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Etikettenschwindel

Gute Arbeitsbedingungen sind in den Textilfabriken Asiens selten. Das neue Hemd kann trotz made in Germany von Kinderhänden gefertigt worden sein. Worauf man beim Einkaufen achten sollte

Von Elke Schulze

Weiße Sommerhosen, getupfte Blusen in A-Linien-Form und Ballerinaschuhe in allen Farben. In den Klamottenläden lockt die Sommerware. Ein frischer Look macht Laune, aber nicht unbedingt ein gutes Gewissen. Denn das neu erworbene Sommeroutfit verrät nicht, ob es von Kinderhänden genäht wurde oder ob die Arbeiter beim Färben der Baumwolle ungeschützt mit giftigen Substanzen hantierten. Drei Viertel der Textilien, die wir bei Karstadt und Co. kaufen, kommen aus Niedriglohnländern wie Indien, Bangladesch, China, Pakistan, Indonesien oder Vietnam. Der deutsche Verbraucher hat kaum die Möglichkeit zu prüfen, ob am neuen Rock oder T-Shirt Blut, Schweiß und Tränen kleben - ob sie in sogenannten Sweat-Shops gefertigt wurden. Von den Arbeitsschutzbedingungen, die bei uns zum Standard gehören, sind die Produktionsstätten Südostasiens weit entfernt. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation gibt es pro Jahr bis zu 500 000 Vergiftungsfälle durch Pestizide mit etwa 20 000 Todesopfern - unter ihnen viele Kinder.

Doch was kann man tun? Dirk Petersen von der Verbraucherzentrale Hamburg sagt: §Für den Verbraucher ist es fast aussichtslos, hier zu unterscheiden." Er kann vor allem aufs Etikett schauen. Zwar existiert ein Textilkennzeichnungsgesetz. Es schreibt aber nur vor, verwendete Fasern aufzuführen. Der Verweis aufs Herkunftsland ist freiwillig und oft irreführend: Nicht selten kauft eine Firma den Stoff beispielsweise in Bangladesch und lässt ihn in China verarbeiten. Dann wird das Stück in Deutschland mit Etiketten versehen, schon ist es erlaubt, die Angabe made in Germany zu verwenden. Einige Hersteller überwachen die Produktion ihrer Kleidung inzwischen nach den selbst gegebenen BSCI-Regeln. Bei der Otto-Tochter Heine-Versand und bei Esprit hat das Kinderarbeit nicht verhindert.

Auch der Preis sagt nichts über die Produktionsbedingungen aus: Derjenige, der sich in noble Klamotten hüllt, darf kein besseres Gewissen haben als ein Penny-Kunde. "Teure Markenprodukte bieten keine Garantie, dass die Firmen faire Löhne zahlen. Die Markenfirmen schöpfen rund ein Drittel des Endpreises ab. Die Näherin vor Ort erhält davon nur 0,4 Prozent", sagt Evelyn Bahn von Inkota, einer Trägerorganisation der europaweiten Schutzkampagne Clean Clothes Campaign (CCC) - zu Deutsch: "Kampagne für saubere Kleidung". Ein Turnschuh, der hier für 100 Euro über den Ladentisch geht, beschert dem Arbeiter, der ihn macht, gerade 40 Cent. Mitarbeiter der CCC inspizieren Betriebe vor Ort. Kommt es zu Beschwerden, handeln die betreffenden Firmen nicht selten nach der Devise "Nichts wie weg" - die nächste Produktion findet dann einfach woanders statt. Deshalb fordert CCC auch kein Fair-Trade-Label für Textilien, wie es bei Kaffee ("Transfair") üblich ist. Die Wertschöpfungskette ist zu lang, zu viele Subunternehmer verhindern Transparenz. Evelyn Bahn empfiehlt: "Die Verbraucher müssen ihre soziale Verantwortung selbst wahrnehmen, indem sie beim Einkaufen nach Produktionsbedingungen fragen." Der BUND fordert daher, die Textilien einheitlich zu kennzeichnen: welche Rohstoffe werden eingesetzt, welche sozialen Mindeststandards eingehalten.

Verbraucherschützer Dirk Petersen rät zur Vorsicht: "Letztlich kann der Verbraucher nur bei Ökotextilien unbedenklich zugreifen. Wer ein T-Shirt für 3,99 Euro kauft, muss sich im Klaren sein, dass es zu unfairen Bedingungen gefertigt wurde." Inzwischen bieten aber auch konventionelle Hersteller wie Otto ("pure ware"), Aßmus oder der Panda Versand eigene Ökoproduktlinien an. Deren Röcke und Hosen sind meist nicht viel teurer und haben mit dem "Müslilook" früherer Ökotextilien nichts mehr gemein.

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