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Nio ES8: Überraschungsangriff

Nio bietet mit seinem elektrischen ES8 den Luxus-SUV zum fairen Preis, den viele gerne hätten. Noch ist der Chinese bei uns offiziell nicht zu bekommen. Wir zeigen, wieso er auch in Europa echte Chancen hätte.

Nio ES8

Nio ES8

Kaum zu glauben, aber mit diesem SUV fällt man wirklich auf. Die Lackierung in zartem Hellblaumetallic ist abgesehen von der 5,02 Meter Gesamtlänge an sich weitgehend unspektakulär, und doch wird man immer wieder auf den Nio ES8 angesprochen. Das Design gefällt und die Beobachter fragen unumwunden, ob es sich um ein Elektroauto handelt und wie die Marke heißt. Tut es. Der Nio ES8 ist seit rund einem Jahr in China auf dem Markt und hat damit so manchem etablierten Premiumhersteller die Schau gestohlen. Das will er auch in Europa und gerade auf dem so wichtigen Kernmarkt Deutschland. Dabei bietet der Nio ES8 viel Auto für gutes Geld. Das 59.000 Euro teure Basismodell bietet eine ordentliche Serienausstattung und wird von zwei jeweils 240 Kilowatt starken Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse angetrieben.

Überraschungsangriff
Nio ES8

Nio ES8

Macht eine Gesamtleistung von opulenten 480 kW / 652 PS und mehr als imposanten 840 Nm maximalem Drehmoment. Da bleibt dem Familienvater vor der Postfiliale in Grünwald mit seinem 225-PS-Diesel-Volvo erst einmal kurz die Stimme weg. "Wie schnell fährt der denn?", fragt er unumwunden. Trotz der Motorleistung auf dem Niveau eines Supersportwagens sind das gerade einmal abgeregelte 200 km/h. "Damit kommt er für mich nicht in Frage", antwortet er, "das ist dann doch etwas wenig für lange Strecken. Wieso dann so viel Leistung?" Die Frage ist einfach beantwortet: weil diese bei einem Elektroauto nicht so viel kostet wie bei einem Verbrenner. Die Elektromotoren unterscheiden sich bezüglich ihrer unterschiedlichen Motorleistung kaum nennenswert im Preis und da gibt es gerne etwas mehr. Immerhin beschleunigt der 2.460 Kilogramm schwere Allrad-SUV aus dem Stand in 4,4 Sekunden auf Tempo 100.

Dabei halten sich seine sportlichen Tugenden an sich im Rahmen. Viel Motorleistung hat er, aber die schnelle Gangart auf kurvigen Straßen ist seine Sache nicht. Dafür sind die Nick- und Wankbewegungen allzu störend und die leichtgängige Lenkung bietet nicht viel Rückmeldung von der Fahrbahnoberfläche. Kann man sich dran gewöhnen und ist beim Einparken außerhalb der Einparkautomatik recht praktisch; passt aber selbst für einen SUV nicht zu einer ambitionierten Gangart. Dabei will der Nio ES8 mit seiner betont komfortablen Luftfederung ohnehin kein Sportler sein, er will Souveränität ausstrahlen und die mag man ihm weder optisch oder noch technisch absprechen. Denn wer einmal kurz auf der Landstraße überholen will, weiß die 652 PS und 840 Nm trotz des üppigen Leergewichts sehr zu schätzen. Doch bei einem Elektro-SUV wie dem Nio ES8 geht es um mehr als Fahrleistungen. Natürlich sind die maximale Reichweite und die Ladezeiten ein Thema. Die Reichweite von rund 350 Kilometern schafft der Nio in jedem Fall; zumindest wenn man nicht im gashungrigen Sportmodus unterwegs ist. Etwas aufpassen sollte man in engen Autobahnbaustellen, denn mit ausgeklappten Außenspiegeln ist der an sich zwei Meter breite Chinese dann ausladende 2,26 Meter breit - da kann es neben einem Brummi schon einmal eng werden.

