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Maybach 57 S: Der Fürst lenkt selbst

Kuzes Nicken, ein kräftiger Händedruck, dann spüre ich 50 Gramm Metall in der Hand. 50 Gramm, die den Eintritt in eine andere Welt bedeuten. In die Welt des Maybachs. Wie wenig ich da hinein gehöre, verrät schon mein Polo-Shirt und die Tatsache, zunächst den Preis des Fahrzeugs von 420.000 Euro für erwähnenswert zu halten.

Von Gernot Kramper

Vorgestellt wurde der 57 S im Marbella Beach Resort, einem Ort an dem über das Geld genauso wenig wie andernorts über die Luft gesprochen werden muss. Vermögen sollte vorhanden sein. Vor allem, wenn man selbst am Steuer eines Maybachs Platz nehmen will. Den 57 S kann man als sportliche Weiterentwicklung der Marke ansehen, oder ihn als Notausgang aus der Absatzkrise betrachten. Der Markt der Edel-Edel-Limousinen entwickelt sich leider nicht so stürmisch, wie vor einigen Jahren gedacht. Er stagniert genau wie der für stinknormale Einzelhandelsprodukte. Die 1000 Exemplaren, die man eigentlich im Jahr verkaufen wollte, liegen in weiter Ferne. Der 57 S spricht mit seinem deutlich sportlicheren Antritt vor allem Selbstfahrer an. Eine Revolution, der klassische Maybach - insbesondere in der 62er Ausführung - bietet nämlich immer einen Arbeitsplatz an, für den Chauffeur.

Investition in Werte

Nimmt man selbst am Steuer Platz, schmeicheln Lack und Leder Hand und Augen. 420.000 Euro sind gut angelegt, Besseres gibt es nicht. Ruhig grollend fährt der Wagen an, mühelos, wie es zu erwarten war. Der 57 S durchquert diese Welt, aber er macht sich nicht mit ihr gemein. Lärm und Staub, Dreck und Eile, alles bleibt draußen. Wahr ist, im Stau steht auch der Maybach. Zumindest scheint es so, denn in Wirklichkeit ruht er nur ein wenig. Contenance am Steuer sollte eine Selbstverständlichkeit für den Besitzer sein. Ungebührliches Interesse ruft dieses Automobil ununterbrochen hervor. Bei Youngstern führt seine Erscheinung zu offenen Mündern, bei vermögenden Herrschaften zu offenem Interesse und bei zwei Schönheiten in Hotel-Livree zu offenen Angeboten. So lässt es sich gleiten.

612 PS von AMG

Zum leisen Schnurren wurde dieser Wagen nicht geboren. Der Quell von Kraft und Freude liegt unter der Haube. Das von AMG im Manufakturstil hergestellte Triebwerk bietet 615 PS und elektronisch gebändigte Tausend Nm Drehmoment. Der V12-Motor hat mit 6,0 Liter etwa zehn Prozent mehr Hubraum und 62 PS mehr Leistung als im herkömmlichen 57. Sie verleihen den 2.7 Tonnen Leergewicht die rasante Leichtigkeit des Seins. Beeindruckend mit welcher Eleganz und Zartheit die infernalische Kraft des Motors auf die Straße kommt. Ein Kampfstier, der wie eine Gazelle auftritt.

Sportiv auf der Geraden

Solange es einigermaßen geradlinig weiter geht, spielt der Maybach seine sportliche Rolle mit Bravour. In 5 Sekunden werden 100 km/h erreicht, in nur 15,7 Sekunden die 200er Marke durchbrochen, weiter geht es dann bis zu 275 km/h. Das Fahrzeug für den "engagierten Selbstfahrer" regelt dann ab, laufen könnte er über 300. Auf der Autobahn beherrscht der 57 S die Szenerie. Bei den Testfahrten bewies die Firma Größe, man ließ den immerhin 5,7 Meter langen Wagen auf denkbar ungeeignetes Terrain los. Kurvige Landstrassen und schrundige Dorfverbindungswege sollten nicht das natürliche Biotop für diesen Wagen sein. Behält man hier die Grunddaten von Länge und Gewicht im Kopf, kann man nur den Hut ziehen. Interessiert einen die Meisterleistung der Ingenieure weniger, fällt das Lob deutlich verhaltener aus. Kräftige Wankbewegungen und deutliches Zerren in Kurvenlagen machen klar, dass der Schwergewichts-Champion bei weitem kein Kurvenkratzer geworden ist. Geht es auf feuchter Straße bergab, meldet sich sehr schnell das Gewissen und sagt, etwas weniger Gas täte dem Gedeihen gut. Positiv bleibt, dass der Sport-Maybach einen breiten Grenzbereich besitzt und frühzeitig seine Bedenken anmeldet. Dem Fahrzeug wurde auf der Fahrt nichts geschenkt, aber auf einer kurvigen Piste mit ständigen Straßenschäden und Belagwechseln bewegt sich das Monster-Geschoss permanent im Grenz und Regelbereich, ohne gelbes Lämpchen geht nichts. Hier muss man genug inneres Gleichgewicht besitzen, um der Tatsache ins Auge zu blicken, dass jeder Racker von der Tankstelle einem hier die Rückleuchten seines GTI zeigen kann.

Edel getunter Wagen

Damit kann man durchaus leben. Unangenehmer fällt auf, wie wenig der Maybach 57 S die technologische Führerschaft im Konzern übernehmen kann. Anstatt eines neuen Fahrzeugs handelt sich eher um einen AMG-Maybach. Hier markiert die neue S-Klasse eine Leistungslinie, die der Maybach nicht erreichen kann. Bei der Anordnung der Instrumente fällt das Fehlen des neuen ebenso innovativen, wie edlem Comand-System auf. Übertragen wird die Kraft des Motors von einer altertümlichen Fünfgang-Automatik, die "7G-Tronic" gibt es nicht. Auf das Radasystem "Night Vision" mag man noch verzichten wollen, aber der Tritt auf die klassische MB-Parkbremse zeigt allzu deutlich, wie weit man von der technologischen Führerschaft entfernt ist. Erstmals nimmt die Herrschaft die Dinge nun selbst in die Hand und bekommt eine stets leicht schwammige und indirekte Lenkung, die selbst im Geradeauslauf nonchalantes Spiel walten lässt. Not amused, lautet das Urteil für die Lenkung.

Über den Dingen stehen

Nun aber genug der kleinlichen Kritik, die "luxuriöseste Sportlimousine der Welt" bietet den kaum zu überbietenden Komfort des 57er mit einem mehr als potenten Triebwerk und einer deutlich sportlicheren Gestalt. Anstatt der schwülstigen Bicolor-Lackierung gibt es den Spezial nur in Schwarz oder Silber, zudem wurde sein Fahrwerk um 15 Millimeter abgesenkt. Details wie die offenen Auspuffrohre und die in Wagenfarbe hinterlegten Schweinwerfer sorgen für ein noch markanteres Äußeres. Wie ein alter Herr sieht dieser Maybach wahrlich nicht aus.

Ach ja, aus dem "offenen" Angebot wurde leider nichts, denn abends musste der Schlüssel leider wieder abgegeben werden.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.