20. Januar 2010, 17:15 Uhr

Haiti und die gefährliche Frage nach dem Warum

Seit dem Tsunami vor fünf Jahren hat uns keine Naturkatastrophe so sehr berührt wie das Erdbeben, das vergangene Woche vielleicht drei Millionen Menschen auf Haiti wenn nicht ums Leben, so doch um ihre Existenz brachte. Wir spenden, gewähren Hilfe. Aber auch Fragen bedrängen uns. Von Frank Ochmann

 
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Das verheerende Erdbeben hat Millionen Haitianer um ihre Existenz gebracht©

Jeden Tag, jeden Augenblick können wir derzeit einen Blick in die Hölle werfen, die sich vergangene Woche in Haiti aufgetan hat. Wir sehen zerschmetterte Körper, apathische Gesichter, Menschen die mit aufgerissenen Augen in Kameras starren, kurz darauf die Namen ihrer Frauen, Männer oder Kinder in Schuttberge hineinrufen und schließlich nur noch erschöpft zusammenbrechen. Selbst zum Weinen fehlt vielen die Kraft.

Katastrophen wie das Erdbeben von Haiti vergangene Woche erschüttern nicht nur den Ort des Geschehens. In medialen Wellen ergreifen zumindest solche weit über alles Gewohnte hinausgehenden Desaster inzwischen den gesamten Globus. Keiner, der Zugang zu Fernsehen und Internet hat, kann sich entziehen. Es krampft sich bei jedem neuen Bericht aus dem Katastrophenbericht der Magen zusammen, und unser Verstand versucht zu begreifen, was geschehen ist und welches unsägliche Elend dort Tage nach den Erdstößen herrscht.

Und dann, irgendwann bei den Gesprächen zuhause oder bei der Arbeit, kommt vermutlich die Frage, warum das geschehen musste. So oder so ähnlich. Kann es sein, dass vielleicht zweihunderttausend Menschen, vielleicht mehr, in Minuten ausgelöscht werden? Nur deshalb, weil sie gerade da waren, wo sie waren? Wir spüren tiefstes Unbehagen bei diesem Gedanken. Natürlich legt sich der Verstand quer und argumentiert mit der Wahrscheinlichkeit einer Naturkatastrophe, mit Plattentektonik und besonders gefährdeten Zonen. Doch die Frage nach dem Warum bringt das nicht zum Verstummen.

Wir ertragen es nicht, Spielball des Zufalls zu sein

Wer die Kommentare und Berichte aus der Region verfolgt, hört diese Frage gelegentlich durchklingen. Wir ertragen es nicht, Spielball des Zufalls zu sein. Wenn wir aber keinem blinden Schicksal ausgeliefert sind, wieso dann die Haitianer? Immer weiter geht der innere und manchmal vielleicht auch äußere Dialog, um diesem bohrenden Gefühl zu begegnen, dass ja vielleicht doch alles irgendwie am Ende einen Sinn hat. Oder wenn schon keinen Sinn, dann wenigstens einen Grund. Gründe zu suchen, ist eine der Lieblingsbeschäftigungen des menschlichen Gehirns - Gründe und Verantwortliche.

In den 1960er Jahren interessierte sich der amerikanische Sozialpsychologe Melvin Lerner für die Frage, wie wir als Beobachtende, vielleicht auch Helfer, mit Opfern umgehen. Mit "unschuldigen Opfern" zumal. Dieser Begriff ist auch dieser Tage wieder oft zu hören. Lerner stellte fest, dass die Bereitschaft Hilfe zu leisten, mit der angenommenen oder auch erwiesenen "Unschuld" eines Menschen stieg. Das deckt sich vermutlich mit unserem eigenen Empfinden: Hat das Schicksal einem übel mitgespielt, "der nichts dafür kann", möchten wir gern helfen und den Schaden so schnell und so gut wie möglich reparieren. Im besten Fall ist dann alles wieder wie zuvor. Wären wir selbst über solche Hilfe in einer ähnlichen Lage nicht auch froh?