In Sachen Ladezeit liefert dieser Praxistest nur unbefriedigende Ergebnisse, denn da es sich um ein reiches China-Modell mit entsprechendem Ladepaket handelt, braucht man einen Poweradapter, mit dem man in unseren Breiten an den Ladesäulen überhaupt nachtanken kann. So dauert es eine gefühlte Ewigkeit, ehe der mit 70 kWh ohnehin nicht allzu große Lithium-Ionen-Akku wieder nennenswert erstarkt ist. Je nach Ladesäule holte der Nio ES8 in rund eineinhalb Stunden nur zwischen 20 und knapp 50 Kilometern Reichweite wieder herein. Für den Alltagsbetrieb indiskutabel, doch mit einer europäischen Konfiguration sollte das Akkupaket im Boden in einer Stunde wieder auf hundert Prozent geladen sein. An der linken Seite des Fahrzeugs gibt es einen AC-Ladeanschluss für 220 Volt mit 32 Ampere und auf der Beifahrerseite einen DC-Stecker für 200 bis 420 Volt und 1 bis 216 Ampere.

Doch abgesehen von den chinesischen Lademodalitäten, einer gefühlt mäßigen Rekuperationsleistung und dem allzu wankfreudigen Fahrwerk kann man dem Nio ES8 nicht viel vorwerfen; insbesondere nicht dem 72.000 Euro teuren Topmodell in der Founders Version. Denn mit der Luxusausstattung fällt es schwer, zu bemängelnde Lücken in der Ausstattungsliste zu finden. Klimatisierte Nappaledersitze mit Massagefunktion und Liegesessel auf der Beifahrerseite, Panoramadach, LED-Licht, vernetzte Navigation, Dämmglas, Nomi-Sprachbediensystem, elektrische Heckklappe, zwölf Boxen sowie die Pilot Funktion mit zahlreichen Assistenzmodulen. Da fehlt selbst für verwöhnte Kunden kaum etwas - so viel Auto für 72.000 Euro - davon würden Kunden eines Mercedes EQC, Tesla Model X oder Audi E-Tron träumen.

Irrsinniges Überholmanöver

Die Sitze sind bequem, das Platzangebot vorbildlich und man ist mit dem Nio ES8 durchweg entspannt unterwegs. Dazu trägt das sehr geringe Geräuschniveau und das komfortable Fahrwerk bei. Wer will ist mit bis zu sieben Personen unterwegs; doch dann wird es mit dem Gepäck etwas dünn. Immerhin liegt die Zuladung bei 639 Kilogramm und das Ladevolumen hinter der sich allzu träge öffnenden Hecktür beträgt 312 lieber bei voller Bestuhlung, üppige 873 bei zwei genutzten Sitzreihen und kombitaugliche 1.863 Liter bei komplett umgeklappten Rücksitzen. Die Bedienung ist denkbar einfach - zumindest wenn man des Mandarin mächtig ist, denn dann lassen sich zahlreiche Fahrzeugfunktionen über das sogenannte Nomi-Auto-Intelligenz-System per Sprache bedienen. Unterhaltsam dreht Nomi sein kugelrundes Köpfchen mit dem LCD-Gesicht, der auf der Mitte der Armaturentafel untergebracht ist, in Richtung des Sprechers mit einer netten Animation - Spielerei, aber klasse gemacht. So unterhaltsam inszeniert würde man sich auch so manchen Sprachassistenten der europäischen Konkurrenz wünschen. So pfiffig Nomi geworden ist, so wenig spektakulär sind die drei Displays. Das Head-Up-Display im Blickfeld des Piloten ist lichtschwach und informationsarm, während die 8,8 Zoll große Instrumenteneinheit für ein derart innovatives Fahrzeug deutlich üppiger dimensioniert sein dürfte. Das gilt auch für das hochkant verbaute 10,4-Zoll-Display zwischen den Vordersitzen - hier bieten andere größere und besser bedienbare Displays. Doch es bleibt nur zu hoffen, dass es der Nio ES8 und sein Bruder ES6 bald auch nach Europa schaffen.

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