Auch diese Frage steht bei einigen Berichten aus der Katastrophenregion bereits zwischen den Zeilen. Natürlich bestreitet niemand, welches entsetzliche Elend sich über Haiti gelegt hat. Aber war es nicht immer schon "das Armenhaus" der Karibik, ja der gesamten westlichen Hemisphäre? Natürlich haben die Menschen Durst und Hunger. Aber müssen sie sich so um ein bisschen Wasser oder Nahrung reißen? Müssen sie plündern und sich gegenseitig mit der Waffe bedrohen? War dieses Haiti mit Drogen, Aids und Voodoo, mit monströsen Diktatoren und endlosen Bandenkämpfen nicht immer schon ein Ort, um den man besser einen weiten Bogen machte?
Melvin Lerner und Mitarbeiter begründeten nach ihren Beobachtungen vor über vierzig Jahren die Theorie vom Glauben an eine gerechte Welt. Manches ist bis heute unscharf, im Kern aber haben viele Experimente und Erfahrungen bestätigt, was die Pioniere damals formulierten: Wir haben tief in uns den Wunsch, in einer Welt zu leben, in der es gerecht zugeht. In einer Welt, in der Menschen bekommen, was sie verdienen. Natürlich würde es niemandem im Traum einfallen, offen zu sagen: Haiti hat bekommen, was es verdient hat. Halt, einen gab es doch: Pat Robertson, ein amerikanischer Fernsehprediger der ersten Stunde mit der Gewissheit, Gott auf seiner Seite zu haben, scheute sich nicht, Haiti "verflucht" zu nennen. Denn seine Bevölkerung habe schon vor zweihundert Jahren einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
Aus Respekt vor den Opfern soll dieser Gedanke hier nicht weiter verfolgt werden. Aber vergessen sollten wir ihn nicht. Es könnte sein, dass er - vielleicht in modernerem Gewand - auch irgendwann durch unser eigenes Gehirn geistert, wenn wir die schrecklichen Bilder aus Port-au-Prince und all den nicht minder betroffenen Orten, deren Namen wir uns schon jetzt nicht einmal zu merken versuchen, schlicht nicht mehr ertragen können oder wollen. Wie nah uns das Leiden der Haitianer wirklich gegangen ist, wissen wir nicht nach einer Spendengala für die Region, sondern vielleicht erst in einem Jahr.