Die Reaktion ändert sich, fanden Lerner und dann auch etliche Kollegen in ähnlichen Szenarios heraus, wenn wir es mit denselben Opfern zu tun bekommen, diesmal aber keine Aussicht besteht, dass ihr Leiden schnell gelindert oder gar ganz behoben werden kann. Der Verstand sagt eigentlich, dass Menschen in einer nun ja noch viel schlimmeren Lage auch noch mehr Hilfe benötigen. Tatsächlich fiel die Reaktion anders aus: Die potenziellen Helfer begannen, den Charakter der Opfer in Frage zu stellen. Gab es hinter der zunächst wie selbstverständlich angenommenen Unschuld nicht doch eine gewisse Verantwortung für das Ausmaß des Elends?

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Anemone (23.01.2010, 10:11 Uhr)
@allesklar ???
Wer nur sehr oberflächlich denkt, sich nicht mit der Warum-Frage beschäftigen möchte, muß wirklich nicht "Kopfwelten" beachten !
Er kann sich bei allem und jedem beschweren - er hat nichts verstanden. Schade!
Ich lese überhaupt noch stern.de wegen der Rubrik "Kopfwelten".
allesklar (23.01.2010, 05:04 Uhr)
Sachlich diskutieren :-)
dann wollen wir mal:

Glauben Sie, Herr Ochmann, wenn ihr Kommentar einem groesseren Publikum das Deutsch versteht bekanntgegeben wird, dass mit all der Tragodie in Haiti - mit all den Aufrufen - ihr Beitrag
( WARUM) da noch Bestand haette?

Ich glaube er ware schon laengst da wo er hingehoert - aber das auszuschreiben ware wirklich - unsachlich.

Ochmann, wie sieht eigentlich Ihr Vertrag mit dem Stern aus!! 6 Monate nach Kuendigung!!??

Ich habe bisher 5 Kommentare von ihnen gelesen - ALLE nicht sehr ueberzeugend!! Und glauben sie mir ich ware der erste der Sie lobt wenn es denn dazu kaeme!
allesklar (22.01.2010, 03:44 Uhr)
Anmerkungen
1. Wie kommt es das es in den Medien der USA nicht solche bewegenden Bilder von Haiti wie im Stern gibt? Unglaublich unter welchen Umstaenden dort Aerzte helfen.
Gute ( traurige !! ) Bilder und gute Aerzte!

2. Herr Ochmann - unter dem Aspekt 1. Bilder aus Haiti - Mal ansehen - klingt Ihre Frage nach dem "Warum" NOCH weltfremder - Mensch mit Ihrer Bibliothek das geht besser - Bitte - spenden Sie Ihr Honorar an Haiti. Anonym ist ok! Wie gesagt Vodoo kann lebenslange zuckungen hervorrufen...

3. @ nichtsfuerungut

Du findest im Internet ALLES auch Theorien das Amerika selbst fuer 911 gesorgt hat - und mehr.... Nicht alles glauben was geschrieben steht!

nichtsfuerungut (21.01.2010, 23:21 Uhr)
mag sein - mag auch nicht sein
aber interessant ist folgender Artikel allemal:
http://www.science-explorer.de/reports/haarpprojekt.htm
Administrator (21.01.2010, 09:16 Uhr)
Liebe User,
Liebe User,
wir haben an dieser Stelle einige Kommentare gelöscht. Bitte diskutieren Sie das Thema sachlich.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Anemone (21.01.2010, 08:51 Uhr)
@Beatcircus
...alles allein wieder aufgebaut? Großer Irrtum! Den Aufbau haben wir NUR mit Hilfe anderer Staaten geschafft! Besonders der USA! Gut, daß es immer Menschen gab, die ihre Herzen und Taschen öffnen - anders als Sie.
allesklar (20.01.2010, 23:52 Uhr)
@ Beatcircus
Nix fuer ungut - wenn ich 3 tage aus Angst vor Nachbeben nicht schlafe, nicht esse (alles weg) nicht trinke (was denn?) dann haeng ich auch apathisch in den seilen- und von Dir Beatcircus moechte ich dann keine Hilfe.
++++++++++++

Ich haette mir von "Kopfwelten" etwas mehr dazu gewuenscht:

Es gibt sehr arme staaten ? und auch sehr arme staaten wo Al Kaida/Taliban taetig ist.

