Erdgas-Caddy Gib Gas, Richtung Moskau


Mit dem Auto von Stuttgart nach Moskau nur mit Gas im Tank. Den Selbstversuch wagte Felix Bauer, sein Beifahrer Achim und ein VW Caddy. Schon bald ist den Dreien klar: Ohne Rollen, schleichen und Windschatten kommen sie nicht weit.
von Felix Bauer

"Wir sind zu schnell, der Verbrauch liegt zu hoch", sagt Achim auf dem Weg von Poznan nach Warschau und tippt auf das Display im Armaturenbrett unseres mit Erdgas befüllten VW Caddy Eco Fuel. Dort wird der Durchschnittsverbrauch mit 8,3 kg/100 km angegeben. Und das bedeutet, dass wir unseren Plan, nur mit Gas von Stuttgart nach Moskau zu fahren, schon hier in Polen aufgeben müssten.

Am Sonntag sind wir in Stuttgart losgefahren, um mit der rund 2700 Kilometer langen Reise in die russische Hauptstadt die umweltfreundliche und geldsparende Technik auf ihre Langstreckentauglichkeit zu überprüfen. VW verspricht den Caddy-Fahrern bei vollem Gastank und 200 Bar Druck eine Reiselänge von 430 Kilometern.

In der Realität sieht das anders aus: Mit langsamer Fahrt und Windschattenfahren kommen wir auf 7,5 kg/100 km. Das ergibt eine Reichweite von 346 Kilometern und reicht somit für unseren ehrgeizigen Plan eigentlich nicht aus. Schließlich müssen wir auf der Schlussetappe zwischen Smolensk und Moskau gut 400 Kilometer schaffen, Nachtanken ist mangels Tankstelle dort unmöglich.

Um die Distanz zu überwinden, werden wir auf allen Komfort verzichten müssen, der das Autofahren so angenehm machte: Klimaanlage, Radio und alle sonstigen Stromfresser müssen ausgeschaltet werden, der Reifendruck muss rauf. Das innen aufgeheizte, unterhaltungsfreie und hart gefederte Auto sollte uns bis zu 60 Kilometer weiterbringen. In Deutschland sind solche Überlegungen unnötig. Hier funktioniert die Gasversorgung gut, in Polen schon nicht mehr. Dort gibt es gerade mal 30 Erdgastankstellen.

Im Windschatten Richtung Warschau

Die erste Etappe endet im polnischen Poznan, wo wir völlig kaputt ins Bett fallen. Bereits um sieben Uhr morgens müssen wir wieder auf der Straße sein - nicht ganz freiwillig: Wer Gas sparen will, muss langsam fahren, wer langsam fahren will, muss sehr früh aufstehen, damit er nicht in einen spritzehrenden Stau gerät.

Auf dem Weg nach Warschau locken zwar alle paar Kilometer Tankstellenschilder mit der Aufschrift "Gaz", einfüllen können wir diesen Stoff leider nicht. Es handelt sich um die Flüssiggas-Variante, die in Deutschland als Autogas bekannt ist. Also fahren wir weiter langsam und rollen, wo immer es auf den schlechter werden Straßen möglich ist, im Windschatten der anderen Autos Richtung Warschau.

Pünktlich zur Ankunft am Ortsschild warnt die Gasanzeige: "Bitte tanken!" Mitten in der Stadt finden wir prompt die einzige Tankstelle und machen uns auf den Weg zur weißrussischen Grenze. Dort heißt es dann viereinhalb Stunden der Bürokratie genüge tun und warten. Gegen 2.00 Uhr sind wir im Hotel in Brest, einem weiß-gelben Plattenbau.

Einsatz eines speziellen Adapters

Nach vier Stunden Schlaf in Zimmern mit dem Flair Ostberlins der 50er machen wir uns auf den Weg nach Minsk, vorbei an Holzhäusern, Plattenbauten und den zahllosen betagten Lkws. Der nächste Tankstopp ist in Kobrin geplant. An der Tankstelle müssen wir einen speziellen Tank-Adapter einsetzen, ansonsten würde hier die Reise enden, weil das Befüllsystem vom Caddy nicht zu dem der Tankstelle passt.

Tankwart Igor Borovich versteht sein Handwerk. Er macht uns den Caddy voll bis zum Stehkragen, presst acht Kubikmeter in die Stahlflaschen. Die Reichweitenanzeige im Bordcomputer erlebt darauf einen echten Höhenflug: Der Wert von 450 Kilometern ist ein "All Time High". Die Tankstelle selbst sieht zwar alt aus, wird aber wohl auch mit größeren Anforderungen fertig. Neben uns tankt ein russischer Lkw. Fünf Flaschen, groß wie Surfbretter hat er hinter dem Fahrerhaus angebracht, alleine der Tankvorgang dauert 30 Minuten.

Gas-Knappheit kennt Borovich nicht. Seine Tankstelle ist sozusagen Teil der russischen Gaspipeline. Der Kraftstoff kommt direkt aus den dicken Rohren unter der Erde. Ohne spezielle Druckventile wäre Gas-Tanken hier lebensgefährlich.

Unüblicher Verkehr auf der Autobahn

Weiter geht es nach Minsk. Auf der vierspurigen, weißrussische Straße herrschen eigene Gesetze. Mal nutzen die Belorussen den Standstreifen als freie Überholspur oder fahren dort mit Pferde-Heuwagen. Gern parken sie auf der linken Spur und halten ein Schwätzchen während Bauern ihre Rinder über die Betonplatten treiben.

Am frühen Nachmittag kommen wir in Minsk an und stärken uns zunächst mit einem deftigen Mittagessen für die noch gut 300 Kilometer bis zur russischen Grenze, die wir heute noch erreichen wollen. Am Donnerstag und Freitag wollen wir uns dann bis Moskau durchschlagen.


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