Die Generation der über Vierzigjährigen genießt lässig einen neuen Körperkult: Sex ohne Scham, Lust ohne Last und Gefühle ohne Grenzen. Selbstbewusste Mittvierziger erzählen von ihrem Liebesleben, das noch leidenschaftlicher und genussvoller ist als früher. Von Silke Pfersdorf

Zwei Körper, ein Rhythmus: Bea Laufersweiler hat durch das Tangotanzen erfahren, was Erotik bedeutet© Edgar Rodtmann/Jens Neumann
Eine Choreografie aus Berührungen, zwei Körper, die sich begegnen, trennen, wieder finden. Ein Sinnenfest, nicht die schnelle Nummer: So ist das beim Tango. Als Bea Laufersweiler, 45, ihren ersten Tanzkurs belegte, hatte sie ihren 40. Geburtstag gerade hinter sich. Und sie begriff zum ersten Mal wirklich, was Erotik ihr bedeutet. Wie sie berühren und berührt werden wollte. Und dass sie ordentlich übers Parkett des Lebens würde wirbeln können. Tango übte man, um besser darin zu werden. Man hörte nicht irgendwann auf, wenn man dachte: Na ja, geht doch einigermaßen. Vielleicht war es mit der Liebe genauso.
Tatsächlich hat die Karlsruherin das Gefühl, das Beste noch vor sich zu haben. "Derzeit", sagt sie, "habe ich vier Männer, die sich um mich bemühen. Ich will nicht leben, wie es vermeintlich passend für mein Alter wäre. "
Auch Dorin Popa, 47, Journalist aus München, sieht keinen Grund, die kommenden Jahre als Abspann der Liebe zu betrachten: "Meine grauen Haare kommen bei den Frauen gut an. Außerdem trage ich mit der Lebenserfahrung vielleicht eine gewisse Abgeklärtheit und Entspanntheit im Gesicht. Junge Männer sind viel nervöser, haspeliger. Seit ich 40 bin, weiß ich genau, wie ich mich aufplustern muss, damit ein junger Gockel sich verzieht."
Und in Rostock genießt die Schriftstellerin Gabi Pertus mit 61 Jahren den Sex der späten Jahre. "Es ist ruhiger geworden, aber eigentlich sogar besser", sagt sie. "Sex ist nicht der Anfang von allem - eher das Ergebnis. Das hat etwas sehr Entspannendes."
Die Deutschen werden älter - aber ihre Lust scheint nicht in die Jahre zu kommen. Vor dem Krieg Geborene durften dem zeitgeistigen Anstand gemäß in diesem Alter das Wort "Sex" kaum noch in den Mund nehmen. Wenn in Reklame oder Massenmedien von den "besten Jahren" die Rede war, entsprachen dem Bilderwelten von gesetzten Hutträgern und braven Waschpulver-Müttern, die als guter Geist des Hauses mittels antierotischer Ausstrahlung den Schutz der Kinderseelen vor Verderbtheit sicherstellten. 1951 stürmten Stinkbomben werfende Priester Kinos, um gegen eine sekundenkurze Nacktszene mit Hildegard Knef zu protestieren. "Das unverheiratete Paar in den Hotels, das sich so anständig und ruhig benehmen mag, wie zwei jahrelang verheiratete Leute, ist gezwungen, sich tombakene Eheringe zu kaufen und sich als ,Ingenieur Richter und Frau‘ ins Fremdenbuch zu schreiben, sonst bekommt es schwer Quartier", schrieb Kurt Tucholsky - 1920. Heute unfassbar: Das blieb bis 1969 so.
Das andere als vom Trieb verwirrte junge Wilde leidenschaftlich lieben und auf erotische Abenteuer ausgehen könnten, taugte höchstens zum Gegenstand von Witzen, aussterbende Begriffe wie "alte Jungfer" und "Hagestolz" geben Zeugnis davon. Allenfalls Männern gestand man noch in den 70er Jahren eine Midlife-Crisis zu, die darin bestand, in einem finalen Aufbäumen die wahrscheinlich letzten Testosteronreste aus dem Körper zu pressen. Frauen gleichen Jahrgangs hatten Kinder, aber - und deshalb - keine Begierden mehr zu haben. Irgendwann ab Mitte 40 ging für die Altvorderen konsensgemäß die Sonne über den Betten unter.
