HOME

Mercedes SL: Via Regis - Auf dem Weg des Herrn

Der SL gilt als gepflegte Erscheinung unter den Roadstern der Traumklasse. Die behutsame Modellpflege hat ihm mehr Sportlichkeit verliehen, aber erst AMG weckt das Tier im Gentleman.

Von Gernot Kramper

Andere Wagen verstecken ihr schartiges Blech in der Gosse und raunen dem Gulli zu : "Er ist ein Gott und wir nur Kröten." Elegant die Form, ein Pfeil gespitzt, nicht zu klein, damit ihn nicht etwa jemand übersehe, weht der SL über staubige Gassen. Zweihundert Meter weit wirft sich sein Umhang aus Grollen und Orgeln über Felder und Haine. Froh winken die Mandelbäume ihrer Herrlichkeit hinterher. Lassen ihre Blüten in Donner und Fahrtwind tanzen. Es lebe der König!

Seine Geburt war wie ein Erdbeben, Sieg auf der Carerra Panamericana, auf dem Nürburgring (damals noch dem echten, dem gefährlichen, dem mörderischen) machten zwei Buchstaben weltbekannt: "SL". Ein Mythos ward geboren. Im Laufe der Jahrzehnte - man muss es zugeben - neigt auch der kernigste Mythos dazu, ein wenig Hüftspeck anzusetzen.

Größer, schwerer, komfortabler - die Zauberformel der Sofafabrikanten rückten manchen SL in die Richtung "Spaßmodell für die durchgereifte Jugend". Der einstige Biss ging zwischenzeitlich verloren. Gegen diese Alterssünden kämpft Mercedes an. Auch für die neueste Verjüngungskur nach immerhin vier Jahren Baureihen-Bauzeit hieß die Aufgabe: mehr Sport im Luxussegment.

Feinschliff im Detail

Außen gingen die Designer behutsam vor. So zart arbeiteten sie am Detail, dass mancher Laie den neuen SL doch glatt mit dem alten verwechseln könnte. Veränderungen gab es nur in homöopathischen Dosen, nur vom Fachmann zu bemerken. Hier eine edle Doppelnaht, dort ein paar Chromringe im Innenraum. Etwas Praktisches gibt es auch - die Abschirmung für das Klappdach im Kofferraum kann nun komplett entfernt werden. Ausgewaidet wird der Laderraum übersichtlich, nur kann dann das Verdeck nicht mehr geöffnet werden. Mehrnutzen für die ganz kalte Jahreszeit. An der Frontschürze wurde der SL ein wenig angespitzt, nun streckt er sich dynamischer nach vorn und anstelle von vier Lamellen im Lufteinlass glänzen nun ihrer drei. Oha! Ach ja, nicht vergessen! Die glänzenden Metall-Abdeckungen im Einstieg sind noch breiter geworden.

Nicht unter acht

Aber was zählen Äußerlichkeiten, wenn sich wirklich Neues unter dem Blechkleid getan hat. Sechs- und Achtzylinder wurden durch neue Triebwerke ersetzt, das Status-Flaggschiff - den Zwölfzylinder - hat man modifiziert. Als Basismotorisierung wirkt nun der 3,5 Liter-Sechszylinder mit 272 PS, bewährt und bekannt aus anderen Baureihen. Auf Tempo 100 geht es in 6,6 Sekunden, immerhin eine halbe Sekunde flotter als der alte V6. Gleichzeitig sinkt der Durchschnittsverbrauch um mehr als einen Liter auf nun 10,3 Liter. Im SL 500 arbeitet der neue V8, er schafft 388 PS bisher 306 PS heran und wuppt die Hundert in 5,4 Sekunden. Im großen SL 600 schafft der aus der neuen S-Klasse bekannte Bi-Turbo-Zwölfzylinder mit 517 PS, die 100er-Marke wird nach 4,5 Sekunden erreicht.

Am Ende sind sich alle Maschinchen gleich, bei 250 km/h fahren sie gegen die Reglerwand. Dennoch sind die Unterschiede gewaltig. Der 350 Benziner bietet zwar mehr Leistung als jemals zuvor, gegenüber dem 5,5-Liter Triebwerk fällt er leider deutlich ab. Nicht etwa, dass der SL nicht vom Fleck käme, das versteht sich von selbst. Aber das gewisse "Mehr von noch-mehr" gibt es nicht, und gerade darum fährt man ja einen "Traumwagen" wie den SL. Da darf man es schon erwarten, dass man auch mal von der Faust in den Sitz geknüppelt wird. Mit dem Sechszylinder gibt es so etwas nicht. Offiziell fährt der SL in einer Klasse mit dem 911er - damit diese Zuordnung kein maues Versprechen bleibt, muss der Achtzylinder ran.

