Wo Cern-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer derzeit über Entdeckung des Gottesteilchen berichtet, sind die Säle voll. stern.de sprach auf der Europäischen Wissenschaftskonferenz in Dublin mit ihm über den Higgs-Hype und die ungelösten Rätsel der Physik.
Auf der Suche nach dem Higgs-Boson haben wir ein Teilchen gefunden – und zwar genau dort, wo sich das Higgs zeigen müsste. Insofern könnte man als Laie sagen, wir haben das mysteriöse und lang gesuchte Elementarteilchen entdeckt. Allerdings wissen wir noch nicht genau, ob es das eine im Standardmodell vorhergesagte Higgs ist, ein anderes oder ein ganz neues Teilchen, das auf den ersten Blick aussieht wie das Higgs, sich aber bei näherem Hinsehen als etwas anderes entpuppt. Deswegen sage ich als Naturwissenschaftler und ehemaliger Forscher: Wir müssen noch vorsichtig sein und die Eigenschaften des Teilchens genau vermessen.
Wir waren natürlich in der Pflicht, auf der Teilchenkonferenz in Melbourne Anfang Juli die neuen Daten des Cern vorzustellen. Ich kann auf dieser Konferenz nicht sagen, wir haben nichts und drei Wochen später kündigen wir eine Entdeckung an. Die Wissenschaftler der beiden Teams sind aber vorsichtig. Sie nehmen das Wort Entdeckung noch nicht in den Mund, da sie mit den Daten gerade an der Schwelle kratzen, ab der die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Messfehler handelt, kleiner als eins zu 1,7 Millionen ist. Erst dann sprechen Physiker von einem sauberen Nachweis. Aber als Generaldirektor kann ich – wenn ich die Ergebnisse der beiden Experimente zusammen sehe – von einer Entdeckung sprechen. Und es liegt zumindest nahe, dass es sich um das Higgs handelt.
Die Gefahr sehe ich nicht. Die Entdeckung dieses Teilchens – ob es nun das Higgs ist oder nicht - ist ein Meilenstein in der Physik. Unser Verständnis des Universums ist dabei, sich zu verändern. Doch erst einmal kommt noch viel Arbeit auf uns zu. Wir müssen nun das neu entdeckte Teilchen vermessen, seine Eigenschaften und seine Wechselwirkungen mit anderen Teilchen untersuchen.
Das Higgs-Teilchen ist das Zeichen des Higgs-Feldes. Dieses Feld ist überall im Universum gleichmäßig verteilt und über die Wechselwirkung mit ihm erhalten fundamentale Teilchen wie Quarks, Leptonen und Bosonen ihre Masse. Letztlich ist das Feld damit dafür verantwortlich, dass wir überhaupt existieren, denn ohne es würden die Teilchen mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum rasen. Finden wir das Higgs-Teilchen, ist dies eine Bestätigung, dass es das Feld gibt. Zeigt sich aber eine Abweichung an einer Stelle, wird es erst recht spannend. Denn dann öffnet sich eine Tür zu einer neuen Physik.
Ja. Wenn wir das Higgs finden, ist dies eine eindrucksvolle Bestätigung des Standardmodells. Doch selbst dann wäre die Teilchenphysik noch lange nicht abgeschlossen. Das Standardmodell ist zwar faszinierend, aber zugleich auch frustrierend: Ein Großteil unserer Fragen bleibt mit diesem Modell unbeantwortet, mit ihm können wir gerade einmal vier bis fünf Prozent unseres Universums beschreiben.
Zu etwa einem Viertel besteht unser Universum aus Dunkler Materie. Sie übt eine Gravitation aus und sorgt so etwa dafür, dass die Galaxien nicht auseinanderfliegen. Aber bis jetzt wissen wir nur indirekt – durch ihre Gravitationswirkung – dass die Dunkle Materie existiert. Doch wie ist sie aufgebaut? Hier könnte der LHC erste Hinweise liefern, denn er dringt in diese Energiebereiche vor. Noch mysteriöser ist die Dunkle Energie, aus der die restlichen nahezu Dreiviertel unseres Universums bestehen. Sie sorgt dafür, dass sich unser Universum gleichmäßig in alle Richtungen ausdehnt.
Dass Higgs selbst ist kein Teil der Dunklen Energie. Aber bestenfalls liefert es uns erste Hinweise darauf, wie diese rätselhafte Energieform aussehen könnte. Denn das Higgsfeld verhält sich in einem Punkt ähnlich wie die Dunkle Energie: Es wirkt in alle Richtungen gleich. Doch uns beschäftigen nicht nur die Fragen nach der Dunklen Energie und der Dunklen Materie.