14. April 2008, 12:06 Uhr

Freier Wille - eine Illusion?

Schon Sekunden vor einer bewussten Entscheidung sind im Gehirn erste Anzeichen dieser Absicht abzulesen. Dieses Ergebnis einer internationalen Forschergruppe wirft die Frage auf, ob es den freien Willen wirklich gibt. Sind die Würfel schon gefallen, bevor wir uns entscheiden? Von Nicole Simon

Mithilfe der Kernspintomographie untersuchten die Forscher, wann sich Entscheidungen im Gehirn anbahnen©

Ist der Mensch eine Marionette seiner Gehirnchemie? Kann man von einem freien Willen sprechen, wenn die Absicht, etwas zu tun, im Gehirn schon feststeht, bevor wir bewusst eine Entscheidung treffen? Genau das zeigte jetzt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Eine Forschergruppe um John-Dylan Haynes hat mithilfe der Kernspintomographie (MRT) Gehirnaktivitäten untersucht, die einer bewussten Entscheidung vorausgehen. So konnten die Forscher voraussagen, welche Wahl ein Proband treffen würde, Sekunden bevor er bewusst entschieden hatte. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachblattes "Nature Neuroscience" publiziert.

Sauerstoffverbrauch liefert Hinweise

Bei dem Experiment sollten sich 14 Testpersonen frei entscheiden, einen Knopf mit der linken Hand oder einen anderen Knopf mit der rechten Hand zu drücken. Dabei war es ihnen überlassen, wie lange sie sich mit der Entscheidung Zeit ließen. Während der Entscheidungsfindung spielten die Wissenschaftler eine Buchstabenfolge vor den Augen der Probanden ab. Auf diese Weise konnten sie angeben, wann, also bei welchem Buchstaben, die Testpersonen ihre Wahl trafen. Mithilfe des Kernspintomographen beobachteten die Forscher gleichzeitig, wie viel Sauerstoff einzelne Bereiche des Gehirns verbrauchten - denn dort, wo das Gehirn aktiv ist, steigt der Sauerstoffverbrauch. Anschließend erstellten die Wissenschaftler mittels einer Software aus diesen Daten räumliche Aktivierungsmuster im Gehirn, die Rückschlüsse auf die spätere Handlung lieferten.

Das Ergebnis war verblüffend: Im Durchschnitt berichteten die Studienteilnehmer, dass sie die Entscheidung, welche Hand sie benutzten und welchen Knopf sie betätigten, innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken gefällt hätten. Doch schon mindestens sieben Sekunden vor der bewussten Entscheidung konnten die Wissenschaftler vorhersagen, mit welcher Hand der Proband den Knopf drücken würde. Wie die Entscheidung ausfallen würde, schlossen die Forscher aus der Aktivität im frontopolaren Cortex - einer Region im vorderen Hirnbereich - und etwas zeitversetzt auch in einer Region im Scheitellappens. "Es scheint, als würde die unbewusste Entscheidung im Gehirn vorbereitet und dann eine Zeit lang dort vor sich hinschlummern, bevor sie den Weg ins Bewusstsein findet", sagt Haynes im Gespräch mit stern.de .

Trefferquote lag bei 60 Prozent

Auch wenn die Wissenschaftler nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen konnten, welche Wahl die Testpersonen treffen würden, so lag die Trefferquote mit 60 Prozent deutlich über dem Zufall. Für die Wissenschaftler ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Entscheidung zwar schon zu einem gewissen Grad unbewusst anbahnte, aber noch nicht endgültig gefallen war. Nach der Einleitung des Entscheidungsprozesses werden die Informationen über Art und Handlungszeitpunkt der Tätigkeit dann in andere Hirnbereiche übermittelt.

Einen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens sehen die Forscher darin nicht. "Nach unseren Erkenntnissen werden Entscheidungen im Gehirn zwar unbewusst vorbereitet. Wir wissen aber noch nicht, wo sie endgültig getroffen werden. Vor allem wissen wir noch nicht, ob man sich entgegen einer angebahnten Entscheidung des Gehirns auch anders entscheiden kann", sagt Haynes. "Wenn das Gehirn allerdings fast zehn Sekunden lang die Vorbereitungen für eine Entscheidung trifft, bleibt nicht mehr viel Spielraum für den freien Willen." Er persönlich halte den freien Willen daher eher für unplausibel, so Haynes.

Allerdings ließen sich Gehirn und Wille letztlich nicht voneinander trennen: Das Gehirn werde durch frühe Wünsche und Vorstellungen geformt. "Selbst wenn diese Prozesse unbewusst vorbereitet werden, ist die letztendliche Entscheidung für jeden Menschen einzigartig", sagt Haynes.

