30. März 2012, 14:03 Uhr

Pestizide schädigen Insekten

Massenhaft sterben Bienen und Hummeln. Zwei neue Studien zeigen nun, dass häufig eingesetzte Giftstoffe offenbar ihren Teil dazu beitragen. Sie stören den Orientierungssinn der Insekten.

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Insektizide und die aggressive Varroamilbe setzen den Bienenvölkern zu©

Pestizide können nach neuen Studien eine der Ursachen für das dramatische Bienen- und Hummelsterben sein. Das bekräftigen zwei Untersuchungen im Fachjournal "Science". Die beiden Experten-Teams erforschten die Wirkung von Neonicotinoiden. Diese Gruppe gängiger Insektizide ist in zahlreichen Ländern im Einsatz.

Wissenschaftler aus Frankreich entdeckten, dass das Gift die Orientierung der Bienen stört: Die Tiere finden den Weg zu ihrem Volk nicht mehr. Ein Team aus Großbritannien entdeckte, dass Hummelvölker nach der Behandlung mit den Insektiziden stark ausgemerzt waren.

Mehr Gift, weniger Königinnen

"Einige Hummelarten sind enorm zurückgegangen. Beispielsweise in Nordamerika sind manche Arten mehr oder weniger komplett vom Kontinent verschwunden", schreibt der britische Forscher Dave Goulson von der schottischen Universität in Stirling. In Großbritannien seien bereits drei Arten ausgelöscht.

Goulsons Team setzte Hummelvölker dem Insektizid Imidacloprid aus. Die Dosis war jener ähnlich, der die Tiere in der Natur begegnen. Eine Kontrollgruppe kam nicht mit dem Giftstoff in Berührung. In einer geschlossenen Umgebung hausten die Hummeln sechs Wochen lang unter natürlichen Bedingungen. Zu Beginn und am Ende des Experiments wogen die Forscher die Nester mit dem gesamten Inhalt: Hummeln, Wachs, Honig, Larven und Pollen. Die belasteten Kolonien waren im Durchschnitt acht bis zwölf Prozent kleiner als die Kontrollgruppe.

Außerdem entdeckten Goulson und seine Kollegen, dass die behandelten Hummeln etwa 85 Prozent weniger Königinnen hervorgebracht hatten. Dies sei ein wichtiger Punkt: Die Zahl der Königinnen beeinflusse die Zahl der neuen Nester im kommenden Winter.

Orientierung gestört

Mickael Henry vom Nationalen Institut für Agrar-Forschung in Avignon und sein Team beschäftigten sich in einer anderen Studie ebenfalls mit dem Bienensterben. Sie klebten winzige Mikrochips an die Körper der Versuchs-Bienen. Einige der kleinen Tiere kamen in Kontakt mit dem Insektizid Thiamethoxam. Diese Bienen starben zwei- bis dreimal häufiger weit entfernt von ihrem Nest als die Tiere ohne Gift. Das Insektizid habe die Orientierung der Bienen gestört, schreiben die Forscher.

Die Daten aus den Mikrochips nutzten die Forscher, um Flugrouten zu berechnen. Offenbar hatten die belasteten Bienen irgendwann eine Entfernung erreicht, von der aus es schwierig war, zurückzufinden.

Doch die Insektizide können das Bienensterben kaum allein erklären. Sorge bereitet den Experten auch die aggressive Varroamilbe. Sie gilt als größter Feind der Honigbiene. Die Milbe beißt sich an den Insekten fest, wie ein Blutegel bei Säugern. Durch die milden Temperaturen im vergangenen Jahr waren die Milben laut Experten sehr lange aktiv und verstärkten so ebenfalls das Bienensterben.

Der Tod von fast 300.000 Bienen-Völkern im vergangenen Winter in Deutschland wirke sich auch auf die Landwirtschaft aus, sagt der Leiter des Instituts für Bienenkunde Oberursel, Bernd Grünewald. "Die Biene ist unser wichtigster Bestäuber. Wenn es weniger Völker gibt, bekommen wir Bestäubungsprobleme für Raps und viele Obstsorten."

lea/DPA
 
 
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