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16. November 2008, 08:18 Uhr

G-20-Runde läutet Wandel ein

George W. Bush spricht von einem "historischen Treffen". Die Erklärung des Weltfinanzgipfels enthält viel Grundsätzliches - auch eine stärke Kontrolle der Hedgefonds. Doch Kritiker bemängeln fehlende Konjunkturprogramme. Von Katja Gloger, Washington

Finanzkrise, Finanzgipfel, G20, Angela Merkel, Rezession

Gastgeber George W. Bush beim Weltfinanzgipfel© Ron Sachs/DPA

Und dann muss er sich wohl gedacht haben, dass Angriff doch die beste Verteidigung ist. Neulich, vor vier Wochen auf dem Landsitz in Camp David, da wollte sich Präsident Bush von seinem französischen Ami und momentanen EU-Präsidenten Nicholas Sarkozy offenbar nicht weiter bedrängen lassen. Denn der hatte in seiner gewohnt forschen Art im Namen der Europäer einen Gipfel zur Reform des Weltfinanzsystems gefordert. Eine kleine Runde, hatte er vorgeschlagen, einige der wichtigen Industriestaaten, natürlich auch Frankreich darunter, vielleicht in New York? Dort, wo die globale Finanzkatastrophe ihren Ausgang nahm.

Doch da sagte Bush "No". Wenn schon, denn schon: Dann würde der Gipfel eben in Washington stattfinden. Und zwar unter seinem Vorsitz, bei ihm zu Hause, im White House. So könnte er versuchen, das "blame game" zu kontrollieren, all die peinlichen Schuldzuweisungen, die den USA die alleinige Verantwortung an dieser Weltenkrise geben. Vor allem aber: Er, der angeblich so unilaterale Präsident, würde den Rahmen auf die G-20 erweitern, auf die Gruppe der 20 großen Weltökonomien.

Retten, was noch zu retten ist

Zum ersten Mal in der Geschichte würden damit wichtige Schwellenländer wie Indien, Brasilien und China mit an einem Tisch sitzen. Vor allem China, dessen Wohlwollen sich die USA erhalten wollen - schließlich ist China der größte Gläubiger der USA. Und dazu die internationalen Finanzorganisationen, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds IMF. Ein wahrer Weltengipfel, kein Club der Besserwisser mehr. Und vielleicht käme für ihn sogar eine wohlwollende Fußnote im Geschichtsbuch bei rum - denn sonst, das weiß George W. Bush ja, wird man lange, lange Zeit nichts Gutes über ihn schreiben.

Und so erhielten erstaunte europäische Botschafter in Washington Ende Oktober Anrufe aus dem Weißen Haus, in denen tatsächlich von einer neuen Architektur für das Weltfinanzsystem die Rede war. So proaktiv, so initiativ hatte man Bush lange nicht mehr erlebt - und schon gar nicht so kooperativ. Als ob er retten wolle, was noch zu retten ist.

Als am Freitagabend um Punkt 17.55 Uhr die ersten Delegationen vor dem East Wing des Weißen Hauses vorfuhren, um sich am ovalen Mahagonitisch des "State Dining Room" zum Arbeitsessen einzufinden, da mochten zunächst nur Gutwillige an den Beginn eines historischen Prozesses glauben. Nebel, Nieselregen, Dunkelheit. Immerhin war der Präsident gut gelaunt, er umarmte Silvio Berlusconi, küsste den saudischen Koenig, tätschelte Angela Merkel den Rücken, zwinkerte den anwesenden Reportern zu.

Warum Steinbrück als letzter eintraf

Die Bundeskanzlerin kam als Nummer 11 der insgesamt 26 Delegationen, schwarzes Samtjäckchen, schicke Wildlederstiefeletten, ganz elegantes Business. Beim Aperitif plauderte sie mit dem saudischen Koenig Abdullah al Saud und dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao, natürlich fehlerfrei und eloquent auf Englisch. Zunächst blieb sie ohne ihren Finanzminister, Peer Steinbrück hatte sich verspätet, ein Unfall in der Wagenkolonne, er huschte als Vorletzter über den Roten Teppich. "Ist Ihnen etwas passiert?", fragte ihn Bush fürsorglich, und da schien sogar der harte Steinbrück einen Moment lang gerührt.

Auch die Deutschen hatten auf diesen Weltfinanzgipfel gedrängt, sie wollten eine Diskussion über Ursachen, über Kontrollen und ihr lang ersehntes Regelwerk der globalen Finanzwirtschaft, wollten die Chancen nutzen, die angeblich in jeder noch so großen Katastrophe liegen. Denn sonst, so befürchtete man, würden sich vor allem die USA und Großbritannien, bislang die größten Profiteure des ungezügelten Cowboy-Kapitalismus, mal wieder davonstehlen können.

Dann würde man vielleicht über globale Konjunkturprogramme und Finanzspritzen für notleidende Banken diskutieren, aber nicht mehr über Ursachen, Kontrollen, Transparenz. Schließlich hatte wie der britische Premier Brown noch am Freitag stolz erklärt, wie hilfreich Finanzhilfen an die Banken seien. Kein Wunder, denn in Londons City wurde mit internationalen Finanzdienstleistungen aller Art bislang bis zu 25 Prozent des britischen Bruttosozialproduktes erwirtschaftet.

Lammkarree an Thymian

Dann quetschten sich 26 Staatenlenker, Präsidenten, Premiers an den langen Mahagoni-Tisch, speiste Wachtel und Lammkarree an Thymian und Pfirsichtorte mit Heidelbeeren, und manchmal schien es, als habe man sich zu einem globalen Familientreffen versammelt.

In Wahrheit ging es darum, den Wall-Street-Kapitalismus in seine Schranken zu weisen zu begrenzen. Mochte George W. Bush noch so sehr auf freien Märkten bestehen, mochte er in seiner Willkommensansprache am Freitag noch so sehr warnen vor "Protektionismus, Kollektivismus und Defätismus" - von nun an soll sich auch Amerikas Finanzwirtschaft einem kollektiven Kontrollsystem unterwerfen. Optimisten sprechen gar schon von einer neuen globalen Finanzarchitektur.

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