Zweifel am freien Willen gibt es schon länger

Wollen wir, was wir tun oder tun wir, was wir wollen? Skepsis gegenüber dem freien Willen gibt es schon lange. Inzwischen mehren sich jedoch auch wissenschaftliche Befunde, die den freien Willen ins Wanken bringen. Sie kommen aus den Labors der Hirnforschung. Schon vor mehr als 20 Jahren startete der Neuropsychologe Benjamin Libet von der Universität von Kalifornien in San Diego eine Serie von Experimenten, die die herkömmliche Vorstellung von Wille und Handlung auf den Kopf stellten. Libet maß in einem ähnlichen Versuch ein Gehirnsignal - das sogenannte "Bereitschaftspotential" - das einer bewussten Entscheidung um einige hundert Millisekunden vorausging.

Libets Experimente lösten anschließend eine heftige Debatte um die Willensfreiheit aus. Intuitiv geht der Mensch davon aus, dass er bevor er handelt, er sich bewusst entscheidet - eine Wahl nach seinen Wünschen und Vorstellungen trifft. Wenn nun aber Entscheidungsprozesse unbewusst ablaufen, wäre der freie Wille eine Illusion - das Gehirn entschiede. Es gab allerdings auch Wissenschaftler, die eine solche Aussagekraft der Daten bezweifelten, vor allem wegen der kurzen Zeitspanne zwischen dem Signal im Gehirn und der bewussten Entscheidung.

Da Haynes und seine Kollegen die Vorbereitung der Entscheidung über lange Zeiträume und mithilfe einer anderen Technik beobachteten, glauben sie, die Zweifel an Libets Experimenten nun aus dem Weg geräumt zu haben.

