HOME

"SWR"-Dokumentation: Etikettenschwindel beim Biofleisch: Warum man sich auf das EU-Biosiegel nicht verlassen sollte

Verbraucher geben gern mehr Geld für Bio aus, weil sie hoffen, dass die Tiere artgerechter gehalten werden als in konventioneller Zucht. Doch vor allem das EU-Biosiegel ist trügerisch, oft geht es nur ums reine Geldverdienen. Worauf Sie beim Bio-Einkauf achten sollten.

Biosiegel

Das EU-Biosiegel ist keine Garantie für artgerechte Haltung und Schlachtung

Picture Alliance

Die Deutschen essen etwa 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das entspricht 750 Millionen Tieren. Viele Verbraucher greifen immer häufiger zum Biofleisch, weil sie hoffen, dass die Tiere artgerechter als in der konventionellen Tierzucht gehalten werden. Doch Vorsicht sollte man vor allem beim EU-Biosiegel walten lassen. Hier sind die Spielräume dank unzulänglicher EU-Verordnungen so groß, dass sich die Haltungsbedingungen und die Schlachtung der Tiere kaum vom Konventionellen unterscheiden.

Immer mehr Produzenten nutzen diese Lücken aus. Sie verpassen ihrem Fleisch das Label "Bio" und fahren damit höhere Renditen ein - zum Leid der Tiere. Der "SWR" hat sich in der Dokumentation "Biofleisch zwischen Tierwohl und Trittbrettfahrern - Ethik oder Etikettenschwindel" genauer mit dem Thema beschäftigt und gibt Ratschläge, auf welche Siegel Verbraucher sich verlassen können. 

Milchviehbetrieb in Dietmannsried-Überbach im Landkreis Oberallgäu steht massiv in der Kritik.

Standards von EU-Biosiegel sind zu lasch

Wie die SWR-Doku aufzeigt, gibt es zwischen dem EU-Biosiegel und konventioneller Tierhaltung kaum Unterschiede. Beispielsweise hat ein Bio-Rind statt der drei Quadratmeter fünf Quadratmeter Platz, ein Bio-Schwein statt einem Quadratmeter 1,3 Quadratmeter. Bei den Bio-Hühnern teilen sich 10 statt 25 Tiere einen Quadratmeter. Rechnet man das hoch, so sind laut EU-Öko-Verordnung bis zu 4800 Hühner pro Stall erlaubt. Reiht man mehrere Ställe aneinander, kommt man schnell auf über 10.000 Tiere. Auch das ist erlaubt. Eigentlich steht einem Huhn ein Auslauf von vier Quadratmetern zur Verfügung, die Tiere bleiben aber lieber im Stall - aus Angst vor Raubtieren. Die Ställe gleichen dann denen der konventionellen Landwirtschaft. Eine Schwachstelle in der EU-Öko-Verordnung.

Verdeckte Aufnahmen in EU-Bio-Betrieben zeigen das Ausmaß dieser Schwachstelle: Puten mit offenen Kopfverletzungen, die sich gegenseitig blutig picken, verletzte Bio-Schweine mit entzündeten Wunden und teilweise schweren Erkrankungen, Ställe in denen nie ausgemistet wird. Das Videomaterial stammt aus zertifizierten EU-Bio-Betrieben - von "Trittbrettfahrern der Ökowelle", wie der "SWR" die Betreiber bezeichnet. Studien haben ergeben, dass die Tiere in EU-Biobetrieben zwar ein wenig mehr Platz haben, aber kaum gesünder als in konventionellen Ställen sind. Solche Betriebe, die nur die Mindeststandards erfüllen, schaden der ganzen Bio-Branche. Das Image der alten Bio-Höfe wird hergenommen, um Massen-Bio für die Discounter zu produzieren, damit der Verbraucher mit einem vermeintlich guten Gewissen nach dem Bio-Produkt greift. 

Besser zu Bioland, Demeter oder Naturland greifen

Wie kann man sich also von Bio-Mindeststandards abheben, so dass sich auch Verbraucher auf das Biosiegel verlassen können? Verbände wie Bioland, Demeter und Naturland haben ihre eigenen Siegel mit besonders strengen Regeln. Aber kann man denen wirklich vertrauen? Ja, sagen Experten, die die Standards kennen, denn die liegen weit über denen des EU-Biosiegels. So sind bei den Verbands-Label weniger Tiere pro Betriebsfläche erlaubt, das Enthornen von Rindern ist routinemäßig nicht erlaubt, bei Demeter sogar ganz verboten - und es gibt Kontrollen über die EU-Standards hinaus.

Was viele nicht wissen: EU-Bio-Betriebe dürfen gleichzeitig auch konventionell wirtschaften, bei den Verbänden ist das verboten, zudem muss das Futter aus 100 Prozent ökologischer Landwirtschaft stammen.

Dass die Schlachtung bei Tieren, die mit dem EU-Biosiegel zertifiziert sind, anders sei als im konventionellen Betrieb, ist auch eine Mär. Die Verordnung schreibt nur vor: "Ein Leiden der Tiere ist ... bei der Schlachtung so gering wie möglich zu halten." Trotzdem dürfen Tiere bis zu acht Stunden transportiert werden, genauso lang wie in der konventionellen Tierhaltung. Bei den Verbänden sind es vier Stunden.

Es gilt also: Wer auf Fleisch nicht verzichten möchte, der sollte zumindest darauf achten, dass das Produkt im Idealfall mit einem Verbands-Siegel versehen ist. Aufs EU-Biosiegel kann man sich nicht immer verlassen.

Hier können Sie die ganze Dokumentation in der Mediathek sehen 

Themen in diesem Artikel