Take a walk on the wild side

Hier bemerkt man erstmals, dass SL-Fahrer richtig etwas auf die Ohren bekommen. Die Zeiten als Luxus mit Lautlosigkeit in Verbindung gebracht wurden. sind beim Daimler gottlob vorbei. Richtig behandelt gurgelt und orgelt das Triebwerk, dass dem Fahrer ganz warm ums Herz wird. Als Extra lockt die 7-G-Tronic Sport. Im manuellen Modus sind bis zu 30 Prozent schnellere Schaltvorgänge möglich, außerdem kann der Gangwechsel über Paddels am Lenkrad gesteuert werden. Ein tolles Spielzeug. Oberhalb des Achtzylinders beherrschen zwei weitere Maschinen das Feld. Im SL 600 wirkt der Zwölfzylinder mit noch verschwenderischer Kraft und noch endloserer Leistungsentfaltung. Hier wird der Fahrer mit noch mehr Gewalt in den Sessel gedrückt, und noch sonorer spielt das Lied aus zwölf Töpfen. Dieses "mehr, mehr" ist durchaus spürbar, aber genau genommen ist dies mehr die Maschine für den Status-Fahrer. Zwölf Zylinder sind edler als acht. Darüber hinaus ist es schwer vorstellbar, wer, wie und auf welcher Strecke dieses mehr an Leistung in ein mehr an Fahrspaß umsetzen könnte.

Nackte Gewalt ist auch eine Lösung

Ganz anders im AMG 5.5 Turbo. Der zwangsbeatmete Achtzylinder lebt als Drache hinter Gittern. Er lauert nur darauf, seine Feuerwalze aus den Endrohren spucken zu können. Aber bevor der Wagen durchstarten darf, verwöhnt Mercedes auch im AMG 5.5. den Fahrer mit den aktuellen Hits der Saison. Ungefragt quäkt James Blunt - der greinende Panzerfahrer aus Großbritannien - in den grollenden Sound des Motors. "My love is pure" - inhaltlich geht es um eine Schicksals-Begegnung, die U-Bahn-Fahrer Blunt nicht für sich entscheiden konnte. Mit dem AMG SL wäre ihm das nicht passiert. Denn der AMG ist kein Gentleman, sondern ein Eroberer. Hier wird's im SL ganz anders - Gewalt, die man auch spüren kann. Gasgeben nach der Kurve, das Heck schüttelt den Wagen wie ein Tier. Die Fahrwerksabstimmung bremst und rettet den Fahrer natürlich auch auf glatten Serpentinen. Beim AMG hat man Sinn für Spaß, für soviel Spaß, dass es schwer zu entscheiden ist, ob es eben gerade nur aus Zufall gut gegangen ist. Wer den SL nicht nur zum stilvollen Vorfahren und Einkaufen benötigt, sondern darauf aus ist, ab- und an am Lenkrad Bestwerte im Hormon- und Adrenalinspiegel aufzubauen, ist hier richtig. Wem der normale SL auch vom Aussehen und Charakter zu gepflegt ist, wird von AMG mit der rauen Seite des Lebens konfrontiert.

Schwabenhammer

Das Fahrwerk aller SL wankt und wackelt noch weniger als je zuvor. Der Wagen liegt auch in schwierigen Verhältnissen satt und fest auf der Fahrbahn. Bei aller Agilität zeigt sich der SL vom Charakter eher als Schwergewicht denn als Leichtfuß. Beeindruckend, mit welcher stoischen Gelassenheit zwei Tonnen um die Kurven gesetzt werden, dafür gibt es die manchmal fast tänzerische Agilität leichterer Sportler nicht. Mehr Emotionen bietet der AMG auf eine Art, die man "Gewalt, die spürbar ist" nennen könnte. Die gefahrenen Teststrecken auf den gewundenen Bergrouten Mallorcas meisterte der SL mit Bravour. Gewölbte Untergründe, abfallend gekrümmte kurven und der Wechsel von sonnenwarmen, trockenen Belag zu ausgekühlter nasser Fahrbahn ergeben eine Fahrbahn, die Mensch und Maschine einiges abverlangt. Zur Beruhigung sei gesagt, wenn es wirklich eng wird, kann man sich immer auf die Bremsen verlassen. Der SL verzögert genauso gewaltig, wie er beschleunigt, und solange der Fahrer nur weiß, wohin er das Lenkrad zu richten hat, wird er sein Fahrzeug auch wieder stabilisieren können .

Techno-Neid

So weit der Spaß, aber leider ist das Bessere der Feind des Guten. Und inzwischen hat Benz die neue S-Klasse im Laden. Sie signalisiert, wie hoch die Elle des technisch Machbaren im Konzern inzwischen liegt. Und diesen Wert erreicht der SL mit seinem Facelift natürlich nicht. Helferlein wie Nachtradar? Fehlanzeige. Auch die elegante Menüsteuerung mittels zentralem Rändelrad - hübsch anzusehen und angenehm zu bedienen - gibt es nicht. Selbst eine elektronische Handbremse sucht man vergebens. Unschön auch, dass der Sportmodus in Motor- und Getriebesteuerung eingreift, während Fahrwerk und Lenkung Tabuzonen bleiben. Diese Einschränkungen mögen nicht so tragisch sein, im direkten Vergleich zum eigenen Großschiff sind sie aber durchaus bemerkbar.

Ich bin alt, ich hab das Geld

Das Image des alternden Herrenfahrers wird der SL nicht los.- Kunststück in dieser Preisklasse sind Erstkäufer unter Dreißig selten, und wenn es sie gibt, kann man meist "Hauptberuf = Erbe" eintragen. Fahrspaß bietet der Wagen mehr als je zuvor. Das liegt weniger an der äußerlichen Feinkosmetik, als an dem nun eingebauten Achtzylinder. Auch dass die Zurückhaltung in Sachen "Donnergrollen" aufgegeben wurde, trägt zum gehobenen Amüsement vor.

Wissenscommunity