der Gesetze vor rund fünf Jahren gemacht wurden.

Aber was die CDU nicht sieht oder nicht sehen will, sind die negativen Konsequenzen aus einer Erhöhung der Hinzuverdienstgrenzen. Dem zu erwartenden positiven Effekt, die Anreize für die Aufnahme einer Arbeit zu erhöhen, steht die Gefahr einer weiteren massiven Ausweitung des Niedriglohnsektors und noch mehr Lohn-Dumping gegenüber, wenn nicht auch die Unternehmen in die Pflicht genommen werden.

Staatlich alimentierte Arbeitsplätze

Das Beispiel Schlecker hat uns vorgemacht, wie die Lücken in den Arbeitsmarktgesetzen geschickt ausgenutzt werden können, um die Löhne zu drücken. Auch in anderen Branchen wie der Abfallwirtschaft oder der Pflege wird Zeitarbeit genutzt, um den Gewinn zu erhöhen.

Die Liberalisierung des deutschen Arbeitsmarktes hat zu einer deutlichen Spreizung der Löhne, zunehmender Ungleichheit und einen Anstieg so genannter atypischer Beschäftigungsverhältnisse (befristete Jobs, Teilzeit, Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung) geführt. In Deutschland arbeiten mittlerweile 6,5 Millionen Menschen im Niedriglohnsektor. Sie verdienen in Westdeutschland im Durchschnitt 6,88 Euro brutto und in Ostdeutschland 5,60 Euro pro Stunde, hat das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen errechnet.

Ein Frisör wird beispielsweise in Hamburg in der untersten Tarifgruppe mit 5,11 Euro pro Stunde entlohnt. Macht umgerechnet einen Bruttolohn von rund 830 Euro im Monat. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Der Staat ist gezwungen, Menschen, die Vollzeit arbeiten, finanziell zu unterstützen. Die Bundesagentur für Arbeit weist 1,3 Millionen so genannter Aufstocker aus.

Ein weiteres Beispiel sind die so genannten Mini-Jobs. Die geringfügige Beschäftigung wird subventioniert, indem Jobs bis zur 400-Euro-Grenze von Steuern und teilweise auch Abgaben befreit sind. Den Problemgruppen auf dem Arbeitsmarkt - gering Qualifizierten und Langzeitarbeitslosen - brachte das jedoch nur wenig. Nutznießer sind überwiegend andere: Unternehmen, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung abbauen und Minijobber einstellen.

Ein Mindestlohn ist zwingend

Und wer einmal im Niedriglohnsektor angekommen ist, für den ist es sehr schwer, sich in höhere Einkommensklassen "hochzuarbeiten". Einmal Arbeiter, immer Arbeiter. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bescheinigt Deutschland eine wachsende soziale Ungleichheit. Eine der Hauptursachen: Die Einkommensunterschiede haben beträchtlich zugenommen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und mit ihr Roland Koch machen es sich deshalb zu einfach. Eine Erhöhung der Zuverdienstgrenzen ohne weitere flankierende Maßnahmen würde das System auf den Kopf stellen. Es käme einem Freibrief gleich, die Löhne noch weiter zu drücken. Die Unternehmen können sich sicher sein: Die Lücke zum Existenzminimum wird in jedem Fall vom Staat getragen

Stattdessen wäre es sinnvoll, nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch die Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen. Leiharbeit sollte auf maximal zehn Prozent in einem Betrieb begrenzt werden. Außerdem sollten Leiharbeiter nach einer Einarbeitungszeit das gleiche Verdienen wie Festangestellten. Ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn würde außerdem dafür sorgen, dem Lohndumping ein Ende zu bereiten.

Ein Kommentar von Marcus Gatzke
KOMMENTARE (8 von 8)
 
jeanclaude (18.01.2010, 16:03 Uhr)
man kommt sich von der politik völlig alleingelassen vor.
da ist keine partei die sich,auf die seite der arbeitnehmer die seite der unter/mittelschicht stellt....

alle die wie merkel den kannibalismus am arbeitsmarkt durch lohndumping und auflösung des kündigungsrechts fördern,sind absolut assozial.
keiner von diesen korrupten subjekten interessiert sich nur einen deut um das wohlergehen des volkes.
vielleicht wäre es das beste,die <6 eurojobber sollten etwas geld für eine "parteispende" zusammenkratzen um die "volksvertreter" auf seine seite zu bekommen.

