. .
Mensch - Hintergründe und Wissen
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
20. Juli 2008, 15:56 Uhr

Ich bin alt, müde, ich habe genug

Fast jeder zweite Mensch, der sich in Deutschland das Leben nimmt, ist älter als 60 Jahre. Die Sterbehilfe des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch hat die Aufmerksamkeit aufs Tabuthema Suizid im Alter gelenkt. Krankheit, Einsamkeit und Angst vor dem Pflegeheim sind die häufigsten Gründe, die in Abschiedsbriefen genannt werden. Von Anika Geisler

Seit 13 Jahren lebt Ida Schenkenberg allein. "Ich würde so gern selbst bestimmen, wann ich aus dem Leben trete"© Martin Wagenhan

Es war kalt am 3. Januar 2008, ein Grad über null. Sie ging ohne Mütze und Handschuhe vor die Tür, es würde nicht lange dauern. Ida Schenkenberg hatte beschlossen, es draußen zu machen, an der frischen Luft, damit ihre Katzen im Haus keinen Schaden davontrügen.

Sie setzte sich an den kleinen Tisch auf der Terrasse hinterm Haus und legte das Päckchen mit dem weißen Pulver vor sich. Vor Jahrzehnten hatte sie es aus dem Labor mitgenommen, in dem sie damals beschäftigt gewesen war. Ihr Mann und sie hatten es im Schuppen aufbewahrt, für schlechte Zeiten. Das Ehepaar hatte häufig darüber gesprochen - über das Sterben. Und über die Methoden, mit denen man es in Notfällen beschleunigen könnte. Beide glaubten, das Verfahren mit dem Pulver sei absolut sicher. 53 Jahre lang waren sie verheiratet gewesen, dann starb ihr Mann vor 13 Jahren, zu Hause, an Altersschwäche, er war deutlich älter. Sie hatte ihn gepflegt bis zum Ende, sie hatte einen Nagel in die Wand über seinem Bett geschlagen für die Infusionsflaschen und bei ihm gewacht, bis zum Schluss. Seinen Körper hatte der Professor der Wissenschaft vermacht. Keine Predigt, kein Grab, kein Grabstein.

Genauso wollte Ida Schenkenberg es auch haben. Wochen vor diesem 3. Januar hatte sie ihr Auto verschenkt, das Haus ausgemistet, die Fotoalben weggeschmissen, das Testament durchgesehen. Eine Tierschutzorganisation würde das Erbe bekommen. Sie war 85 Jahre alt, alleinstehend, die Letzte ihrer Familie in Deutschland: keine nahen Angehörigen, die hätten trauern können, keiner, der Interesse an den Fotoalben gehabt hätte. Ida Schenkenberg goss Essigessenz auf das Zyankalipulver, beugte sich über den schäumenden Haufen und fing an, die Dämpfe in tiefen Zügen einzuatmen.

Der unbedingte Wunsch zu sterben

Jedes Jahr töten sich in Deutschland rund 10.000 Menschen - doppelt so viele, wie im Straßenverkehr sterben. 40 Prozent der Suizidenten sind älter als 60 Jahre, die Wahrscheinlichkeit steigt mit dem Alter. Rechnerisch scheidet alle zwei Stunden ein Mensch über 60 aus eigenem Antrieb aus dem Leben. Und jedes Mal sind im Durchschnitt sechs Angehörige aus dem näheren Umfeld davon betroffen. Dazu kommen ungezählte Fälle, die in keiner Suizidstatistik auftauchen, in denen ältere Menschen aufhören, ihre lebenswichtigen Medikamente einzunehmen, zur Blutwäsche zu gehen, zu essen oder zu trinken.

Das Phänomen Suizid im Alter ist so gravierend, dass Anfang des Jahres in Günzburg bei Ulm ein eigener wissenschaftlicher Kongress dazu stattfand. Mehrere Tage debattierten Psychologen, Psychiater, Internisten, Altersforscher, Gerichtsmediziner und Seelsorger über Ursachen und mögliche Lösungen.

