Mit kleinen Mitteln Großes tun: Das war vor mehr als hundert Jahren die Idee des Allgäuer "Wasserdoktors" Sebastian Kneipp. Er verordnete kalte Güsse und warme Waschungen.

Rein aus der Leitung oder gemischt mit Lehmpulver (hier als Beinwickel): Wasser dient als Medium für Hitze oder Kälte. Über das Nervensystem können die Temperaturreize auf den gesamten Organismus wirken© Stephan Elleringmann
Sein Lehrmeister trug ein schwarzes Priestergewand, hatte weißes Haar und blickt auf Fotografien immer etwas streng drein. Er trägt ein weißes T-Shirt, Trainingshose und Turnschuhe, hat braune Haare und schaut überaus freundlich in die Welt. Trotzdem macht Joachim Bohmhammel dem Vermächtnis von Pfarrer Sebastian Kneipp alle Ehre. Im Sebastianeum, einer Kurklinik in Bad Wörishofen, arbeitet der Leiter der Physikalischen Abteilung in denselben Räumen und nach denselben Prinzipien wie Kneipp vor 113 Jahren: Er lässt warmes und kaltes Wasser aus einem Schlauch über Knie, Schenkel und Brustkörbe von Migräne- und Bronchitiskranken fließen. Er lockert in einer gigantischen Badewanne mittels Unterwassermassagen die verspannte Rückenmuskulatur von Kreuzgeplagten. Er verabreicht Fuß- und Armbäder bei Patienten mit zu hohem Blutdruck, Ohrenpfeifen oder Schlafstörungen.
Joachim Bohmhammel ist Experte für die Behandlung mit Wasser, für die so genannte Hydrotherapie (griechisch hydros = Wasser) - das wichtigste Teilgebiet der Kneippschen Heilkunde, die ansonsten auf klassische Kräuterbehandlungen, vollwertige Ernährung, ausreichende Bewegung und eine "Ordnungstherapie" setzt. Im Sebastianeum bekommen täglich 200 Kurgäste rund 800 so genannte Anwendungen: Güsse und Wickel, Waschungen und Bäder, feuchtwarme Heublumensäcke und Anweisungen zum Wassertreten. Sie lernen, dass "ein kaltes Armbad am Nachmittag die Tasse Kaffee als Wachmacher ersetzt". Und dass der Heublumensack, der hier noch von Schwester Cäcilia handgenäht und den Patienten morgens um fünf ins Bett gesteckt wird, auch "das Morphium in der Kneipptherapie" heißt, wegen der beruhigenden und schmerzlindernden Wirkung.
Wer nach Bad Wörishofen im Allgäu oder in einen der 66 anderen deutschen Kneippkurorte kommt, hofft auf Kräftigung der Gesundheit oder Linderung der Leiden durch Leitungswasser, sei es per Gesichtsguss oder Vollbad. Mit seinen nassen Kuriermethoden machte Sebastian Kneipp Ende des 19. Jahrhunderts aus dem kleinen Bauerndorf Wörishofen ein florierendes Kurbad, in das Prinzen, Kardinäle und Erzherzöge reisten, um zu gesunden.
Sein erstes Aha-Erlebnis mit Wasser hatte Kneipp schon als junger Hütebub, sagt die Überlieferung. Demnach beobachtete er eine Kuh, die ihren kranken Fuß ins Wasser tauchte und danach wieder besser laufen konnte. Zum überzeugten Verfechter der Hydrotherapie wurde er aber erst nach einem verzweifelten Selbstversuch: Als 24-jähriger war Kneipp an Lungentuberkulose erkrankt und hustete Blut. Dem Todgeweihten fiel ein Buch des schlesischen Arztes Johann Siegmund Hahn in die Hände, über die "Kraft und Wirkung des frischen Wassers". Daraufhin wanderte der junge Theologiestudent im November 1849 von Dillingen aus eine Dreiviertelstunde zur Donau, sprang nackt hinein, zog sich wieder an und marschierte zurück - zwei- bis dreimal pro Woche. Tatsächlich wurde er gesund.
Nach der Flussheilung therapierte Kneipp sich weiter mit Güssen aus der Gießkanne und Halbbädern in der Waschküche und kurierte später sogar einen Kommilitonen. Danach, versetzt in das Dominikanerinnen-Kloster Wöris- hofen, behandelte der Pfarrer nahezu alles und jeden mit Wasser: unfruchtbare Frauen, Menschen, die unter nervösem Herzklopfen, Schwindel, Schlaflosigkeit und Blasenkrämpfen litten. Aus dem Gottesmann war ohne Medizinstudium ein Heiler geworden, mit dem Spitznamen "Wasserdoktor". Seine Instrumente waren denkbar einfach: Eimer, Schöpfkelle und Gießkanne. Er machte es populär, morgens barfuß über taunasse Wiesen zu laufen oder im Storchengang mit geschürzten Rocksäumen durch Bäche zu stapfen - Verweichlichung war out, Abhärtung durch kaltes Wasser in.
Kneipp schrieb Bestseller ("Meine Wasserkur", "So sollt ihr leben"), ließ vornehmlich aus Spendengeldern in Wörishofen Kurhäuser bauen, in denen er gemeinsam mit Ärzten Kranke behandelte. Er therapierte den völlig abgemagerten Papst Leo XIII. und wurde von der "Washington Post" Ende des 19. Jahrhunderts zur drittberühmtesten Person der Welt gekürt - nach dem amerikanischen Präsidenten und Fürst Bismarck. Bereits 1893 pilgerten mehr als 33 000 Kurgäste nach Wörishofen.
Kneipp hatte Erfolg, ohne genau erklären zu können, warum. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod begannen Forscher zu verstehen, über welche Mechanismen die Methoden des bayerischen Pfarrers auf den Körper wirken. Inzwischen weiß man:
- Wasser dient als Medium, das Wärme- und Kältereize auf die Haut bringt. Die Auswirkungen auf den Körper hängen davon ab, an welchen Stellen, wie lange, wie warm oder kalt, wie regelmäßig und auch wann die Anwendungen durchgeführt werden. So hat etwa Kneipps Regel "Nie kaltes Wasser auf kalte Haut, sondern den Körper vorher erwärmen" (zum Beispiel im weichen Bett, durch schweißtreibendes Holzhacken oder warmes Wasser) durchaus ihren Sinn. Denn wenn die Ausgangstemperatur des Körpers relativ hoch ist, wird der Kältereiz als weniger unangenehm empfunden.
- Damit der Mensch Wärme- und Kältereize wahrnehmen kann, verfügt seine Haut über so genannte Thermorezeptoren - wobei es durchschnittlich etwa sechsmal so viele für Kälte gibt wie für Wärme. Die Rezeptoren leiten Signale über verschiedene Nervenbahnen zum Rückenmark, von dort aus werden sie zum Gehirn weitergeschaltet, sodass wir den Reiz überhaupt merken. Reaktionen auf die Reize können nahezu im ganzen Körper auftreten - ausgehend vom Gehirn oder von den Nervenzellen des Rückenmarks. Vor allem das vegetative Nervensystem, das auf innere Organe und Blutgefäße wirkt, wird von den Kneippanwendungen beeinflusst.
Die klassische Kneippkur Wasseranwendungen sind die wichtigste und bekannteste Form der Therapie nach Sebastian Kneipp. Eine umfassende Behandlung beruht jedoch auf "fünf Säulen". Neben den 120 Varianten der Hydrotherapie zählen dazu:
- Die Kneippsche "Ernährungstherapie": vollwertige Kost mit wenig Fett und Zucker, dafür reichlich Obst und Gemüse, Getreide und Kartoffeln, Milch und Milchprodukte. Auf Kaffee, Alkohol und Zigaretten soll verzichtet werden.
- Die "Bewegungstherapie": Sie baut vor allem auf Ausdauersportarten wie Wandern, Radfahren oder Schwimmen und Gymnastik.
- Die Kneippsche "Phytotherapie": die Mittel der klassischen Pflanzenheilkunde werden als Badezusätze, Tees, Säfte oder Tabletten eingesetzt - zum Beispiel Sennesblätter gegen Verstopfung, Weißdorn bei beginnender Herzmuskelschwäche, Baldrian zur Beruhigung und Johanniskraut bei leichten Depressionen.
- Die "Ordnungstherapie": Sie soll helfen, Stress und psychische Probleme abzubauen, da diese Krankheiten auslösen oder verstärken können. Die Methoden zum "Ordnen" des Lebens: eine Regulierung des Tagesablaufs, Entspannungstechniken wie Yoga oder autogenes Training, psychologische Gespräche, in denen Schwierigkeiten in Familie und Beruf thematisiert und Lösungsmöglichkeiten erarbeitet werden.