wenn man bedenkt,wie gut man mit vergleichsweise lächerlichen 1,1 millionen die regierung schmieren kann.
sollte das für geringverdiener,leiharbeiter,hartz 4 empfänger eine möglichkeit geben,mehr zu bewirken als bei den showveranstaltungen vor den wahlurnen.
undjetztnochder (18.01.2010, 16:02 Uhr)
Herr Gatzke
macht die richtigen Vorschläge: bundesweiter Mindestlohn, (so um die 7 bis 8 Euro), Begrenzung der Leiharbeit bei Unternehmen bis 20 Beschäftigte 20%, bis 500 10%, darüber 5% maximal zulässige Leiharbeiterquote, zeitliche Begrenzung der Leiharbeit auf 6-12 Monate. Zuverdienst verbessern mit einer intelligenten Formel für den Niedriglohnsektor, so dass die einfach Regel "wer mehr arbeitet hat auch mehr (netto) in der Tasche)" stets gilt. Es wird Zeit, dass diese Gerechtigkeitslücke geschlossen wird. So wie es aussieht, wäre das Ganze langfristig betrachtet nicht nur kostenneutral, sondern würde die sozialen Sicherungssysteme auf Dauer sogar entlasten. Schwarz-gelb müsste einfach mal den jahrelang benutzen Denktrampelpfad verlassen, dadurch wird man nicht gleich zum Sozialisten (das hat übrigens Bismark vor über 100 Jahren auch schon erkannt).
Administrator (18.01.2010, 15:40 Uhr)
@esopherah
Ihr Beitrag wurde gelöscht - bitte diskutieren Sie sachlich.
kunoo (18.01.2010, 15:16 Uhr)
Koch - Gesellschaftlicher Brandstifter
Das muß man sich 'mal richtig klarmachen: Da sitzen nachweislich korrupte und demokratiefeindliche Politiker, wie der Koch da und schieben den 'schwarzen Peter' der Arbeitsmarktsituation wieder einmal denen zu, die am wenigsten für die verfluchte asioziale staats- und gesellschaftsschädigende Beschäftigungspolitik der vergangenen Jahrzehnte können.

Dieser Dummschwätzer, der sich und seine Kasten-Politik seit Jahren von allen Bürgern bezahlen lässt schwebt schon auf der Wolke, auf die ihn, dank dieser Volksverhetzung, eine Bombe in seine Staatskanzlei, befördern sollte.

Politiker wie Koch sind die Spaltpilze und das Ungeziefer dieser Gesellschaft. Wann verschwinden Brandstifter, wie diese Typen endlich in der Versenkung.
auwei (18.01.2010, 15:14 Uhr)
Lieber Herr Koch,
liebe übrigen Stammtischbediener - machen Sie sich ehrlich. Stimmen Sie mit mir das alte Dead Kennedys-Stück aus den 80ern an: Kil kill kill kill kill the poor...Geht nicht? Wegen moralischer Bedenken? Ach nee, die werden als kritische Masse ja noch gebraucht. Am besten kasernieren, in Uniformen stecken - und beizeiten aus den Steinbrüchen an die Front schicken. Na klar, ist alles völlig übertrieben - aber mal ehrlich, Herr Koch - in einer stillen Stunde kann man sich solchen Phantasien ja mal hingeben. Was wäre die Welt auch ohne Sündenböcke...und erst der Kontrast sogt dafür, dass man sich als Schäfchen im Trockenen so richtig wohl fühlen kann.
ganzbaf (18.01.2010, 15:01 Uhr)
Arbeitszeitverkürzung...

Überstundenverbot und 2 Mindestlöhne, das braucht Deutschland.

Einkommen und Vermögen müssen gesamtgesellschaftlich besser verteilt werden.
Die Lohnspreizung gilt es zurückzufahren.

Dafür bezahlen müssen die Reichen und Banken. Über geringere Gewinnen und über erhöhte Steuerbelastungen auf sehr hohe Vermögen und Erbschaften.

kalki (18.01.2010, 14:26 Uhr)
missbrauch
bisher missbrauchten immer wieder die sogenannten leistungsträger(wirtschaft) den menschen mit hilfe des staates.Villeicht sollte der staat auch mal den missbrauch üben und einen mindestbelohnungstandard einführen. Gemessen an dem was uns tagtäglich verführt.
minischlumpf (18.01.2010, 14:05 Uhr)
Warten auf Godot
Ich warte mal auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bezüglich der Regelsätze - und dann bin ich gespannt, wie das Aufheulen, Drumherumreden, Schuld zuschieben oder sonstiges Gequäke quer durch die Parteien erfolgen wird.

Und da doch der eine oder andere Politker mit seinem zweiten Standbein in Zeitarbeitsfirmen involviert ist, wird sich auch am politisch geförderten Lohndumping nichts ändern.
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