Was ist wenn es AL Kaida staten oder Taliban staten trifft - zb. ein Erdbeben und verletzte / obdachlose in die Millionen?

Sollte man diesen staten ueber die notwendige, humanitaere soforthilfe hinaus AUCH 10 Milliarden US geben wie im Falle von Haiti gefordert, wenn genau dieser Staat vorher auch keinerlei Beitrag zu dieser Welt geleistet hat, weil er es nicht konnte und es wohl auch nicht leisten wird - denn 9 Millionen auszubilden wird wohl zu lange dauern.

Und ob die westliche Welt ( denn nur die hat gespendet) das weitere Geld oder die Geduld hat solchen betroffenen Staten - oder im schlimmeren Faellen AL Kaida verseuchten Muslemischen staten zu helfen ist sehr fraglich. Es ist einUnsinn einem Land wie zerstort es auch sein mag eine nagelneue infrastruktur hinzustellen wenn diese dazu nicht in der Laage sind dies zu bewahren. Die erste Hilfe die dieses Land braucht sind Schulen ? Lehrer und Arbeit.
Nach Katarina hat es 5 jahre gedauert, in einem HOECHST entwickeltem Land, bis es halbwegs wieder ging - und sehr viele aus New Orleans sind weggezogen -in andere US staten. Ich denke das man die humanitare hilfe braucht - aber die anschliessende Aufbauhilfe - in Millarden ! Mhhhh - Das Geld wird heute in den eigenen laendern gebraucht - Natuerlich wird es Leute geben die auf Haiti Haeuser bauen wollen, fuer die Bevolkerung. Manche werden besser als je zuvor leben - wenn es denn gemacht wird!!
( Aufbau des landes)

Man sollte statt auf die unmoeglich zu beantwortende Frage - WARUM - einmal nachdenken das die Welt wie wir sie alle vor 10 jahren noch kannten in eine spirale hineingezogen wird und wurde die eine Voelkerwanderung hervorrufen kann die biblischen ausmasses sein kann und durch Natuerkatastrophen und nutzlose, idiotische, Musemische Kriege, Piraten in Somalia etc. Eine Welt wo staaten die niemand kannte auf einmal Forderungen stellt, weil Tribal Leader ( prasidenten wohl - ebenso ) auf einmal macht bekommen mit der diese nicht Umgehen koennen. Die welt waechst zusammen auch durch das Internet - und Unterschiede werden sichtbar - nicht gut fuer alle dieses globale zusammenwachsen in entwickelten laendern haufen sich die Arbeitslosen, in Unterentwickelten laendern die kriege.


Viele Staaten haben eben andere Vostellungen vom Leben und der zusammenarbeit.

Die Alternative: Es gibt keine ? ausser jeder sichert sich ab so gut es geht ? und wenn auch dies nicht mehr geht ? fangen wir alle wieder bei null an!
Beatcircus (20.01.2010, 22:39 Uhr)
-.-
Natürlich ist es schlimm was dort passiert ist !
Aber wenn ich daran denke wo deutschland nach dem krieg alles alleine wieder aufgebaut hat und hier sah es 10 mal schlimmer aus und wenn ich diese einheimischen sehe die einfach nur dort rum sitzen und nix tun und wir dann auch noch spenden soll bringt das Faß zum überlaufen
Rainhelt (20.01.2010, 20:35 Uhr)
Nicht nur Pat, der wirre Prediger...
... Nein das eigentlich interessante ist, dass man dies vor allem von den Betroffenen, den Menschen in Haiti hört! Ist das nicht interessant?

Konsequent nicht bis zum Ende gedacht...
Sonnenstrahl (20.01.2010, 18:57 Uhr)
Alles Schall und Rauch
"...Schauen wir uns die bisherige Entwicklungshilfe der US-Regierung für Haiti an, eines der ärmsten Länder der Welt, vor der Haustür sozusagen, ein Nachbar, um den man sich eher kümmern müsste als andere Länder.

Hier eine Grafik des USAID und US-Aussenministeriums über die geleistete Entwicklungshilfe für das Jahr 2008: ..."
http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2010/01/wie-heuchlerisch-die-us-hilfe-fur-haiti.html
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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