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Volkswagen Jetta: Rentner-Hirsch

In Amerika gilt er als Inbegriff des sportlichen Fahrens und als Lieblingsmodell der Tunerszene, nur in Deutschland wurde der Jetta das Image des Rucksack-Fahrzeugs für den Pensionär mit gehäkelter Klopapierrolle nie los. Die neue Generation wirbt mit edlem Design im Look des neuen Passats um Kunden.

Von Gernot Kramper

Golf - das war und ist ein Wagen, an dem man nicht vorbeikommt. Den Jetta, übergangsweise auch Bora getauft, konnte man dagegen auf der Autobahn rechts liegen lassen. Wurde er doch nur von ergrauten und überzeugten VW-Piloten gesteuert, die dem Golf seine zukunftsweisende Form ohne Kofferraum nicht verzeihen wollten. Hinzu kam, dass frühe Modelle dem Verdacht ausgesetzt waren, ein fleißiger Schweißer habe die Kiste für den Kofferraum hinten angelötet. Zu gut deutsch: Ein Wagen zum abgewöhnen, aber immerhin mit der guten Golftechnik.

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Wie aus dem Jungbrunnen

Die Zeiten eines missgestalteten Derivats sind vorbei. Erstmals sieht der Jetta frischer und eigenständiger aus als die Grundform Golf. Gerade das Heck - der alte Rucksack - sammelt jetzt Punkte. Über den hinteren Rädern schließen die Bleche harmonisch ab, die Formen sind konturiert, ohne verspielt zu werden. Die zweiteiligen Leuchten mit weißen LED-Elementen geben den markentypischen Ausdruck. Der Kofferraum wirkt muskulös und trotz seines enormen Inhalts gut proportioniert. Zusätzlich profitiert der Jetta vom neuen Markengrill. Er schafft ein besonderes Gesicht, die Extra-Portion "Chrom" den Eindruck besonderer Wertigkeit. Insgesamt ist die Nähe zum Passat nicht zu verleugnen, würde man ein Passat-Foto ein wenig in die Länge ziehen, wäre der Unterschied kaum zu bemerken. In realen Maßen wirkt die mit dem Golf identische Frontpartie freilich gestutzter. Der elegante Nimbus der gehobenen Mittelklasse, den der Passat verbreitet, stellt sich so nicht ein.

Der schluckt was

Ein paar Gründe müssen auch für den großen Bruder Passat sprechen, dazu gehört auch der noch üppigere Innenraum. Als Fahrzeug der Kompaktklasse kann der Jetta hier aber durchaus überzeugen. Der normale Golf ist 4,20 m lang, durch den Kofferraum bringt es der Jetta auf 4,55 m Länge. Das Plus kommt einzig dem Gepäckabteil zugute, der Radstand bleibt beim Golfmaß von 2,58 m. Öffnet man das Heck, muss man erstmal schlucken. 527 Liter sind mehr als ordentlich. Die Rücksitze lassen sich zusätzlich im Verhältnis 40:60 umlegen.

Viel Golf an Bord

Der Jetta-Innenraum bietet keine Überraschungen, hier herrscht der sachliche Golfstandart in der bekannten, soliden Verarbeitung. Auch unter der Haube werkeln alte Bekannte. Die Basisvariante des 1.6 Benziners zieht mit 106 PS natürlich nicht den Asphalt von der Fahrbahn.

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Seine Pferdchen reichen aber aus, um den Jetta in Schwung zu setzen und auf 186 km/h Spitze zu bringen. Mit einem Durchschnittsverbrauch von 7,6 Litern auf 100 km ist der 1.6 Benziner eine wirtschaftliche Wahl. Auch mit stärkeren Motoren leidet das Fahrverhalten nicht merklich unter der größeren Länge, der Jetta lässt sich so direkt und sportlich fahren, wie man es vom Golf gewohnt ist. Bei den Motoren dürften sich die meisten Kunden wie beim Golf für den 1,9-Liter-TDI mit 105 PS entscheiden. Der wirkt immer noch ein wenig raubeinig, aber voller Kraft und arbeitet sparsam. Daneben gibt es einen weiteren TDI-Motor mit 140 PS. Partikelfilter sind ab Herbst verfügbar. Im schnellsten Jetta wird übrigens der Turbo-FSI aus dem Golf GTI verbaut.

Der Preis der Schönheit

Bei den Preisen steckt der Jetta, wie kann es anders sein, in der Mitte. Der Jetta 1.6 Trendline kostet 18.950 Euro, den besser ausgestatten Comfortline gibt es für 1.000 Euro Aufpreis. Das sind 2.300 Euro mehr, als für den Golf gezahlt werden müssen, aber 3.000 Euro weniger, als für einen Passat verlangt wird. Am Ende muss die reine Liebe zur Limousinenform entscheiden. Im Vergleich mit einem Kombi kann der Jetta trotz des Kofferraums nie als praktisches Raumwunder glänzen. Dafür stimmt jetzt die Optik. Das gilt auch im direkten Vergleich mit dem wohlgeformten Konzernbruder, dem Skoda Octavia. Hauptproblem bei diesem Vergleich bleibt der schmerzliche Preisunterschied zuungunsten des Wolfsburgers. Zur Erinnerung: Fast fürs gleiche Geld, das VW für den Jetta 1.6 verlangt, gibt es bei Skoda bereits einen Kombi mit Dieselmaschine. Ja, ups, das tut weh. Dafür wirkt der neue Jetta wesentlich frischer und dynamischer. Er bringt auch mehr Sexappeal mit als der Normalo-Golf, zumindest solange der kein neues Frontgesicht verordnet bekommt.

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