AUTO Luxusschlitten aus dem Glaspalast

Bei diesem Autowerk ist alles anders: Es ist durchsichtig, es dröhnen keine Maschinen, und es ist ein Denkmal. Am 11. Dezember eröffnet der scheidende VW-Chef Piech in Dresden seine Traumfabrik. Volkswagen baut dort ein Auto für die oberen Zehntausend.

Wahrscheinlich peitscht ein eklig-feuchter Spätherbstregen vom trüben Himmel. Wahrscheinlich wird der Chef auch darum statt angemessener Festtagsmiene die knorrige aufsetzen.

Und wahrscheinlich wird Ferdinand Piech dann seinen graugrünen Trachtenhut ganz tief in die Stirn ziehen, wenn er zur Eröffnung seines Glaspalastes schreitet. Nicht gerade premium das alles, wahrscheinlich.

Auf premium getrimmt

Aber es hätte noch trostloser kommen können: Beinahe wären der Auto-Kanzler, Sachsens Ministerpräsident und der Rest der Honoratiorenschar vom guten alten VW Passat begrüßt worden. Denn das passende Auto zum Werk, die Supersuper-Luxuslimousine mit dem Arbeitstitel D1, sie ist zur Jahreswende eigentlich noch nicht so richtig präsentabel. Da sollte eben ein Massenprodukt auf premium getrimmt werden.

Edeler Passat

Doch ausgerechnet der Passat? Die Hausmarke der Pharmareferenten und Gymnasiallehrer wird auch mit bester Verarbeitung und einer Chrom-Beplankung wie beim Cadillac der 60er Jahre wohl nie zum reinrassigen Premium-Produkt.

So wäre die Produktion selbst der Dampfhammer-Variante W8 im Dresdener Konzern-Gral bereits ein kleiner Schönheitsfleck auf der edlen Erscheinung der neuen Fertigungsstätte gewesen.

»Boaaa-Äiii«-Autos

Kurz vor Toresöffnung reifte die Erkenntnis, dass das Lieblingsauto der Generation Gähn nun wirklich nicht nach Manufaktur riecht. Jetzt werden D1-Karossen vom Band geschrubbt, koste es, was Piech wolle. Eine Armada aus echten dicken »Boaaa-Äiii«-Autos hat der große Vorsitzende sich gewünscht, und daran arbeiten die Dresdener derzeit hart.

D1 lässt auf sich warten

Der zwölfzylindrige D1 scheint die Auto gewordene Tücke des Objekts zu sein. Bereits zur Jahreswende 2000/2001 sollten nach ursprünglicher Planung die ersten endgültigen Wagen von Volkswagens S-Klasse über die Bühnen großer Automessen rollen.

Doch es war immer nur dieselbe Studie. Im Spätsommer 2001 schließlich rückten die Wolfsburger dann endlich Fotos des fertigen Schlittens raus, die die Presse brav druckte.

Anfassen verboten

Berühren durfte ihn gleichwohl noch kein Normalsterblicher. Erst beim Eröffnungsbrimborium wird das Tuch von dem Auto gezogen, damit die Fans das heilige Blech streicheln können.

Dann wird Piech auch verkünden, wie der Große heißt. VW hat sich schon mal einige Namen schützen lassen: Von den krudesten Kürzelkombinationen mit D bis zu Merkwürdigkeiten wie Palladium, Borea oder Portobello reicht das Spektrum.

Uriger Altbau als Fabrik

Schon seit Monaten steht die aufwendig gebaute Fabrik zur Produktion bereit - und hat die Bezeichnung »premium« durchaus verdient. Das fällt schon bei den ersten Schritten in den heiligen Hallen auf.

Der Boden nämlich knarzt, zumindest da, wo er noch nicht mit großen Messingschrauben mit dem Untergrund verbunden ist. In einer Fabrik, da kreischt's, stampft's, dröhnt's oder rasselt's vielleicht und hallt beim Gang durch die Produktion. Aber die Geräusche einer urigen Altbauwohnung gehören eigentlich nicht hierher.

Wer zum ersten Mal die Füße auf das kanadische Ahornparkett des Werksbodens setzt und durch die Glaswände das Panorama des Großen Gartens erblickt, der hat unwillkürlich Waldbodenduft in der Nase - und ist doch von Kabeln, Computern und Rollwägelchen umringt. Wahrscheinlich wird er selbst dann kein Schmieröl riechen, wenn die ersten Hätschelkarossen vom Band rollen.

Selbst Hand anlegen

Die gläserne Fabrik, die Volkswagen am Straßburger Platz am Rande des pracht-vollen Innenstadtparks Großer Garten errichtet hat, soll eben ganz anders sein als jeder andere Industrieklotz.

Unter dem Parkett etwa sind 2500 Quadratmeter Fußbodenheizung verlegt. Schließlich soll sich nicht verkühlen, wer 150000 Mark für ein Auto ausgibt - und auch einmal ein Schräubchen selbst drehen möchte. Das nämlich wird der Kunde dürfen.