Es gibt klare Merkmale, die Ältere, die einen Suizid versucht oder begangen haben, von jungen Menschen unterscheiden. "Der unbedingte Wunsch zu sterben - das ist typisch für Selbsttötungen in Alter", sagt Peter Klostermann, Soziologe und Referent der Fakultätsleitung der Berliner Charité. "Hochbetagte Menschen wollen nicht gefunden oder von der Putzfrau gerettet werden. Das unterscheidet sie von jüngeren Menschen, bei denen Suizidversuche oft Hilfeschreie sind, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen." Für seine Studie zu dem Thema untersuchte Klostermann 172 Fälle über 60-Jähriger, die sich das Leben genommen hatten. Er sichtete Obduktionsprotokolle, Polizeiberichte und Zeugenaussagen, sah sich Fotos vom Tatort an, las die Abschiedsbriefe, sprach mit den Hinterbliebenen.

Die Motive sind vielfältig

Weil sie unbedingt sterben wollen, wählen ältere Menschen meist sogenannte harte Methoden: Viele erhängen oder erschießen sich oder stürzen sich in die Tiefe. Klostermanns Untersuchungen zeigen zudem: Diese Selbsttötungen waren keine Kurzschlussreaktionen, kein Überreagieren im Affekt. "Ältere Menschen planen ihr Ableben lange voraus", sagt er. Meist seien es gebildete Leute, Ärzte, Apotheker, Lehrer; die Wohnungen seien blitzblank aufgeräumt gewesen, die Verstorbenen hatten oftmals das beste Kostüm oder den besten Anzug mit Hemd und Krawatte getragen. Umso ernüchternder sei es - bei dem langen Vorlauf -, dass meist weder Angehörige noch Hausärzte eine Ahnung hatten, dass derjenige Hand an sich legen könnte.

Die Motive, die Peter Klostermann aus den 172 Fällen rekonstruieren konnte, waren vielfältig: Einsamkeit, zunehmende Immobilität, die Angst vor Abhängigkeit, die Furcht vor dem Pflegeheim. Ein Grund taucht immer wieder auf: schwere Krankheiten und die damit verbundene Verminderung der Lebensqualität. "Eine Frau konnte fünf Jahre lang wegen einer Gehbehinderung ihre Wohnung im zweiten Stock nicht mehr allein verlassen", sagt er. "Sie stürzte sich mit dem Rollstuhl die Treppe hinunter und hinterließ einen Brief, in dem sie schrieb, sie wolle nicht noch einmal so einen Sommer in ihrer Wohnung erleben müssen wie im Jahr zuvor."

Georg Fiedler, Psychologe vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Hamburger Uniklinikum Eppendorf, berichtet von seinen Erfahrungen mit Menschen mit Suizidgedanken. "Fragt man genauer nach, kommt man oft zu dem Schluss, dass meist nicht der Wunsch zu sterben im Vordergrund steht, sondern der Wunsch, nicht so weiterleben zu müssen wie bisher." Gerade im Alter häuften sich Erlebnisse, die auch jüngere Menschen in die Verzweiflung treiben können: Verlusterfahrungen. "Dazu gehören: der Verlust des Partners, wenn er kurz zuvor gestorben ist. Verlust von Eigenständigkeit und Mobilität. Und der Verlust der Gesundheit."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 29/2008

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Sterbehilfe "Dieser Suizid ist menschenunwürdig"

Der assistierte Selbstmord auf einem Parkplatz in der Schweiz wird auch von Sterbehilfe-Befürwortern missbilligt. Selbst der Hamburger Rechtskonservative Kusch, der mit dem Thema seit Jahren ein politisches Comeback probt, bezeichnete den Fall als "menschenunwürdig". mehr...

Sterbehilfe Fast entspannt in den Tod

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch will künftig als Rechtsanwalt ehrenamtlich passive Sterbehilfe leisten. Dass seine Methode auch bei Hinrichtungen in den USA angewandt, aber wegen Unmenschlichkeit verboten wurde, hat er gehört. Aber Kusch vertraut seinen Ärzten. mehr...

Selbsttötung Merkel ist strikt gegen Sterbehilfe

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich gegen Sterbehilfe ausgesprochen - egal in welcher Form. Damit gibt sie zugleich die Position der Union wieder. Ein Gesetzentwurf zweier unionsgeführter Länder sieht ein Verbot der gewerbsmäßigen und organisierten Sterbehilfe vor. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch