Er hat Sex bis zur Entkräftung, täglich. Er bezahlt Huren, bis kein Geld mehr für die Stromrechnung übrig ist. Er schämt sich, bis er sich fast umbringt: Ein Sexsüchtiger beschreibt seinen Alltag mit einem Leiden, das Krankenkassen nicht anerkennen. Von Michael Kraske

Pierre Bormann (Name geändert) in Mannheims Lupinentsraße, wo sich Bordell an Bordell reiht: Wenn der Sog einsetzt, gibt es für ihn kein Halten mehr© Hardy Müller
An schlimmen Tagen wird Pierre Bormann* vom Ampelmännchen verführt. Wenn er einsam ist oder hungrig, kann er dem geilen roten Licht auf den Straßen nicht entkommen. Dann rennt er los auf der Suche nach noch mehr rotem Licht. Licht, in dem sich Frauen rekeln, die wenig anhaben und einladend gucken. "Ich muss sofort was machen", denkt er, "ein Massagesalon, eine Strip-Show." Der Blick wird eng. Wie mit Scheuklappen. Vor dem Bordell beginnen die Hände zu zittern. "Adrenalin hoch zehn", sagt Pierre Bormann, "wie ein Sportler vor dem Hundertmeterlauf." Die Luft bleibt weg. Er hat Probleme zu atmen. Dann sieht er eine Prostituierte, am besten eine Braungebrannte mit langen blonden Haaren, und denkt: "Ich sterbe, wenn ich sie nicht kriege." Jetzt gibt es kein Halten mehr. Keine Moral, kein Geld, keine Arbeit. Nur noch Sex.
Spätestens im Moment der Ejakulation läuft ein anderer Film durch seinen Kopf: "Was bin ich doch für ein Idiot. Ich bin nicht lebenswert. Ich bin ein nutzloser Mensch." Während er sich anzieht, denkt er an die 500 Euro, die er jeden Monat Huren dafür zahlt, dass er sich anschließend schlecht fühlt. An den Offenbarungseid, den er geleistet hat, weil sein Geld Bordelle leuchten lässt, während er immer wieder seine Stromrechnungen nicht bezahlen kann. Bormann hat sich gewünscht, dass sein Aidstest positiv ist. Er stand auf der Golden Gate Bridge in San Francisco und wäre gern gesprungen. Er hat es nicht getan. Er geht weiter zu Prostituierten. Er weiß nicht mehr, wie viele es waren. Vielleicht 500. Vielleicht mehr.
Sie ruinieren ihn. Sie stillen immer weniger seine Sehnsucht. Trotzdem sagt er: "Das Rotlicht hat sich in meiner Festplatte im Gehirn eingebrannt. Wie der erste Schuss beim Heroinabhängigen. Das Glück will man immer wieder haben." Stundenlang jagt er dem Strohfeuer für den Kopf hinterher. In Brasilien, Thailand und Frankfurt. In Strip-Shows, Massagesalons und Pornokinos. Bis das Geld weg ist. Bis er entkräftet ins Bett fällt. Pierre Bormann ist krank. Süchtig nach Sex. Er hat Gott angefl eht, ihm zu helfen. Am Ende ging er doch wieder ins Rotlicht. Keine Krankenkasse erkennt sein Leiden an. "Sexsucht ist ein selbstzerstörerisches Verhalten, das trotz hohen Risikos oder schlimmer Konsequenzen nicht zu beherrschen ist", schreibt Patrick Carnes, Autor des Buches "Wenn Sex zur Sucht wird".
Die Forscher streiten noch um die treffende Bezeichnung für Sexsucht, doch sind sie sich weitgehend einig darüber, wann Lust zur Krankheit wird: "Die zentralen Kriterien sind der Leidensdruck und die Beeinträchtigung der sozialen Lebensführung", sagt der Klinische Psychologe Christoph Ahlers vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité, "erst dann ist die Problematik auch behandlungswürdig." Wer mehrmals am Tag Lust auf Sex hat, ist noch nicht sexsüchtig. Solange er und sein Alltag nicht darunterleiden. Fallen aber Beruf, Partnerschaft oder Freundschaften der unkontrollierten sexuellen Gier zum Opfer, ist der Mensch krank.
Das Institut für Medizinische Psychologie der Berliner Charité wird demnächst eine Studie veröffentlichen, die Anhaltspunkte dafür liefern soll, dass Sexsucht typische Merkmale einer Sucht aufweist. Zum Beispiel die Selbstverachtung und Scham, die auch Alkoholiker fühlen. "Stoffungebundene Süchte wie Sexsucht, Spielsucht oder Kaufsucht gibt es bislang in medizinischen Klassifi kationssystemen wie dem ICD-10 gar nicht", sagt die Diplompsychologin Anja Lehmann, Mitautorin der Studie. 160 Mitglieder von Selbsthilfegruppen, die sich selbst als sexsüchtig bezeichnen, wurden für die Studie befragt.
Eine wichtige Erkenntnis: Die Befragten berichten von Entzugserscheinungen, wenn sie einige Zeit ohne Sex verbringen. "Das können Zittern, Übelkeit, Nervosität, Schweißausbrüche oder Aggressivität sein", sagt Anja Lehmann, "meist ist auch eine Dosissteigerung zu beobachten, sodass man wie bei anderen Süchten von einer Toleranzentwicklung sprechen kann." Sexsucht hat viele Gesichter. Die Süchtigen gehen zu Prostituierten oder haben viele One-Night-Stands. Viel häufiger jedoch führt Sexsucht zu einsamer Masturbation vor Pornografie.
Pierre Bormann sitzt in einem Café in einer hessischen Kleinstadt. Er hat volles Haar und warme Augen. Er trägt ein Shirt und eine Lederjacke. Er ist ein sympathischer Erzähler, den man sich als guten Kumpel vorstellen kann. Ein ganz normaler Mann. Scheinbar. Was er zurückhaltend, fast schüchtern von seinem Leben erzählt, wissen nur wenige. Seine Familie nicht. Nicht die Stewardessen, mit denen er durch die Welt fliegt. Seit acht Jahren ist Pierre Bormann trockener Alkoholiker, seit 20 Jahren ist er abhängig von schnellem Sex. Er masturbiert bis zu fünfmal am Tag. Bis er wund wird.
Der Vater war Alkoholiker. Die Eltern streiten viel. Sie trennen sich. Mit elf oder zwölf entdeckt Pierre auf dem Klo des Stiefvaters Magazine. "Playboy" und "Penthouse". Er masturbiert. Das schöne Gefühl entführt ihn aus einem trostlosen Zuhause. Mit 15 wird er von der Stiefmutter missbraucht. Mit 17 geht er zum ersten Mal in Frankfurt in ein Bordell. Bis heute hat der 37-Jährige noch keine Beziehung gehabt, die länger hielt als ein paar Wochen. "In einer Beziehung hab ich große Angst, abgelehnt zu werden", sagt Bormann, "bei Rotlicht-Sex gibt es keine Nähe, man kann sagen Bye-bye, das war's."
Bormann erzählt, als habe er viel über sich nachgedacht. Vielleicht hat er das bei den Anonymen Alkoholikern gelernt. In einer Gesprächspause steht er bei der dunkelhaarigen Kellnerin und fragt, ob sie aus Russland kommt. Kommt sie nicht. Bormann steht da wie ein großer Junge vor einem Spielzeug, das nicht so toll ist wie erwartet. Er mag Frauen aus Osteuropa. Oder besser: deren Oberfläche: "Ehrlich gesagt hat der Charakter bislang für mich keine Rolle gespielt. Es war das Äußere, das Äußere, das Äußere." Er ist auf der Jagd nach der perfekten Frau. Für einen Moment.
Pierre Bormann schämt sich. Der Sex, dem er sich ausliefert, ist haltlos. In Thailand ließ er sich von einer Prostituierten in einer Bar oral befriedigen, anschließend machten sie es in einer Ecke, vor allen anderen. Er versucht, seinen Trieb zu beherrschen, aber er schafft es nicht. "Abhängig ist jemand, wenn er die Kontrolle über sein sexuelles Verhalten verliert", sagt die Psychologin Anja Lehmann, "ein wichtiges Kriterium ist, wenn dem Betroffenen oder seinem Umfeld negative Konsequenzen aus seinem sexuellen Verhalten erwachsen und er trotzdem weitermacht."
*Name von der Redaktion geändert
Übernommen aus ...
Ausgabe 3/2007