AUS DEM STERN 24/2001 Billigheimer gegen Bestseller


Es muss nicht immer der Marktführer sein. Wer sich nach preisgünstigeren Konkurrenten umschaut, kann beim Neuwagenkauf schnell ein paar Tausendmarkscheine sparen.

Es muss nicht immer der Marktführer sein. Wer sich nach preisgünstigeren Konkurrenten umschaut, kann beim Neuwagenkauf schnell ein paar Tausendmarkscheine sparen. Der stern verglich je zwei Rivalen der Kategorien Kleinwagen, Kompakte und untere Mittelklasse

D a kommt ein ganz schöner Brocken zusammen: Über 560000 Mark, so errechnete kürzlich die Deutsche Automobil Treuhand GmbH (DAT) in Stuttgart, lässt sich der deutsche Autofahrer im Laufe seines Lebens den fahrbaren Untersatz kosten - gemessen an den Preisen des vergangenen Jahres.

Mittlerweile dürften sich die Deutschen angesichts rapide steigender Kosten für Sprit und Versicherungen mit Riesenschritten der 600000-Mark-Grenze nähern - in etwa der Gegenwert eines Eigenheims im Grünen mit allem Drum und Dran. Und es geht weiter zügig nach oben. Längst macht der Aufwand für Mobilität nach Wohnen und Ernährung den drittwichtigsten Posten im Budget privater Haushalte aus, ja der Autokosten-Index spurtet sogar dem allgemeinen Index der Verbraucherpreise hurtig davon. Noch bis Mitte 1998 hatten sich die Ausgaben für das Automobil weitgehend ähnlich moderat entwickelt wie die für die allgemeine Lebenshaltung. Doch seither öffnet sich die Schere immer weiter: Während im Frühjahr 2001 der Index für die Lebenshaltung 109,1 (auf der Basis 100 für 1995) ausmachte, lag der Autokostenindex schon bei 117 Punkten. »Eine Entspannung«, resümierte der ADAC lapidar, »ist nicht zu erwarten.«

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass es Deutschlands Autofahrern im europäischen Vergleich in puncto Spritkosten gar nicht so schlecht geht. Briten und Dänen etwa müssen an ihren Tankstellen weit stärker bluten, und selbst im ölreichen Norwegen zählt Benzin zu den Luxusgütern.

Teurer Sprit

In einem allerdings sind die Deutschen unangefochten Spitze: Gemessen an den meisten Nachbarn in den Mitgliedsländern der europäischen Währungsunion müssen sie Spitzenpreise für Neuwagen berappen. Kein Wunder, dass Bundesrepublikaner neuerdings beim Autofahren verstärkt den Rotstift ansetzen. Nach einer Umfrage der Stuttgarter Dekra AG

- wollen 59 Prozent ihr Auto zukünftig länger fahren, als ursprünglich geplant,

- 25 Prozent beabsichtigen, kleinere Reparaturen und den Ölwechsel selbst zu machen,

- acht Prozent haben sogar vor, Inspektionen künftig ganz ausfallen zu lassen.

Dennoch: Steht einmal der Entschluss zum Kauf eines neuen Autos fest, kommt es offensichtlich nicht so sehr auf die Mark an. Denn nach wie vor stehen vergleichsweise teure Produkte von deutschen Fließbändern in der Gunst der Autokäufer ganz oben, obwohl es in den jeweiligen Fahrzeugklassen auch Importwagen gibt, deren Preise mehr als deutlich unter denen der jeweiligen Bestseller liegen.

Corsa und Sceicento

Zugegeben, zwischen manchen der Billigmobile und ihrer übermächtigen Konkurrenz klafft bisweilen ein ähnlicher Unterschied wie zwischen Eigenheim und sozialem Wohnungsbau. Doch mehr als nur einen flüchtigen Blick sind die Alternativen allemal wert. Beispiel Kleinwagen. 93 159 Stück des Opel Corsa rollten vergangenes Jahr erstmals auf deutschen Straßen. Stückpreis für den kleinsten mit drei Zylindern und 58 PS: 20 900 Mark. Dafür gibt es ein ziemlich erwachsenes Auto mit Airbags, ABS und voll verzinkter Karosserie. Klar, dass bei diesem Preis vergleichsweise luxuriöse Dinge wie Zentralverriegelung oder elektrische Fensterheber fehlen.

Das kleine Auto bietet dennoch genügend Platz sowie bequeme Sitze und zaubert aus knapp einem Liter Hubraum so viel Leistung, dass auch längere Ausflüge erträglich bleiben. Sogar das Fachblatt »auto motor und sport« fand trotz intensiver Suche nichts, was »auf automobile Askese hinweist«.

