Seit dem Tsunami vor fünf Jahren hat uns keine Naturkatastrophe so sehr berührt wie das Erdbeben, das vergangene Woche vielleicht drei Millionen Menschen auf Haiti wenn nicht ums Leben, so doch um ihre Existenz brachte. Wir spenden, gewähren Hilfe. Aber auch Fragen bedrängen uns. Von Frank Ochmann

Das verheerende Erdbeben hat Millionen Haitianer um ihre Existenz gebracht© Gerald Herbert/AP
Jeden Tag, jeden Augenblick können wir derzeit einen Blick in die Hölle werfen, die sich vergangene Woche in Haiti aufgetan hat. Wir sehen zerschmetterte Körper, apathische Gesichter, Menschen die mit aufgerissenen Augen in Kameras starren, kurz darauf die Namen ihrer Frauen, Männer oder Kinder in Schuttberge hineinrufen und schließlich nur noch erschöpft zusammenbrechen. Selbst zum Weinen fehlt vielen die Kraft.
Katastrophen wie das Erdbeben von Haiti vergangene Woche erschüttern nicht nur den Ort des Geschehens. In medialen Wellen ergreifen zumindest solche weit über alles Gewohnte hinausgehenden Desaster inzwischen den gesamten Globus. Keiner, der Zugang zu Fernsehen und Internet hat, kann sich entziehen. Es krampft sich bei jedem neuen Bericht aus dem Katastrophenbericht der Magen zusammen, und unser Verstand versucht zu begreifen, was geschehen ist und welches unsägliche Elend dort Tage nach den Erdstößen herrscht.
Und dann, irgendwann bei den Gesprächen zuhause oder bei der Arbeit, kommt vermutlich die Frage, warum das geschehen musste. So oder so ähnlich. Kann es sein, dass vielleicht zweihunderttausend Menschen, vielleicht mehr, in Minuten ausgelöscht werden? Nur deshalb, weil sie gerade da waren, wo sie waren? Wir spüren tiefstes Unbehagen bei diesem Gedanken. Natürlich legt sich der Verstand quer und argumentiert mit der Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe, mit Plattentektonik und besonders gefährdeten Zonen. Doch die Frage nach dem Warum bringt das nicht zum Verstummen.
Wer die Kommentare und Berichte aus der Region verfolgt, hört diese Frage gelegentlich durchklingen. Wir ertragen es nicht, Spielball des Zufalls zu sein. Wenn wir aber keinem blinden Schicksal ausgeliefert sind, wieso dann die Haitianer? Immer weiter geht der innere und manchmal vielleicht auch äußere Dialog, um diesem bohrenden Gefühl zu begegnen, dass ja vielleicht doch alles irgendwie am Ende einen Sinn hat. Oder wenn schon keinen Sinn, dann wenigstens einen Grund. Gründe zu suchen, ist eine der Lieblingsbeschäftigungen des menschlichen Gehirns - Gründe und Verantwortliche.
In den 1960er Jahren interessierte sich der amerikanische Sozialpsychologe Melvin Lerner für die Frage, wie wir als Beobachtende, vielleicht auch Helfer, mit Opfern umgehen. Mit "unschuldigen Opfern" zumal. Dieser Begriff ist auch dieser Tage wieder oft zu hören. Lerner stellte fest, dass die Bereitschaft Hilfe zu leisten, mit der angenommenen oder auch erwiesenen "Unschuld" eines Menschen stieg. Das deckt sich vermutlich mit unserem eigenen Empfinden: Hat das Schicksal einem übel mitgespielt, "der nichts dafür kann", möchten wir gern helfen und den Schaden so schnell und so gut wie möglich reparieren. Im besten Fall ist dann alles wieder wie zuvor. Wären wir selbst über solche Hilfe in einer ähnlichen Lage nicht auch froh?
Die Reaktion ändert sich, fanden Lerner und dann auch etliche Kollegen in ähnlichen Szenarios heraus, wenn wir es mit denselben Opfern zu tun bekommen, diesmal aber keine Aussicht besteht, dass ihr Leiden schnell gelindert oder gar ganz behoben werden kann. Der Verstand sagt eigentlich, dass Menschen in einer nun ja noch viel schlimmeren Lage auch noch mehr Hilfe benötigen. Tatsächlich fiel die Reaktion anders aus: Die potenziellen Helfer begannen, den Charakter der Opfer in Frage zu stellen. Gab es hinter der zunächst wie selbstverständlich angenommenen Unschuld nicht doch eine gewisse Verantwortung für das Ausmaß des Elends?
Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geisteswissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.