»premium« soweit das Auge reicht

In dieser Fabrik geben nicht die Produktionsmanager den Takt an, sondern die Marketingstrategen. Und deren Parole heißt: premium. Das neue Zauberwort der Autoindustrie findet sich in der Fabrik an jeder Ecke.

Säulen aus Edelstahl glänzen im indirekten Licht der 8000 Speziallampen. Damit soll vermieden werden, dass die Fabrik allzu grell ins Dunkel des Großen Gartens scheint und die Insekten im Sommer in Schwärmen an die Scheiben klatschen.

Wasser zum kühlen

Selbst die Klimaanlage ist ein Musterexemplar. Am Dresdener Institut für Licht- und Kältetechnik entwickelt, verwendet sie nur Wasser als Kühlmittel.

Hoffentlich funktioniert die Innovation; selbst die winterliche Nachmittagssonne treibt den Besucher nämlich schon dazu, sich das Sakko auszuziehen. Und Schwitzflecken wie ein Bierkutscher, das sieht einfach nicht nach Nobelkunde aus.

In der Tradition des Sachsenkönigs

Die ökologischen Auflagen und Rücksichten auf verwöhnte Besucher kosten eine Menge Geld. Seinen 365-Millionen-Etat wird der Projektmanager Werner Ulrich deswegen möglicherweise nicht einhalten können.

Das berichten die VW-Bauherren aber nicht so gern - sie erzählen lieber von all den außergewöhnlichen Manufakturerrungenschaften. Die Fabrik soll schließlich - in der Tradition des größten Sachsenkönigs - der Zwinger Ferdinands des Starken werden, des Herrschers über ein automobiles Riesenreich mit Sitz auf der eher finsteren Wolfs-Burg.

»Kompetenzzentrum« für Luxusfahrzeuge

VW-Konzernchef Piech trifft denn auch höchstpersönlich alle wichtigen Entscheidungen in seinem zum »Kompetenzzentrum« für alle Luxusfahrzeuge erkorenen Renommierbau. Doch wer für jeden Traum Millionen ausgibt, verdirbt es sich nicht selten mit seinen Großaktionären.

Auch deshalb hat Piech erst kürzlich den Vorrang einer höheren Rendite noch einmal betont - und den Sparwillen bei anderen Projekten. Dem ist wohl die für Dresden geplante Kunstgalerie zum Opfer gefallen.

Und ob das ganze Gelände um die Fabrik mit seinen künstlichen Bächlein, Hügelchen und 150 jungen Bäumchen wie der Rest des größten Parks in der Landeshauptstadt zum Lustwandeln betreten werden darf, ist lang noch nicht gewiss.

High-Tech-Rummel für Besucher

Ein bisschen rein darf aber dennoch jeder in die gläserne Fabrik: Geplant ist ein High-Tech-Rummel mit multimedialer Vision World, virtuellem Autoscooter, Veranstaltungstreff - aus Glas, versteht sich - und einem Restaurant für die Pausen der erlebnishungrigen Besucher.

Ob aber die wichtigsten Gäste, die Käufer, nicht lieber im Zwinger oder auf der noblen Königstraße flanieren wollen, das wissen die Autobauer noch nicht. Ebenso wenig, wie viele Käufer ihren Nobel-VW abholen werden.

Werkzeugkörbe wie Hündchen

Aber selbst ohne Kundenansturm werden Menschen im Glashaus eine weit größere Rolle spielen als anderswo. Nur drei Roboter für die Aggregate-Verschraubung, die Räder- und die Scheibenmontage werden den Arbeitern zur Hand gehen. Und die Arbeit am Band wird dadurch erleichtert, dass die Rollkörbe mit Werkzeug und Material den Fachleuten wie Hündchen und per Magnetsteuerung stets bei Fuß folgen und sich selbsttätig Nachschub holen.

Diese Arbeitnehmer stehen überdies wie die Fische im Aquarium unter Dauerbeobachtung. Da werden sich die Schönheitspfleger im größten Kosmetiksalon der Welt wohl auf adrettes Äußeres kontrollieren lassen müssen. Achselschweiß und speckige Hosenböden sind sicher nicht das, was die Vermarkter unter premium verstehen.

Qualität geht vor

Noch aber ist der Vorhang zu vor dem Auto-Theater. Fremde kommen noch nicht in die Fabrik. Stattdessen kann der Dresdener Passant gelegentlich durch Spalte in den Vorhängen seltsame Paraden weißer Zelte über die jungfräulichen Fließbänder gleiten sehen.

Darunter verbirgt sich der geheimnisumwitterte Edel-VW, und der soll nicht von jedermann durch die Glasscheiben beäugt werden.

Wann der erste Kunde einen fahren darf? Nicht vor Frühjahr 2002. »Qualität geht vor - wir lassen uns nicht drängen«, predigt Produktionsvorstand Folker Weißgerber der ungeduldigen Umgebung. Wer im Glashaus sitzt, will schließlich nicht mit Steinen beworfen werden.

Von Peter Weißenberg


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