Die bekommen Fahrer des rund 6000 Mark billigeren Fiat Seicento deutlich zu spüren. Spartanisch der Komfort, sparsam die Ausstattung - wenngleich ABS und Airbags zur Serie gehören. Und die Verarbeitungsqualität der Karosserie ist so lala.

Doch als agile Einkaufstasche für den Stadtverkehr zeigt der Seicento Stärken. Der in Polen gebaute Italiener passt in einen halben Meter kürzere Parklücken als der Corsa und kann notfalls im Gegensatz zum Smart auch mal vier Personen mitnehmen. Für 13 487 Kunden hierzulande waren das voriges Jahr Gründe genug, sich einen Seicento anzuschaffen, auch wenn sie als Frontpassagiere ihre liebe Not haben, die Füße vernünftig unterzubringen.

VW Golf und KiaRio

Beispiel Kompaktklasse. Hier ist der VW Golf seit vielen Jahren so sehr Maß aller Dinge, dass eine ganze Fahrzeugkategorie nach ihm benannt ist. Solide, unauffällig, deutsch. Mit 327341 verkauften Stück führte er 2000 die Bestsellerliste mit riesigem Abstand vor dem Opel Astra an, von dem noch nicht einmal halb so viele in Deutschland einen Käufer fanden. Dabei ist der Volkswagen Golf keinesfalls ein Schnäppchen. Saftige 28212 Mark kostet das Basismodell. Mit ein paar sinnvollen Extras und einem stärkeren Motor können es aber auch schon mal 50 000 Mark und mehr werden.

Demgegenüber erscheint der Kia Rio 1,3 RS, dessen Leistung exakt dem Wolfsburger Spitzenreiter entspricht, als exotisches Dumping-Angebot: 20990 und keine müde Mark mehr, es sei denn, man bestellt als einzig mögliches Extra eine Metallic-Lackierung für 499 Mark dazu. Zwar gibt es ABS und Airbags, jedoch auf Drehzahlmesser, elektrische Fensterheber, Zentralverriegelung oder höhenverstellbaren Sitz muss der Rio-Kunde verzichten. Dafür begnügt sich sein Auto mit Normalbenzin, bietet viel Platz und überrascht mit einem drehfreudigen, wenn auch etwas rauen Motor. Wenn sich die Koreaner nur etwas mehr Mühe mit der Verarbeitungsqualität gäben. Dann würden sich wahrscheinlich mehr als nur 1652 Deutsche - wie vergangenes Jahr geschehen - einen Rio zulegen.

3-er BWM und Hyundai Elantra

Beispiel Mittelklasse. Die 3-er Reihe von BMW lag voriges Jahr mit 138 918 verkauften Exemplaren auf Platz drei der Bestsellerliste, obwohl das preiswerteste Modell, der 316i, mit satten 43 000 Mark zu Buche schlägt. Als Gegenleistung gibt es ein fast komplett ausgestattetes Auto - allerdings ohne Nebelscheinwerfer und Klimaanlage - mit viel High Tech, was insgesamt selbst mit der schwächsten Motorisierung immer noch für Freude am Fahren sorgt. Man muss sie sich nur leisten können.

Mehr als 10 000 Mark billiger in der Anschaffung kommt der Hyundai Elantra 1,6i GLS, der in puncto Stärke und Raum dem kleinen Bayern nahe kommt. Bei ihm gehören Klimaanlage, Bordcomputer und sogar Alarmanlage zur Serie, im Gegensatz zum BMW sind seine Rücksitzlehnen umklappbar, und der Motor begnügt sich mit Normalbenzin. Die Verarbeitungsqualität ist anständig, Schaltung und Komfort bewegen sich auf europäischem Niveau, nur die Sitze dürften etwas bequemer sein. Größtes Manko: Die Elantra-Maschine geht recht laut zur Sache und lässt bei höheren Drehzahlen jedes Gespräch im Innenraum zum Geschrei ausarten. Dieses Generve wollten sich im Jahr 2000 nur 1234 Elantra-Kunden antun.

Nebenkosten bleiben

Keine Frage, was den Anschaffungspreis angeht, lässt sich mit den Alternativen in diesen drei Klassen gegenüber den gängigen Bestsellern leicht ordentlich Geld sparen. Doch ist der Kauf eines Autos leider nur die eine Seite der Medaille, für die der statistische Autofahrer innerhalb von 54 Jahren 170 000 Mark ausgibt. Drei neue und sieben gebrauchte Autos kriegt er dafür. Die andere Seite: Fast 400 000 Mark machen laut DAT-Berechnung Sprit, Wartung, Steuer, Wertverlust und Versicherung aus. Daran ändern auch die preiswertesten Billigwagen nicht viel.

Von Hans-Robert Richarz


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