Die Töchter und Söhne der letzten Anstandswahrer, inzwischen selbst zu "Best Agern" gereift, schlagen hingegen gern und offen noch einmal ein neues Kapitel auf in Sachen Sex. "Es findet eine zweite sexuelle Revolution statt", sagt Ulrike Brandenburg, erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. "Schon die 40er galten früher als Elterngeneration, teilweise waren sie gar Großeltern. Scheidung fand nur in Ausnahmefällen statt, und wenn, dann war sie häufig das Ende des Beziehungs- und damit des Sexuallebens." Die sittsamen Witwen und vereinsamt-verklemmten Verstoßenen verschwinden.
Revolution Sex, Version zwonull, tritt das Erbe der ersten an. "Wir wollten anders leben als unsere Mütter", erzählt Margit Faller*, 62, aus München. Als 24-Jährige wohnte sie in einer für ihre frei gelebte Sexualität berüchtigten Kommune. "Insgesamt habe ich mit fast 100 Männern geschlafen. Nicht dass ich heute noch Lust hätte, von einem Bett ins andere zu hüpfen - aber natürlich habe ich auch heute noch meine Ansprüche. Ich habe nie aufgehört, Spaß am Sex zu haben. Ich käme nie darauf, mir den Spaß daran ausreden zu lassen, nur weil ich nicht mehr so knackig bin wie früher."
Seit jenen Tagen redet die Gesellschaft munter über Stellungen, Orgasmen, Ergüsse. Endlich ging es auch mal um den weiblichen Höhepunkt. Und um den Spaßfaktor der Frau. Eine aktuelle Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des stern gemacht hat, zeigt, dass 80 Prozent der 40- bis 59-jährigen Deutschen "eher" oder gar "sehr zufrieden" mit ihrem Sexualleben sind.
Schon Frauen zwischen 50 und 60 haben viel weniger "mannzentriert" gelebt als ihre Vorgängerinnen, konstatierte Trendforscher Matthias Horx, als er im vergangenen Jahr in einer Studie für den Erotik-Konzern Beate Uhse unter anderem das neue Verhältnis der älter werdenden Gesellschaft zum Sex untersuchte. "Sie haben eine andere erotische Biografie, die ihnen mehr Erfahrung und mehr Eigenständigkeit gibt. Etwa ein Drittel der Frauen macht heute beim Älterwerden diesen Selbststärkungsprozess durch, bei dem sie statt älter eher stärker werden."
Das neue Selbstvertrauen steht Frauen gut. So gut, dass sich selbst Teenager gern über die Bettgeschichten der Frauen amüsieren, die locker ihre Mütter sein könnten: "Sex and the City" handelt vor allem von der sexuellen Abgeklärtheit seiner reiferen Protagonistinnen - und von souverän gesetzten Spitzen gegen den Jugendwahn. In der Fernsehserie rotierten die Dialoge der gestandenen Damen um Dildos, Schwänze und Verführungskunst. "Frauen beginnen erst mit 40, das Leben so richtig zu verstehen", sagt Autorin Candace Bushnell überzeugt. Sie selbst ist 49 und von Haus aus - wie ihre Heldin Carrie Bradshaw - Sex-Kolumnistin.
Passend zum transatlantischen Rollenwandel
machte Sozioanalytiker Matthias
Horx unter den Frauen und Männern zwischen
40 und 60 neue
Typologien aus:
• "Sex Gourmets" zwischen
50 und 60, die
im Bett vor allem auf
Qualität der sexuellen
Aktivitäten setzen. Die
Rosinen picken und
ansonsten lieber die
Hände brav auf die
Bettdecke legen;
• "Lover Ladies" und
"Lover Gentlemen" fand
er dagegen vor allem
unter den 40ern - sexuell
aktive Menschen, die nicht lange
fackeln, sondern sich nehmen, was sie wollen,
und nach Lust und Laune leben.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 37/2008