 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
freethinker108 (15.04.2008, 13:55 Uhr)
Nicht doch etwas überinterpretiert?!?
Ein paaar kleine Schritte zur Entschlüsselung von Vorgängen im Gehirn beim Fällen von Entscheidungen, aber noch kein großer Wurf für die Wissenschaft! Und erst kein überzeugendes Argument gegen den "freien Willen"!
60 % Vorhersagbarkeit ist zwar eine Trefferquote, die etwas über dem Durchschnitt liegt. Das allein sagt aber noch GARNICHTS aus. Erst ab 75 % kann man m. E. anfangen die Tests ernstzunehmen, zumal 14 Testpersonen keine wirklich große Stichprobe sind und diese nicht frei handelten, sondern während des Versuchs mit Sinneseindrücken berieselt wurden. Ich wundere ich mich sehr über die "wissenschaftlichen" Schlussfolgerungen, die Mutmaßungen allein deswegen anstellen, weil sie keine Lust oder keine Phantasie haben nach anderen Gründen Ausschau zu halten als den (vermeintlichen?) "freien Willen". Vielleicht sollte man sich eher mit der Intuition der Beobachter (bzw. einer beobachtenden Maschine) oder der Fähigkeit des Raumes beschäftigen, Informationen hervorzubringen oder zu transportieren? Allein die praktische Gleichsetzung von "freiem Willen" mit dem Fällen von Entscheidungen gleichzusetzen (eine Entscheidung ist eine angenommene FOLGE des Willens, die der Einschränkung sehr vieler mitbestimmender Bedingungen unterliegt) ist ausgesprochen unscharf. Da hat eine wissenschaftliche Institution "Entdeckung" mit einem herbeiinterprtiertem Ergebnis gleichgesetzt - schade! Daraus auch noch eine PR-Nummer zu machen, ist doch sehr übertrieben.
Ringt das besagte Leipziger Institut etwa um die Zuteilung von knappen Forschungsgeldern?
Varon (15.04.2008, 02:33 Uhr)
Damit hätte keiner gerechnet
Ich hätte gar nicht auf den Knopf gedrückt! Und das hätte bestimmt keiner voraus sagen können... So viel zu meinem Freien Willen.
Und selbst jetzt wo ich das schreibe muss ich sagen: Vielleicht hätte ich sogar beide gleichzeitig gedrückt.
Datenaktuell (14.04.2008, 20:02 Uhr)
Quantenphysik II
Es ist voreilig einfach die Quantenphysik ins menschliche Hirn zu plazieren. Aber Bewußtsein bzw. bewußtes Beobachten ist ein physikalisch wirksamer Prozess für Objekte und Vorgänge, welche nicht der Dekohärenz unterlagen.
Dieser Zusammenhang wird bei der Hirnforschung aber nicht berücksichtigt. Unser Bewußtsein ist zudem Beobachter der einzelnen Zellen, ohne selbst in einer Nervenzelle physikalische plaziert zu sein.
Quantenvorgänge sind zudem nicht an Ursache-Wirkung gekoppelt und dies ist bei Messungen auch zu berücksichtigen.
Die Hirnforschung ist zwar hoch entwickelt, aber sie berücksichtigt nicht die moderene Physik.
Daher sind Ausagen zum 'freien Willen' gar nicht möglich.
H.P. (14.04.2008, 19:30 Uhr)
Quantenphysik
Kennen wir einmal die Bewegungsgesetze, so können wir die Zukunft eines sich bewegenden Objektes voraussagen, wenn uns bestimmte Bedingungen des Anfangszustandes bekannt sind. Wenn das Universum nur eine große Maschine wäre -, dann wäre von dem Augenblick an, da das Universum erschaffen und in Bewegung gesetzt wurde, alles was darin geschieht bereits vorbestimmt. Nach dieser Philosophie sind der freie Wille des Menschen und seine Fähigkeiten, den Verlauf von Ereignissen in seinem Leben zu beeinflussen, illusionäre Vorstellungen. Quellentext: Die tanzenden Wu Li Meister, von Gary Zukav (Autor)
Die alte mechanistische Naturwissenschaft funktioniert in unserem Alltag mit großer Genauigkeit – welche Bedeutung soll dann eigentlich die Quantenphysik mit all diesen beschriebenen Erkenntnissen für unsere konkrete Lebenswelt haben?
Sie hat eine Bedeutung, wenn wir in unsere Alltagserfahrungen auch einbeziehen, was wir lebendig nennen. Die alte mechanistische Physik beschreibt nämlich zunächst die Realität der Dinge mit den bekannten Naturgesetzen, wobei kein Unterschied zwischen belebt und unbelebt gemacht wird. Wenn Sie einen Apfel fallen lassen, folgt er dem Gesetz der Schwerkraft und fällt zu Boden. Die Welt der Dinge ist die Welt der stabilen Systeme und damit voll determiniert, also vorherbestimmt. Mechanistisch bedeutet voll determiniert. Aber für lebendige Systeme reicht diese mechanistische Beschreibung nicht aus. Lebendige Wesen wie etwa der Mensch sind im Grunde instabile Systeme. Ihre scheinbare Stabilität erhalten sie durch ein dynamisches Ausbalancieren, das ständige Energiezufuhr benötigt.
Physiker Hans-Peter Dürr
Eisenbaer (14.04.2008, 19:06 Uhr)
Ähm...
...verstehe ich das richtig: meint der Artikelschreiber, diese Wissenschaftler würden zum Ausdruck bringen wollen, dass man um einen richtigen "Freien Willen" haben zu können, das Gehirn von dem Willen trennen müsste? - Könnte es nicht eher so sein, dass der Autor da etwas missverstanden oder durcheinander gebracht hat? Ist es nicht eher so, dass eine mehr oder minder unbewusste Entscheidung, basierend auf Vorurteilen bereits im Gehirn (Hirnstamm) vorformuliert wird, und erst im Großhirn, ggf. dort ergänzt, zu einer Entscheidung gebracht wird? Das würde auch die fehlenden 40% erklären, mit denen die Forscher "falsch" lagen.
Dewerth (14.04.2008, 19:01 Uhr)
Mein Gehirn sagte mir,,,,
...dass ich jetzt einen Kommentar zu diesem Artikel schreiben soll. Aber mein Bauch sagte: Nein!
Alex64 (14.04.2008, 18:08 Uhr)
So ein Blödsinn
Was hat das Ganze mit einem "Beweis" der Existenz/Nichtexistenz des "freien Willens" zu tun?
Mein Gehirn entscheidet also bereits unbewusst, wie ich mich kurze Zeit später - bewusst - entscheiden werde.
Ist mein Gehirn nicht Träger meiner Entscheidung? Und ist es letztlich nicht egal, ob ich mich unbewusst (aus dem Bauch heraus?) oder bewusst für etwas entscheide - solange ICH mich entscheide?
Und , lieber malt, entscheiden werde ich mich IMMER aufgrund mir zugänglicher Informationen - letztlich liegt es doch wieder an MIR SELBST, ob ich mich dafür entscheide, mich einseitig zu informieren oder eben umfassend. Womit wir wieder beim freien Willen wären ...
dossene (14.04.2008, 16:45 Uhr)
Möchtegern-Philosophen und Wichtigtuer
Hirnforscher weisen unter allen Wissenschaftlern eine ganz besondere Art von Borniertheit auf. Offenbar stets in der Besorgnis nicht ganz ernst genommen zu werden, verbreiten sie ihre Erkenntnisse mit großem philosophischen Gehabe. Es sei ihnen nachgesehen: Schließlich haben sie ja keinen freien Willen und sind nur Marionetten, in deren Gehirn von Anfang an festgelegt war, dass sie einmal Hirnforscher werden würden ... .
Zuechter (14.04.2008, 14:57 Uhr)
was ist noch alles Illusion?
und - wer sagt denn, dass unsere unbewussten Entscheidungen nicht frei sind? Sie sind halt nur unbewusst.
sophisticated (14.04.2008, 14:51 Uhr)
http://de.wikipedia.org/wiki/Matrix_(Film)
„Ich will dir sagen, wieso du hier bist, Neo. Du bist hier, weil du etwas weißt. Etwas, das du nicht erklären kannst. Aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat dich zu mir geführt.“
Nun steht Neo vor der entscheidenden Wahl: Ist er dazu bereit, zu erfahren, was genau die Matrix ist, oder zieht er es vor, sein Leben als Thomas A. Anderson fortzusetzen? ...
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